Fundstück: Prostitution als Vergewaltigung

Auf SPON findet sich ein Interview mit Hans Broich. Dieser wird als Prostitutionsgegner zitiert und interviewt und in dem Interview findet sich folgende Passage:

SPIEGEL ONLINE: Befürworter der Prostitution argumentieren mit der sexuellen Freiheit.

Broich: Prostitution hat nichts mit sexueller Freiheit zu tun. Sie basiert nicht auf gegenseitiger Lust. Sobald Geld beim Sex eine Rolle spielt, geht die Freiheit verloren. Es geht dann nur um Macht – fast immer um die Macht des Mannes über den Frauenkörper.

Diese Haltung ist gewiss nicht neu. Aber sie erstaunt mich immer wieder. Broich behauptet, der Freier hätte letztlich Macht über den Körper der Prostitutierten, wenn er sie bezahlt. Doch wie kann es hier zu einem Machtverhältnis kommen? Macht ist auch immer eine praktische Angelegenheit, Macht macht Arbeit und muss sowohl errungen als auch durchgesetzt werden. Das hat Broich vergessen. Also darf man auch fragen, wie der Mann durch seine Zahlung zu Macht gelangt.

Im Grunde handelt er mit der Prostituierten einen Vertrag aus: Sex gegen Geld. Vermutlich legt die Prostitutierte fest, was er für sein Geld erwarten darf – und was nicht. Insofern es ein Vertrag ist, verpflichtet sie sich ihrerseits, das Versprochene auch zu tun  bzw. zuzulassen. In einem übertragenen Sinn könnte der Freier vorenthaltene Leistungen einklagen – wenn es denn einen Gerichtsstand für solche “Verträge” gäbe. Nur in diesem Sinne könnte er einen Hebel ansetzen. Aber selbst darauf hätte sich die Prostituierte selber und freiwillig eingelassen. Sie muss diesen Vertrag nicht schließen.

Nur weil der Freier zahlt, gibt es keinen Automatismus, der die Prostituierte zur völligen Unterwerfung zwingt. Sie ist jetzt nicht plötzlich den Launen des Mannes ausgeliefert. Wenn er das wollte gegen ihren Willen, müsste er Gewalt anwenden. Dann aber würde er sich strafbar machen wegen Vergewaltigung. Aber verzichtet er auf Gewalt, so kann die Prostituierte immer noch tun, was sie für richtig hält. Es gibt keinen strukturellen Zwang, nur noch tun zu müssen, was der Freier von ihr verlangt. Der wird im Zweifel, wenn er unzufrieden ist, sein Geld nehmen und verschwinden. Aber er kann nicht darauf hoffen, dass seine Zahlung allein jeden Widerspruchswillen einer Prostituierten auslöscht. Die Zahlung versklavt sie nicht, beraubt sie nicht ihrer auch sonst verfügbaren Handlungsmöglichkeiten. Sie kann weiterhin “nein” sagen, sich wehren, schreien, was auch immer sie für richtig hält. Diese Fähigkeiten verliert sie nicht, nur weil sie dem Freier Sex gegen Geld versprochen hat.

Wo hat also der Freier jetzt plötzlich diese Macht her, dass er den Körper der Prostituierten als Objekt nach Belieben benutzen könnte? Auch wenn er sich gewissermaßen ein “temporäres Nutzungsrecht” erworben hat, so bleibt die Prostituierte immer noch diejenige, die über ihren Körper verfügen kann. Sie gibt ihn nicht her, wie man einen Gegenstand hergeben kann. Sie bleibt in ihm und lenkt ihn mit ihrem Willen, auch wenn sie ihn dem Freier zur Verfügung stellt.

Was Leute wie Broich nicht sehen wollen, ist der Umstand, dass eine Prostituierte eher ihre Kooperationsbereitschaft verkauft und eben nicht ihren Körper. Sie behält letzteren, aber sie erklärt sich mit Vertrag bereit, mit diesem Körper die Wünsche des Freiers zu erfüllen. Das ist gewissermaßen eine aktive Handlung der Körperinhaberin, auch wenn sie sich nur hinlegt. Es ist ihr Wille, den sie ihrem Körper auferlegt. Das gilt auch für die Passivität für die Zeit, wo der Freier sie beschläft. Denn das wäre nicht möglich, würde sie es nicht zulassen.

Insofern kann ein Freier allenfalls die Illusion der Macht kaufen. Oder er kann sich die Macht erobern mit Gewalt. Aber das ist schon jetzt strafbar. Zweitens schützt ein Prostitutionsverbot leider nicht davor, dass ein solcher Typ seine Wünsche durch Gewalt befriedigt.

 

 

 

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3 Responses to Fundstück: Prostitution als Vergewaltigung

  1. Godwins Law says:

    Hitler hatte Macht über Juden. Musste er vorher den Juden bezahlen, um seine Macht über ihn ausüben zu können?!

    • suwasu says:

      Der Vergleich ist ziemlich gehbehindert ^^
      Hitlers Macht über Juden beruhte auf staatlicher Gewalt, also auf Zwangsmitteln. Er konnte die “Kooperation” erzwingen bzw. über die Gewalt konnte er sich tatsächlich die Körper aneignen.

      Der Freier hat für gewöhnlich keine Polizisten dabei, die ihm bei der Einforderung seiner Wünsche helfen. Er hätte nur seine eigene Körperkraft. Solange er diese nicht einsetzt, sondern nach Vereinbarung nur macht, was der “Vertrag” vorsieht, “besitzt” er den Körper der Prostituierten nicht.

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