Skandal! Alter Meister malte nackte Jungs

Nein, es passierte nicht in Amerika, sondern hier bei uns, im aufgeklärten Berlin: In einem offenem Brief fordern einige Personen, man solle einen Caravaggio abhängen, weil dort ein nackter Jüngling abgebildet ist. Und das sind die Argumente:

Ein offener Brief an die Berliner Gemäldegalerie Alter Meister richtet allergrößte Bedenken gegen Caravaggios Meisterwerk „Amor als Sieger“, gemalt 1602 und schon seit der Erwerbung aus der Sammlung Giustiani 1815 ein weltberühmtes und vielbeneidetes Juwel der preußischen Museen. Das Bild soll nun, ginge es nach den Briefschreibern, wegen seiner „unnatürlichen und aufreizenden Position“ schleunigst von der Wand. Die „ausdrücklich obszöne Szene“ diene „zweifellos der Erregung des Betrachters“. Auch unter Rücksicht auf das Alter des „Modells“ sei dieses „künstlerische Produkt“ höchst verwerflich. Es könnten Pädophile ihre perversen Neigungen darauf projizieren.

Es ist doch immer wieder interessant, welches Kopfkino diese Moralisten haben, wenn sie eine solche Darstellung sehen. Schließlich bringen sie von sich aus diese Darstellung mit Sex in Verbindung. Warum eigentlich? Warum gelingt es diesen Leuten nicht mehr, das Bild eines nackten Kindes ohne eine Assoziation zu Sex zu betrachten?

Mich erinnert das ein wenig an die Panik, die mitunter betrieben wird in der Großstadt. Kinder werden nur noch in Badehose in das Planschbecken auf dem Spielplatz geschickt – es könnte ja irgendwo in den umstehenden Häusern ein Pädophiler am Fenster lauern. Also bleiben sie züchtig verhüllt, man will dem Pädophilen ja keinen Anreiz bieten, diese Situation auszunutzen, auch wenn er nie an die Kinder herankäme.

Was diese Paniker nicht bedenken: Sie verankern auch in meinem Kopf den Konnex von nacktem Kind und Sex. Und zwar gegen meinen Willen. Ich kann beim besten Willen da keinen Zusammenhang sehen. Aber die Paniker fordern mich auf, immer daran zu denken, dass da irgendjemand irgendwo an Sex denken könnte. Mit dieser Übervorsicht muss ich dann bald auch immer daran denken: Kindliche Nacktheit, das könnte ja für manchen einen sexuellen Anstrich haben. Irgendwann wird dann der – vom Strand und Planschbecken her gesehen eigentlich ganz normale – Anblick nackter Kinder sofort unangenehm. Die Schere im Kopf klappert schon bedenklich. Es wächst dann bei mir auch die Sorge, dass andere sofort eine solche Verbindung ziehen, sollte mein Kind mal weniger bekleidet irgendwo gesehen werden und das vielleicht noch in meiner Nähe!! einself! So werde auch ich bald ein nacktes Kind nur noch als Moment der Gefahr wahrnehmen, entweder, weil ich fürchte unter Verdacht zu geraten oder weil ich selber jemanden verdächtige. So wächst die Liste kindbezogener Besorgnisse: Neben “zu viel Zucker”, “zu viel Gefahr auf dem Spielplatz” usw. steht dann auch noch die gefährliche Nacktheit. Elternneurotisierung pur. Warum sind wir bloß so furchtsam? Oder brauchen wir das Gefühl einer permanenten dunklen Bedrohung um uns herum so sehr?

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2 Responses to Skandal! Alter Meister malte nackte Jungs

  1. Seitenblick says:

    >Oder brauchen wir das Gefühl einer permanenten dunklen Bedrohung um uns herum so sehr?

    Ich würde nicht sagen “wir”. Aber “manche Menschen” brauchen es offenbar.
    Und auffälligerweise gibt es eine ganz starke Häufung der Verbindung von Bedrohungsszenario mit dem Thema Sexualität.

    Der angstvoll-verzerrende Blick meldet sich ja nicht nur beim Thema Kinder und fordert dabei die Verhüllung. Bei der Prostitutionsdebatte waren ja ähnliche Stimmen zu hören.
    Also: Ich denke, wir haben eine Gruppe durchaus lautstarker Menschen in diesem Land, denen ich aufgrund des extrem negativ-sexualisierenden Blicks massive Sexualängste attestiere. Die Verhüllungsforderung ist letztlich eine Strategie der Angstvermeidung, weil das Thema offenbar recht unbewältigt – man kann auch sagen unintegriert in die Persönlichkeitsstruktur – ist. Der äußerliche Reiz kann in der angstgetriebenen Vorstellung wohl einiges auslösen …

    >Elternneurotisierung pur.
    Ja. Und die Herausforderung ist natürlich, sich einer neurotisierenden Umgebung zumindest ansatzweise zu entziehen und die Installationen der Scheren im Kopf zumindest bewusst wahrzunehmen und sie damit zu begrenzen. Ein Blog ist bestimmt kein schlechter Ort für so etwas ;-).

    Da stellt sich natürlich die Frage, ob und was es über eine Gesellschaft sagt, wenn die Kommunikation eines derartig ungeklärt-ambivalenten Verhältnis zur Sexualität als Teil der Gesamtkommunikation unwidersprochen hingenommen wird.
    Obwohl – so unwidersprochen stehen solche Statements ja auch nicht da. Es ist doch ein bestimmter extrem moralisierender Flügel, der positiv auf so etwas anspringt. Die Mehrheit hingegen reagiert doch mit “kommt, übertreibt nicht so”.

    Grüße vom Seitenblick

  2. Graublau says:

    Es erinnert an die Folge der Simpsons, in der Marge gegen Gewalt im Kinderfernsehen angeht. Später wird dann Michelangelos David (nackt! kreisch!) skandalisiert, aber sie verteidigt das Werk.

    Solche nackte-Minderjährige-auf-Kunst-Skandale hatten wir schon mal, etwa das Cover des Albums Virgin Killer von The Scorpions.

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