Wenn Worte schuldig sind und Interpreten nur Automaten

Gestern hatte ich darauf hingewiesen, dass eine gewisse Spielart des Feminismus den sozialen Charakter von Kommunikation aufheben möchte. Kommunikation ist immer ein Beziehungsding: Jemand sagt etwas, was vom Empfänger interpretiert wird, der seine Interpretation wieder in die nachfolgende Kommunikation einspeist. Das heißt aber auch, dass es keine rein individuellen Wortbedeutungen gibt, sondern die Wortbedeutung sich ergibt aus dem, was der Sender meint, was der Empfänger meint und was letztendlich beide aus dieser wechselseitigen Interpretation schlussfolgern, indem sie z.B. gemeinsam etwas tun.

Manche finden aber, dass Worte an sich schon eine Bedeutung haben und deshalb die Sprache von Diskriminierungen gereinigt werden müsse. Diese Diskriminierung ist bereits Teil der Worte und sie existiert nach dieser Sicht offenbar unabhängig davon, wie Sender und Empfänger dieses Wort für sich auslegen.

Passend dazu gab es gestern bei Fefe einen amüsierten post mit einem Beispiel hochverklausulierter Gendersprache, als Versuch, die Diskriminierungen aus den Worten zu tilgen. Hier mal ein kleiner Auszug:

Gelegentlich kann ich einem Unterstrich nicht auf Anhieb folgen, z.B. dem hier:

Nicht nur im Hinblick_mit Aufmerksamkeit4

Glücklicherweise erklärt es die Fußnote:

4Diese Form fordert ableistische Annahmen von gesunden Körpern heraus, indem sie darauf hinweist, dass ein Mensch nicht sehen können muss, um Wissen zu erlangen und sich daraufhin eine Meinung bilden zu können.

Worum geht es? Das Wort “Hinblick” wird als ableistisch eingestuft. Der darin enthaltene Blick, also die Fähigkeit zu sehen, würde folglich Blinde diskriminieren. Weil man das nicht will, wird hier ein Unterstrich eingesetzt. Dieser Unterstrich soll zeigen, dass Wissenserwerb die Sehfähigkeit nicht voraussetzt.

Hier wird ein Übermaß an Moral erkennbar. Das Wort wird bereits mit viel Schuld beladen. Ein falsches Wort, so die Unterstellung, richte bereits Schaden an, verletze Menschen und zementiere Machtverhältnisse. Der Sprache wird eine Allmacht zugeschrieben, gesellschaftliche Verhältnisse zu formen. Gleichzeitig aber wird ignoriert, dass Menschen solche Worte interpretieren und sie darin auch frei sind. Es wird letztlich behauptet, dass nur eine einzige Interpretation möglich sei, nämlich die Privilegierung der Sehfähigkeit, die für die Blinden als beschämend empfunden werden müsse. Tatsächlich gibt es aber gar kein Argument dafür, dass ein Wort derart absolut genommen werden müsste.

Schließlich ist der “Hinblick” erst einmal nur eine Metapher, ähnlich wie “Blickwinkel” oder “Standpunkt”. Es wird mit dieser Metapher versucht, etwas auszudrücken, was durch die Beschreibung des Sehens oder Stehens an sich nicht erfasst ist. Beides deutet auf etwas anderes hin, um das es eigentlich geht. Der Rückgriff auf Stehen und Sehen ist nur ein Hilfsmittel, um etwas auszudrücken, wofür es keinen präziseren Ausdruck gibt.

Vermutlich sind die meisten Menschen sehr wohl in der Lage, solche Metaphern auch als solche zu erkennen und darin keineswegs eine Positivbewertung körperlicher Fähigkeiten und eine Abwertung mangelnder Sehfähigkeit zu sehen. Vielleicht ist die Metapher unglücklich oder unscharf, aber gerade weil sie auf etwas anderes verweist als auf körperliche Aktivitäten, ist sie eben keine Verknüpfung von Sehen oder Stehen als einzig möglichen Weg des Wissenserwerbs oder der Meinungsbildung. Wenn jemand sagt, er sähe das so oder so, dann behauptet er in der Regel nicht, dass diese seine Meinung allein davon abhängig ist, dass er tatsächlich physisch sehen kann. Diesen Metapherncharakter wie auch die Freiheit des Interpreten blendet die gendergerechte Sprache aber vollkommen aus.

Im übrigen gibt es diesbezüglich noch absurdere Beispiele:

Ähnlich problematisch und trotz Er_wähnung leider unhinterfragt geblieben ist Rousseaus und Bourdieus “Frauenbild”, indem Frauiserte als Gegenstände dar_ge_stellt_setzt_legt werden

Stellen allein können nur nicht-behinderte Menschen, Rollstuhlfahrer können nur sitzen oder liegen. Also glauben die Sprachwächter, man müsse alle diese physischen Möglichkeiten oder Aktivitäten auch abbilden. Und dadurch nehmen sie die Metapher des “Darstellens” wiederum viel zu wörtlich. Außerdem vermeiden sie die Ersetzung der Metapher durch ein besseres Sprachbild und lasten sich so die Verpflichtung auf, einst weitere Hürden anderer Menschen mit in diese Wortschöpfungen aufzunehmen. Das kann der Fall sein, wenn sie merken, dass ihr Wortungeheuer immer noch gewisse Gruppen ableistisch  oder lookistisch oder sonstwie *istisch “diskriminiert”. Wie lang sollen diese Sprachmonster aber dann noch werden?

