Wo bleibt die Lockerheit?

Ich hatte ja bereits den Potsdamer “Skandal” aufgegriffen: Professor zeigt Studentin an wegen sexueller Belästigung. Oder Beleidigung. Oder was auch immer. Jedenfalls irgendwas mit Sex. Und ich schrieb, dass dies ein Fehler ist, weil man damit lediglich feministische Strategien umkehrt. Im Kern bleiben diese aber rigide und illiberal.

Auf SPON gab es den Hinweis auf Brüderle und den “Aufschrei”, in dessen Zusammenhang der Potsdamer Professor seine Anzeige stellt:

Das ist zwar kein Tatbestand im Sinne des Strafgesetzbuchs, Belling sieht seinen Fall aber in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang: Gegenüber der “MAZ” verweist er auf den Fall des FDP-Politikers Rainer Brüderle. Der damalige Spitzenkandidat der Partei hatte mit Kommentaren über das Dekolleté einer Journalistin Anfang 2013 eine monatelange Debatte über Sexismus ausgelöst. “Ist es nun anders, wenn ein Mann von einer Frau sexuell beleidigt wird?”, fragt Belling.

Ich kann sein Anliegen inhaltlich schon verstehen. Nur die Form, die er wählt, die bleibt mir fremd. Sollen Männer jetzt wirklich mit feministischer Empfindlichkeit auf solche Dinge reagieren und immerfort vor den Kadi ziehen? Ich meine: Nein. Die Welt ist deshalb noch halbwegs erträglich, weil Männer solche Verbalattacken für gewöhnlich gelassener wegstecken. Nicht, weil sie harte Kerle sind oder sein sollten. Sie waren einfach der Meinung, dass sie diesen Konflikt ohne Staatsanwälte und Richter auszutragen in der Lage sind. Sie brauchten keinen paternalistischen Staat. Aber gut, das ist vielleicht zu sehr idealisierend. Ich sehe jedoch in der größeren Gelassenheit, in der fehlenden Skandalisierung ein Modell, wie man mit derartigen Vorkommnissen umgehen sollte. Es sollte nicht jeder Verbalausbruch zur Staatsaffäre hochgejazzt werden. Das Leben mit dem Feminismus ist doch auch deswegen oft so anstrengend, eben weil sie alles Mögliche zu schwersten Vergehen erklären, wofür der Fall Brüderle beispielhaft steht. Ein falsches Wort über ein Dekolleté und schon gibt es einen öffentlichen Shitstorm. Das halte ich für das falsche Modell. Männer sollten sich daran kein Beispiel nehmen. Wie anstrengend mag das Leben wohl sein, wenn sich plötzlich zu den weiblichen Aufschreien nun auch noch die männlichen gesellen?

(Hinweis: Damit meine ich nicht, Männer sollten die Klappe halten. Aber sie sollten weder die Presse noch die Staatsanwälte als Hilfstruppen herbeiordnern.)

 

 

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6 Responses to Wo bleibt die Lockerheit?

  1. Kai V says:

    Im Prinzip gebe ich Dir Recht. Ich denke jedoch nicht, dass dieser Fall vom Professor an die Presse gegeben wurde, sondern dass er, trotz der Beleidigung, jetzt eine Rechtfertigung erfindet. Er fühlte sich beleidigt, zumindest wegen der Aussage er würde anderes Prüfen als in den Vorlesungen vereinbart, und irgendjemand hat das an die Presse gegeben. Er zieht nun einen mehr oder minder geglückten Vergleich mit Brüderle.

    Nur das Brüderle auf einmal der Machtpolitiker war und Himmelreich zur kleinen Pressetante runtergeschrieben wurde die von ihm Abhängig war. Obwohl auch bei Brüderle sich zwei Menschen, zumindest auf Augenhöhe begegnet sind, egal wie viele Jahre der Dame fehlten und egal wie viel Macht ein FDP Politiker hat.

    Im obigen Fall ist die Sachlage jedoch genau umgekehrt. Er ist der mächtige Prof, sie die unbedarfte Studentin, die von seinem Wohlwollen abhängt. Der Vergleich hinkt…

  2. Die Raktion des Profs war überzogen, eigentlich keine Frage. Eigentlich. Nur wir leben in seltsamen Zeiten. Ein Nichtreagieren könnte ihm später zum Nachteil gereichen. Dann wird aus einem im übertragenen Sinn “In den Arsch ficken” ein Vorwurf eben dieses real gemacht zu haben und ausserdem auch wirklich Puffbesucher zu sein. Wer weiß schon welchen feministischen Sittenwächtern die Prüfungsunterlagen in die Hände fallen könnten. Puffbesuche sollen ja bekanntlich für die Besucher unter Strafe gestellt werden … wir leben in seltsamen Zeiten.

  3. Seitenblick says:

    Ich schwanke immer noch bei der Einschätzung.

