Und ewig währt das Schuldgefühl

Morgens in der Bahn. Eine junge Frau neben mir liest Alice Schwarzer. Und in mir kochen die Emotionen hoch. Ungesund. Unsouverän. Ich fühle mich bedroht. Dabei ist die junge Dame still und mit ihrer Lektüre beschäftigt. Ich aber fürchte die Aggressivität des Schwarzer-Pamphlets und erwarte jeden Moment, das mir wütende Anklagen entgegengeschleudert werden.

Das ist eine der Situationen, in denen ich mich frage, warum ich eigentlich so leicht zu erschüttern bin. Warum tropft das Gekeife von Schwarzer nicht einfach an mir ab? Konfrontation mit dem Feminismus weckt bei mir heftige Gefühle, womöglich hat Erzählmirnix recht, wenn sie annimmt, dass Feminismuskritiker häufig verbittert seien.

Ich sehe mich in einem eigenwilligen Spannungsfeld. Auf der einen Seite bin ich jemand, dem es schwer fällt, sich durchzusetzen. Ich habe keine willensstarke Ausstrahlung. Vielmehr gerate ich in Gefahr, unter die Räder zu kommen. Das gilt gerade auch im Verhältnis zu Frauen. Hier fehlt es mir oft an der Fähigkeit, meine Wünsche deutlich zu äußern bzw. überhaupt welche zu entwickeln.

Elmar hatte mit dieser Schilderung ins Schwarze getroffen:

die Bereitschaft viele Männer ihre Sexualität dem weiblichen Orgasmus zu widmen.

Diese Erwartungshaltung der Frauen und die von den Männern selbstverschuldete Bereitschaft, Frauen zu willen zu sein, führt zu dem typisch männlichen Problem, eine völlig unentwickelten eigenen Sexualität. Männer sind oft so vollständig konzentriert auf Frauen und versuchen alle weiblichen erogenen Zonen gleichzeitig zu stimulieren und zu kontrollieren, daß sie sich selbst und ihre Lust total vergessen.

Besser könnte ich es auch nicht beschreiben.

Umgekehrt fürchte ich die aggressiven Forderungen von Frauen, ihre Anspruchshaltung und ihre Bereitschaft, bei Nichterfüllung ihrer Standards sofort einen Konflikt vom Zaun zu brechen. Zumindest erlebe ich das als aggressiv und ich wundere mich immer über das Selbstbewusstsein, mit dem manche Frau ihre Forderungen erhebt, als gäbe es da nichts auszuhandeln und als seien ihre Vorstellungen und Standards allgemeingültig und von aller Welt als richtig anerkannt.

Und dann der Feminismus, der mir also entgegenschleudert, ein Machthaber zu sein. Ich bin trotz meiner Schwäche und meiner Furcht ein Herr, der die Frauen knechtet, und jemand, der von ihrer Unterwerfung profitiert. Auch wenn ich vom Verstand her diese Vorwürfe als absurd entlarven kann, so lösen sie doch ein heftiges schlechtes Gewissen aus. Das ist das gleiche schlechte Gewissen, dass sich unmittelbar zeigt, wenn ich einen Wunsch aufkommen fühle. Gerade erotische Wünsche sorgen für Schuldgefühle und die permanente Frage, ob sich in dem Wunsch und seiner Verwirklichung nicht schon Frauenverachtung und Frauenerniedrigung ausdrücken würde. Mein Verstand sagt deutlich “nein”, aber das Gefühl behauptet hartnäckig, es sei so.

Das erzeugt freilich Abwehr, also panzere ich mich nach außen gegen feministische Anklagen.

