Milliardenmarkt KiPo?

Glaubt man Ines Pohl, ist dem wohl so. Im Deutschlandfunk äußerte sie sich so:

“Und sind nationale Gesetzesverschärfungen nicht sowieso nur eine hilflose Geste im grenzenlosen, weltweiten Internethandel? Nein. Im Gegenteil. In jeder Sekunde sind weltweit 750.000 Pädophile online, sagen die Experten. Im vergangenen Jahr haben 250.000 Deutsche rund 20 Milliarden Euro für Bilder und Filme mit nackten Kindern ausgegeben. Der Markt ist riesig. Und die Betreiber dieser Foren schrecken vor nichts zurück, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. Armut und Unwissenheit der beteiligten Kinder und ihrer Familien werden brutal ausgenutzt.”

Ich fühle mich bei solchen Meldungen immer etwas hilflos. Diese Zahlen wirken natürlich sehr dramatisch. Da kann man jede Kritik an Gesetzesverschärfungen kaum noch begründen, so scheint es. Unwillkürlich steigt die Scham hoch, dass man doch nur egoistisch eigene Interessen verfolge, angesichts dieses Elends in einem solchen Ausmaße habe man zurückzustecken.

Dennoch bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass Gesetzesverschärfungen schlecht sind. Die Zahlen von Frau Pohl finde ich auch verwunderlich. Ich zitiere mal Fefe:

80k pro Kopf in einem Jahr?!

Das ist schon wahnsinnig viel Geld. Das soll wirklich so zutreffen? Nun erinnerte ich mich, dass der “Milliardenmarkt” schon einmal von Frau von der Leyen beschworen worden war, nämlich im Zuge des Versuches, Internetsperren durchzusetzen. Und schon damals hatte Alvar Freude nachgeschaut und festgestellt, dass die behaupteten Milliardenströme Unsinn seien. Da im Zusammenhang mit Edathy dieses Thema wieder aufkam, hat Freude noch einmal etwas dazu geschrieben. Schon auf dem ersten Blick wird es interessant.

Frau Pohl behauptet, allein 250.ooo Deutsche hätten ca. 20 Milliarden Euro für KiPo ausgegeben. Freude zitiert eine – von ihm später widerlegte – Schätzung von McKinsey, die eine Summe von ca. 20 Milliarden Dollar ausgeht. Weltweit. Nanu? Was stimmt da jetzt? Laut Frau Pohl gehen ja schon 20 Milliarden über den Tisch, die allein aus deutschen Taschen stammen sollen. Damit wäre die von Pohl behauptete und lediglich für den deutschen “Markt” geltende Summe höher als die, die sonst zitiert wird als Beleg für den weltweiten “Milliardenmarkt” der KiPo. Das legt nahe, dass Frau Pohl nicht genau geprüft hat, woher ihre Zahlen stammen.

Leider galt das ja auch schon für McKinsey oder wer da immer letztlich als Stichwortgeber für den 20 Milliarden Dollar Markt agierte. Nachzulesen ist das alles bei Alvar Freude bilanziert:

Etwas Suche findet einen Grund: die Zahlen sind unseriös zusammengeraten, wie Recherchen von Carl Bialik vom Wallstreet Journal und Daniel Radosh (via Archive.org) zeigen. Das NMEC zitiert in einem Papier eine angebliche McKinsey-Studie. McKinsey sagt, dass der Text in dem die Zahl auftaucht nur eine pro bono Arbeit war und die Zahl nicht von ihnen komme, sondern von ECPAT, und es sei auch keine Studie. Die haben es angeblich vom FBI, zitiert in einem Bericht für den Europarat (wohl nicht mehr online). Das FBI sagt: die Zahl komme definitiv nicht von ihnen – und dann verliert sich die Spur.

Gerade sehe ich, dass ihm die Zahlen von Pohl auch schon sauer aufgestoßen sind. Entsprechend setzt Freude nach:

Wer es noch nicht gemerkt hat: die zitierten Zahlen sind schlicht erfunden. Weder Ines Pohl noch der Deutschlandfunk noch sonst irgendjemand können auch nur ein Indiz für die diese Zahlen liefern, geschweige denn einen Beweis. Im Gegenteil: seriöse Untersuchungen zeigen, dass es keinen relevanten kommerziellen Markt für Kinderpornografie gibt.

Aber leider sind es Leute wie Pohl, die auf Basis dieser falschen Zahlen nach mehr Kriminalisierung rufen und die nicht verstehen, dass sie damit nicht sich selbst, sondern dem Staat in die Hände spielen, dem sie so mehr Macht geben.

 

 

 

 

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2 Responses to Milliardenmarkt KiPo?

  1. Graublau says:

    Siehe hierzu auch Udo Vetter: Die Legende von der Kinderpornoindustrie. Der Mann ist Anwalt und hat zumindest mit tatsächlichen Straftätern und Besitzern von KiPo zu tun.

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