Die Übermoralisierung wird darin erkennbar, dass die Schöpfer dieser Sprache sich im Grunde schon im Voraus entschuldigen oder es allen Gruppen recht machen wollen. Sie wollen um jeden Preis vermeiden, jemanden zu diskriminieren, jemanden zu beschämen und zu verletzen. Sie nehmen alle Schuld auf sich, aber nehmen jenen Gruppen, die sie schonen, alle Verantwortung ab. Diese müssen sich jetzt nicht mehr fragen, ob sie Äußerungen von Menschen nicht vielleicht überbewerten und sie müssen auch nicht mehr im Gespräch ermitteln, wie eine scheinbar diskriminierende Äußerung eigentlich gemeint war. Sie müssen sich ebenfalls nicht mehr fragen, ob sie manche Widrigkeiten nicht auch einfach ertragen lernen müssten. In diesem Sinne ist diese Art der Gender-Sprache “antisozial”, also blind für den Beziehungscharakter von Sprache. Überdies lasten sie dem Sprecher die  übergroße Verantwortung auf, schon von vornherein jegliche Missstimmung zu vermeiden, so dass der Sprecher sich pausenlos der Selbstkontrolle unterwerfen muss, ob er nicht doch wieder sprachlich diskriminiert. Er muss jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen.

Das ist nicht nur beziehungsblind, das ist auch anstrengend und wirkt aus meiner Sicht eher mönchisch religiös.

 

 

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11 Responses to Wenn Worte schuldig sind und Interpreten nur Automaten

  1. “Es wird letztlich behauptet, dass nur eine einzige Interpretation möglich sei, nämlich die Privilegierung der Sehfähigkeit, die für die Blinden als beschämend empfunden werden müsse.”

    Lustig finde ich auch, dass sie in dem Versuch, die Blinden vor einer Beschämung zu bewahren, in dem diese ein Wort wie Hinblick mit Unterstrichen versehen, den Text für Blinde schwerer zu lesen machen und insofern gerade ihre Sehprivilegierung ausblenden

    • suwasu says:

      lol!
      Ja, das ist witzig, aber schau mal bei Arne Hoffmann, der das Thema auch kurz angerissen hat: Man soll diese Unterstriche als Pause aussprechen. Wobei das natürlich Hörbehinderte diskriminiert.

      Und nebenbei die Nutzer der gewohnten Alltagssprache ^^

  2. Robin Urban says:

    Es gibt wohl kaum etwas klassistischeres als solche Sprachverrenkungen…
    …aber wenn man darauf hinweist, herrscht meist nur Schweigen im Walde. Was nur beweist, dass sich solche Gestalten für jede (echt oder eingebildete) diskriminierte Gruppe interessieren, nur nicht für die arme und ungebildete Unterschicht. Was sie in meinen Augen zu elitären Rotzlöffeln macht.

    Ich hoffe ja immer noch, dass sich das als Satire entpuppt…

    • suwasu says:

      Da ist was dran. Ich mag zwar den Terminus “Klassismus” nicht sehr, aber elitär ist so ein Sprachkonstrukt in der Tat. Es ist halt ein sehr akademischer Versuch, sehr fern der Sprachwirklichkeit der Durchschnittsmenschen. Als Erziehungswissenschaftler kann ich mir die auch nicht vorstellen. Wie wollen sie nur einen Draht finden zu Kindern aus weniger begüterten Elternhäusern?

      • Robin Urban says:

        Es zeigt auch die Grenzen der sogenannten Intersektionalität. Da wird dann von einer Bewegung fantasiert, die gegen jede Diskriminierung vorgeht, ungeachtet der Tatsache, dass manches einfach unvereinbar ist. Hier das ist ein schönes Beispiel, diese blöde alte Diskussion um Pippi Langstrumpf ist ein weiteres. Für die MM-Intersektionalitätstussis scheint es nicht vorstellbar, dass Pippi aus antirassistischer Sicht Mist sein kann (wobei sich mir das eigentlich überhaupt nicht erschließt, es geht ja nur um ein paar aus moderner Sicht rassistische Ausdrücke, deshalb ist ja nicht das gesamte Werk rassistisch, das sind halt historische Alteritäten), aber aus feministischer Sicht klasse (starkes Mädchen, schönes role model für Kinder). Nee, da wird dann irgendwas abgehobenes herbei interpretiert um zu zeigen, dass Pippi eigentlich überhaupt nicht feministisch ist.

