Blanke Brüste als Konfliktminderer

Über #bombergate ist schon vieles gesagt worden. Dem möchte ich vorläufig nichts hinzufügen. Stattdessen möchte ich der Frage nachgehen, was es bedeuten kann, dass junge Frauen mit blanken Brüsten versuchen, Politik zu machen. Ich möchte das möglichst ergebnisoffen tun, ohne also vorher schon sicher zu sein, dass es sich dabei um etwas Verwerfliches handelt.

Es ist bereits häufig kritisiert worden, dass bei Femen vorrangig junge, schlanke Frauen aktiv sind, die dem aktuellem Schönheitsideal entsprechen. Es gibt unter ihnen keine dicken und auch keine älteren Frauen. Sie zeigen also jugendliche weibliche Schönheit, eine Schönheit, die nach Medienmaßstäben recht unstrittig ist. Keine der Aktivistinnen muss sich vorhalten lassen, den ästhetischen Geschmack zu beleidigen. Man denke dabei an die dumme Kritik mancher Zeitgenossen an älteren Badegästen von FKK-Stränden. Solche Beschwerden handeln sich die Femen-istinnen nicht ein. Sie stellen also dar, was heterosexuelle Männer gerne sehen mögen und was Frauen gerne sein wollen. Insofern wecken sie eigentlich positive Gefühle bei vielen Betrachtern, zunächst. Vorstellbar ist, dass eine ältere dicke Frau erheblich heftigere Kritik ernten würde, allein deswegen, weil viele Menschen diese als “unästhetisch” empfinden würden. In diesem Falle würde das Urteil über eine Femen-Aktion mitbestimmt durch die vom Geschmack geprägte Ablehnung des vorgeführten Körpers. Die jungen Femen-Aktivistinnen nehmen einer solchen emotionalen Ablehnung aber den Stachel. Dadurch wirkt der Aktivismus sehr kalkuliert, nicht minder strategisch angelegt als eine Werbekampagne, die sich ebenfalls junger schlanker Frauen bedient, letztlich auch nur, um eine Botschaft zu verkaufen.

In der Werbung spielt der Frauenkörper mit den Träumen der Betrachter. Willst Du mich beeindrucken, musst Du dieses Produkt benutzen. Als Frau kannst Du dann so sein wie ich, als Mann wirst Du Frauen wie mich kennenlernen. Betrachtet man eine Femenaktion durch diese Brille, würde die Botschaft lauten: Willst Du eine Frau wie mich kennenlernen, müsstest Du die auf meinen Körper geschriebene politische Haltung Dir zu eigen machen.

Natürlich kann ich nicht wissen, welche “Theorie” hinter den Femenauftritten steckt. Ich sehe nur eine ähnliche “Optik” wie in der Werbung: Nackte Haut und eine Botschaft, die mir über den Umweg meines Traumes von Schönheit und Erotik vermittelt werden soll. Während ich “Thanks Bomber Harris” lese, komme ich nicht umhin, die entblößten Brüste zu bewundern. Während ich sie bewundere, stolpere ich über die ungewohnte, provokative Botschaft, die mich aus dem Reich der Träume wieder herausstößt. Die Werbebotschaften weisen diesen Bruch nicht auf. Femenauftritte arbeiten systematisch damit. Sie verbinden die erotische Wirkung der Frauenkörper mit unerotischen politischen Forderungen. Der Betrachter schwankt hin und her zwischen dem erotischen Genuss und der zuweilen provozierenden, also auch ärgerlichen Botschaft. Man ärgert sich etwa über Frau Helms Unbedachtheit, aber kann nicht umhin, ihre Attraktivität zu genießen.