Es ist seltsam, weil ich gar nicht weiß, woher diese Schuldgefühle eigentlich herrühren. Ich weiß, dass es in den 80er Jahren einst – im Westen Deutschlands – eine Art öffentlicher Debatte über den ach so komplizierten Orgasmus der Frau gab, dem gegenüber die Männer für gewöhnlich ignorant gegenübertreten. Sie wüssten nichts von der Komplexität der Frau und sie achteten nicht auf deren Bedürfnisse. Das ist offenbar tief in meinem Kopf verankert. Auch das von mir als Kind/ Jugendlicher konsultierte Aufklärungsbuch sparte nicht mit diesbezüglichen Vorwürfen. Auch sonst war ja alles schlecht, was Männern Spaß machte: Pornografie, überhaupt schon Aktbilder, deren Konsum Indiz für die “Objektifizierung” von Frauen sei, die begehrlichen Blicke. Der Blick in den Ausschnitt ist prototypisch für die Verurteilung des männlichen Begehrens. Denn wer einer Frau aufs Dekolleté schaut, schaut ihr nicht ins Gesicht und nimmt sie nicht mehr als Mensch war, sondern nur noch als “Objekt”. Männer wollen immer nur das Eine, das war die Begleitmusik meines ganzen männlichen Lebens, sobald ich diese Aussage irgendwie halbwegs verstehen konnte als Kind und als Jugendlicher.

Und so kam es, dass ich eigentlich nur noch auf sie achtete und nicht mehr auf mich. Und dass ich viele Dinge, die mir gefallen, immerfort bewerte und befrage danach, ob es eine Form männlicher Ausbeuterei sei. Ob ich diese Schuldgefühle loswerde, weiß ich nicht. Die Arbeit daran währt nun schon viele Jahre und die Erfolge sind minimal.

Angesichts meiner eigenen Zwanghaftigkeit und meiner Schuldgefühle machen mir feministische Vorwürfe enorm zu schaffen. Ich fühle mich eher als Knecht denn als Herr und ich fühle mich dem weiblichen Verlangen (ob im Bett oder im Haushalt) eher ausgeliefert. Dennoch als Geißel der Frauenschaft verurteilt zu werden, macht mich daher doch recht wütend.

 

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12 Responses to Und ewig währt das Schuldgefühl

  1. tom174 says:

    Die Verbitterung gibt es sicher auf beiden Seiten, das ist fraglos. Schlimm wird es dann aber, wenn Verbitterte sich zu Meinungsführern erklären.
    In meinem Umfeld spielt der Feminismus kaum eine Rolle, der Radikalfeminismus überhaupt keine. Leute sollen gerne AS lesen, ich habe auch ne Che Biografie gelesen, und auch viel über Escobar.
    Ich glaube nicht, dass Zensursula verbittert ist. Aber sie nutzt den Feminismus geschickt zum Machtgewinn. Und das wiederum ist eine Sache, gegen die es lohnt, zu schreiben.
    Wir hier, die Gender schreiben, wir leben in einer Filterbubble. Da spielt es keine Rolle ob das der Stadtfuchs oder die Robin ist. Ja, es gibt Kontakte zwischen beiden Seiten, das erweitert die Bubble, aber es ist dennoch ein sehr kleines Publikum. Eine Ausnahme ist hier EMN, aber auch da sind überdurchschnittlich viele “gendersensibilisierte” unterwegs.

    • suwasu says:

      Ich gebe Dir recht. Die Filterbubble ist klein und behaglich und übersichtlich wie ein Dorf, dessen rege Gemeinde wir bilden. Darüber mache ich mir auch manchmal Gedanken. Es gibt ja auch Phasen in meinem Alltag, wo ich kaum die einschlägigen Blogs lese. Dann schlagen die emotionalen Wellen auch nicht ganz so hoch. Andererseits hat mich das Thema schon lange vorher beschäftigt. Immer mal wieder bin ich darauf gestoßen, z.B. bei der Feststellung eines Autors, dass weibliche Jugendliche für Gewalttaten deutlich weniger streng strafverfolgt werden. Das war zu Zeiten, als ich zwar Arne Hoffmann, aber noch nicht “Genderama” las. Arne hatte damals wesentlich häufiger zu anderen Themen gebloggt.

      Fest steht, die Verbitterung darf nicht die Feder führen. Für mich als durchaus emotional angetriebener Feminismuskritiker steht fest, dass ich über dieses Thema nie forschen werde – dazu bin ich dann doch zu befangen.