    Einerseits sehe ich es so, dass man von angehenden Akademikern ein gewisses Verhalten zu Recht erwarten kann. Ich finde es auch völlig legitim, einen derartigen Stil zu sanktionieren, wenn man sich darüber ärgert – nein, man muss sich nicht jeden Stil bieten lassen. Die Uni verkommt sonst endgültig zum Kindergarten.

    Und zweifelsohne ist der Fall gut als Illustration der Doppelmoral im Geschlechterverhältnis: Wenn im umgekehrten Fall ein Student der Frau Professorin auf den auf den Prüfungsbogen geschrieben hätte “wenn wir uns dann wiedersehen, wenn Sie einen Callboy-Service aufsuchen …”, wäre das selbstverständlich als sexistischer Spruch gemarkert worden.
    Sehr illustrativ ist auch, wie in der Folge die typische Entschuldigungsmaschinerie (die Arme hatte Stress bla bla) einsetzt. Reflexartig wird wieder die Female Hypoagency aus dem Hut gezogen.
    (sehr gut dazu: http://asemann.de/?p=581)
    Und derartige Reflexe sprechen Bände, was gesellschaftliche Codierungen angeht.

    Im Kern stimme ich dir allerdings zu: Man hätte man diese Gelegenheit für einen kritischen Blick wohl wirklich mit mehr Lockerheit und ironischer Pointiertheit rüberbringen können. Das juristisch-bürokratische Vorgehen wirkt etwas unsouverän und verkniffen. Da wäre mehr drin gewesen ;-).

    • suwasu says:

      Wenn ich in der Haut des Profs stecken würde, würde ich auch Konsequenzen folgen lassen. Aber dazu bräuchte ich keinen Staatsanwalt. Die Doppelmoral ist natürlich ärgerlich und es ist korrekt, sich dagegen zu wehren.

      Es darf nur nicht dahin führen, dass wir die feministische Hysterie durch eine maskulistische vervollkommnen und jetzt aus jeder Verbalattacke einen Skandal machen, der durch die Medien geht, der offizielle Uni-Vertreter einbezieht und dann auch noch den Staat herbeizitiert. Das wäre eine gefährliche Entwicklung.

      Letztlich ist auch die Studentin nur ein Mensch, die aber schnell in eine Maschinerie der Skandalisierung hineingeraten könnte. Angebracht wäre aber, dass man ihr eine Hintertüre lässt, dass man die Möglichkeit aufrechterhält, diesen Vorfall zu vergessen.

      Ich finde, wenn der Maskulismus die Skandalstrategie des Feminismus kapert, dann wird der zu einem Feminismus mit anderem Anstrich, weil er dann auch nur Unfreiheit fördert und Einzelnen Instrumente verschafft, sich zu rächen. Es führt auch in eine Doppelmoral, weil man sich einerseits ereifert über “Definitionsmacht” und die Skandalisierung von Kontaktanbahnungen als “sexistisch”, aber selbst beginnt, enge Verhaltensnormen zu definieren. Da würde ich mich gegen wehren.

      Bisher sind Männer mit dämlichen Kommentaren “lockerer” umgegangen als viele Feministinnen. Das war doch vorteilhaft, weil das Konflikteskalationen vermied. Das ist für mich das Modell, an dem man sich orientieren sollte.

      Die von Dir genannte Doppelmoral und die Widersprüche lassen sich ja nichtsdestotrotz debattieren, auch öffentlich. Ich würde Frau Helm auch in die Verantwortung nehmen, aber ich würde das nicht z.B. über Gesetze, Parteitagsbeschlüsse oder Anzeigen tun (etwa wegen Volksverhetzung), sondern in der direkten Auseinandersetzung.

  4. Graublau says:

    Ich kannte mal einen Dozenten, der eine Pflichtvorlesung für Medizinstundenten geben musste. Darauf hatte natürlich keiner der Zuhörer Bock. (<Ironie>: Und mal ehrlich: Wozu braucht ein Mediziner schon Statistik? Ist doch nicht lebenswichtig! </Ironie>) In der Evaluation gab es dann auch immer verheerende Urteile mit saftigen Kommentaren, die ich aus Gründen des guten Geschmacks nicht wiederhole.

    Diese Kommentare wurden nicht unter Zeitdruck geschrieben, diese Entschuldigung fällt also flach. Es war auch nichts Sexuelles dabei, dennoch waren sie eine Unverschämtheit.

    Die Reaktion des Dozenten? Ein paar schöne Anekdoten für die private Runde (es waren ja anonyme Kommentare).

    Das ist ein souveräner Umgang mit Schmähkritik. Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Lockerheit als eine wichtige Qualität von Männern erkannt und eingefordert wird!

  5. Pingback: Fundstück: LoMi und die Pauschalisten | Geschlechterallerlei

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