Welche Auswirkungen hat dieser Zwitterstatus? Er arbeitet mit Anziehung und Abstoßung. Man will sich wütend abwenden, weil man die Botschaft ablehnt. Man ist doch fasziniert, weil man den gebotenen Anblick als erotischen Reiz empfindet.Will man diese Erotik nicht vollends aufgeben, kann man die Beziehung zur Protestlerin nicht abbrechen. Gäbe es nur eine schwarzgekleidete Protestgruppe, würde man irgendwann seiner Wege gehen. Aber die Magie des nackten Frauenkörpers zieht den Blick wieder zurück und nicht umsonst findet die Boulevardpresse ein zwiespältiges Vergnügen an der Enthüllung von Frau Helm. Es ist eine doppelte Enthüllung, man zeigt ihre Identität und man zeigt ihren Busen und liefert so dem Kleinbürger Stoff für Fantasien.

Die nackten Brüste sorgen für die Fortsetzung der Beziehung oder als Leser der Zeitungen für die Fortsetzung des Interesses am Thema. Es ist die enthüllte Haut, die das Thema am Kochen hält. Einem älteren dicken Mann hätte man eine solche Botschaft auch verübelt, aber das Thema wäre vermutlich schneller abgehakt worden. In diesem Fall hätte nicht nur die Botschaft, sondern auch die “Unästhetik” des Mannes viele abgestoßen. Insofern wirkt der blanke Busen wie ein Aufmerksamkeitsgenerator, als der er wohl auch gedacht war. Aber ist damit ein Femen-Auftritt hinreichend beschrieben? Es ist ja nicht nur die durch Provokation und Sensation erzeugte Aufmerksamkeit. Es ist ja nicht nur das Ungewöhnliche und Außeralltägliche, was hier die Neugierde weckt. Vielmehr gewinnen die jungen Aktivistinnen die Aufmerksamkeit aus dem Begehren. Dieses Begehren schwächt den Begehrenden, er wird im Augenblick des Begehrens abhängig, weil er anfängt, Wünsche zu entwickeln, die nur diese Frau erfüllen kann. Sobald der Betrachter Genuß empfindet und so seine erotischen und auch nur ästhetischen Träume geweckt sind, ist auch immer eine Form des Flirts im Spiel. Die Enthüllerin hat die Macht, Träume zu wecken und Wünsche zu erfüllen. Sie nimmt Einfluss auf den Betrachter. Dieser kommt ihr einen Schritt weit entgegen, ist bereit, mit ihr zu verhandeln und sei es nur um der weiteren Sekundes ihres Anblickes willen. Er ist jedenfalls nicht in der Lage, ihr mit vollkommener Ablehnung zu begegnen. Wirklich gehasst wird sie nur von denen, die ihre Träume massiv unterdrücken müssen.

Das ist eine Macht, die eine 50jährige, beleibte Aktivistin so nicht gewinnen könnte. Diese Frau würde sich dem geballten und ungebremsten Widerspruch ihrer politischen Gegner aussetzen. Sie verfügt nicht über die beziehungsstiftende Erotik junger schöner Frauen. In der Tat ist erotische Attraktivität auch grenzüberschreitend und zwar nicht allein in Hinsicht auf die Integrität von Personen. Erotik führt auch Menschen zusammen, die aufgrund unterschiedlicher Interessen oder Einstellungen sonst nie etwas miteinander anfangen würden. Sie verbindet Leute aus unterschiedlichen Familien und Milieus. Sie sorgt nicht selten dafür, dass man die eigene Alltags-Filterblase verlässt. Die junge Femen-Aktivistin verschafft sich diese Zuwendung, die der älteren Kämpferin so nicht mehr zuteil werden kann. Wie man an Femen sehen kann, ist dies Kalkül. Vermutlich vermeidet die “Bewegung” auf diese Weise einen dauerhaften und tiefen Konflikt und hält sich so die Hintertüre offen, sich wieder in die von ihr provozierte Gesellschaft einzureihen, in der Gewissheit, dass nicht wenige Männer angesichts ihrer jugendlichen Schönheit ihnen allerlei Fehltritte verzeihen würden.

 

 

 

 

 

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2 Responses to Blanke Brüste als Konfliktminderer

  1. tom174 says:

    Willst Du eine Frau wie mich kennenlernen, müsstest Du die auf meinen Körper geschriebene politische Haltung Dir zu eigen machen.
    Da steht was? 😀

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