      • Graublau says:

        Es ist schon ein ganz großer Schritt nach vorne, zu erkennen, wo man emotionsgetrieben ist. Ein wortgewandterer Kerl als ich hat das letztens so zusammengefasst:

        “Einen Blog würde ich auch gerne aufmachen, um dann mal ordentlich rumranten zu können. Am Ende würde ich es aber vermutlich doch nicht tun und wieder ganz artig und lieb vor mich hindifferenzieren ^^”
        “Natürlich, weil ich so ein netter, lieber Mann bin, Ihr verdammten Weiber, Ihr seid ja alle miteinander, Ihr *kreisch* ^^”

        Ein echter Schenkelklopfer, der viel Wahrheit enthält. Ich bin doch sehr froh, dass Du wieder bloggst, denn ich habe schon aus den wenigen Einträgen etwas gelernt.

  2. Pingback: Schuldgefühle angesichts weiblicher Wünsche und Forderungen | Alles Evolution

  3. Adrian says:

    “Männer wollen immer nur das Eine”

    Selbst wenn: So what?

    • suwasu says:

      Gute Frage….

      Zu dem “so what” bin ich nie vorgedrungen. Allzu selbstverständlich habe ich die Negativbewertung des Triebes übernommen. Was ja irgendwie verbunden ist mit der Behauptung, dass Sex für die Frau eher Zumutung als Vergnügen ist. Als würde man was von ihr wollen, was ihr lästig fällt und ihr Arbeit macht.

      • Adrian says:

        Nun ja, Frauen haben auch nicht so oft gerne Sex, wie Männer. Nur, warum sollten ihre Gefühle mehr zählen, als die eines Mannes?

        “Allzu selbstverständlich habe ich die Negativbewertung des Triebes übernommen.”

        Kann ich nicht nachvollziehen? Warum? Was ist an Sex schlimm? Wer hat Dir das vermittelt? Frauen? Reden wir von der Sorte Mensch, die jeden Sommer ihre Möpse freilegt und sich dann beschwert, wenn jemand (der Falsche) hinschaut?

      • suwasu says:

        Du stellst gute Fragen. Ja, warum zählen ihre Gefühle mehr? Weil sie letztlich entscheidet, ob und wann es Sex gibt. Daher muss Mann ihre Bedürfnisse wohl eher berücksichtigen als dass Frauen Männerbedürfnisse aufgreifen müssen.

        Wer mir das vermittelt hat, weiß ich nicht. Das ist einfach eine alte Geschichte bzw. es war irgendwie schon immer so. Männliche Sexualität kenne ich nicht als positiv. Sie wird meist als Problem dargestellt.

        Die sich entblößenden und sich gleichzeitig über schauende Männer empörenden Damen spielen freilich auch eine Rolle. Irgendwelche Umstände geben ihnen die Macht, nach Gutdünken zu definieren, ob eine entblößte Brust ein sexueller Reiz oder einfach ein Stück Ästhetik ohne HIntergedanke sein soll. Da spielt auch Verantwortungslosigkeit mit. Diese Frauen tun so, als wüssten sie nicht, dass erotische Reize nun einmal den Trieb anstacheln und geben sich unschuldig.

        Also ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich immer Bestätigung brauche, Sex wollen zu dürfen, ansonsten fühle ich mich unsicher. Und das heißt ja, dass ich meinen Wunsch nicht aus mir selbst heraus als legitim anerkenne.

      • Adrian says:

        “Ich weiß nur, dass ich immer Bestätigung brauche, Sex wollen zu dürfen”

        Falls es Dir hilft: Ich bestätige Dir das: Du darfst Sex haben wollen dürfen. Du bist ein Mensch, Du bist ein Mann, Du stehst Auf Frauen und auf Titten. Das ist gut, das ist gesund, das ist Leben. Und wenn das jemandem nicht passt, dann ist das sein Problem, nicht Deines.

      • suwasu says:

        Zu dieser Haltung würde ich mich gerne durchringen können. Also auf der Ebene des Verstandes: Kein Problem, sie leuchtet mir sofort ein. Nur der Bauch macht da nicht mit. Ärgerlich.

      • Adrian says:

        Klar, das ist ein Lernprozess. Ich musste auch erst akzeptieren, dass mein Sexualtrieb nicht böse ist.

  4. Pingback: Fundstück: LoMi und die Pauschalisten | Geschlechterallerlei

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