        Nur sind solch gelehrte Abhandlungen den ungebildeten, da nicht-geförderten Unterschicht nicht vermittelbar. Deshalb geben die keine so guten “Opfer” ab. Denen muss man ja alles erklären und dann wagen sie es vielleicht sogar noch, zu widersprechen :/

        (Hach, ich bin heut gehässig, aber dieser Text macht mich einfach wirklich aggro)

      • @LoMi “elitär ist so ein Sprachkonstrukt in der Tat”

        Bestenfalls pseudo- oder möchtegern-elitär. Du hast ja in Deinem Post schön die argumentativen Defizite herausgearbeitet. Jemand, der solche Denkfehler produziert, gehört wohl kaum zur geistigen Elite.

        Zwei Dinge sollte man zusätzlich betonen:

        1. Für mich haben Gendersterne die gleiche Wirkung wie Hakenkreuzsymbole, weil sie Symbole einer totalitären, antiemanzipatorischen Bewegung sind, was mich richtig traumatisiert (ich stoppe übrigens tatsächlich normalerweise sofort das Lesen eines Texts, sobald der erste Tiefstrich auftritt). Vermutlich bin ich gar nicht mal der einzige, bei dem diese totalitären Symbole extrem negative Gefühle auslösen, also bin ich ja eigentlich ein Opfer und darf deswegen anderen die Benutzung dieser Symbole verbieten …

        2. Dieser kleine Rollentausch sollte klar machen, daß hier wieder mal die Logik der feministischen Privilegientheorie vorliegt, wonach immer dann, wenn eine Frau sich subjektiv benachteiligt fühlt, ihr das einen Rechtsanspruch verleiht, anderen Vorschriften machen zu können, wie sie sich verhalten sollen. Die Privilegientheorie wenden unsere Radikalfeministen masochistischerweise auf sich selber als Privilegierte und Nichtfrauen als Opfer an, belästigen aber zugleich den Rest der Welt mit der implizite Anweisung, es genauso zu machen.

        Die Willkür, mit der die feministischen Gurus festlegen dürfen, wer gerade als Diskriminierter die Privilegientheorie ausnutzen darf, wird am Beispiel des Worts “Blickpunkt” besonders deutlich: Vermutlich haben die meisten Blinden oder Sehbehinderten nichts gegen dieses Wort einzuwenden. Das spielt für unsere Moralwächter aber keine Rolle. Entscheidend ist ihre beanspruchte absolutistische Vollmacht, festlegen zu dürfen, wer sich wie benimmt.

    • Tja, daß Du Deinex weiß-cis-heteronormative Privilegerung nicht er_kenn_en kannst_ver_magst_beliebst beweist ja nur, wie sehr Du sie_es_x ber_eits ver_inn_er_licht hast und sie*x dringendst checken solltest_möchtest_dürftest.

      Beginne am besten, indem Du obigen Satz korrekt betont laut liest, und anschließend lies das hier:

      http://feministisch-sprachhandeln.org

      Ist für eine Satire etwas aufwendig, wie ich finde. Obwohl mein grundsätzlicher Glaube an die Menschheit mich ja immer noch hoffen läßt, daß das ein paar Masku-Trolle an einem lustig zugekoksten Wochenende verbrochen haben.

  3. “Nicht nur im Hinblick_mit Aufmerksamkeit4”
    Und die blinden Kinder mit ADSH stehen jetzt alle heulend in der Ecke, weil sie sich gleich doppelt wertlos fühlen.
    SCNR

  4. Pingback: Fortschritt – um jeden Preis? | too long; didn’t read

  5. Pingback: Fundstück: LoMi und die Pauschalisten | Geschlechterallerlei

  6. Seitenblick says:

    > Der Sprache wird eine Allmacht zugeschrieben, gesellschaftliche Verhältnisse zu formen.

    Jein. Einerseits ja, und insofern arbeitet hier unter der Oberfläche ein sprachmagisches Denken.
    Aber das ist nur die eine Komponente, die im Dienst der zweiten steht.
    Denn die angeblich allmächtige Sprache hat ja ihre selbsternannten Hohepriester. Deren Job ist es, nach Konstellationen zu suchen, in der ein beliebiges Wort geradezu apokalyptische Folgen haben kann (Ödipus! Schuldig-werden, und es nicht verhindern können!), und sei diese Situation auch noch so unwahrscheinlich und konstruiert, und diese “Erkenntnis von der Gefahr des Wortes” dann nach außen zu tragen.
    Innerhalb dieser Priesterkaste gibt es für derartige Funde Punke und Ansehen, es ist eine Art von Moral-Panik-Bingo. (Ein Verdacht, den ich noch nicht beweisen kann: Je länger der Zuhörer braucht, um die Begründung für die Gefahr eines Wortes zu verstehen, um so mehr Punkte.)
    Die Punktzahl ist gruppenintern natürlich enorm wichtig.

    Passend zu Komponente 2 sehe ich ein Strukturmoment, dass die Kommunikationsversuche mit Außenstehenden (quasi “Ungläubigen”) bestimmt:

    Wie du zu Recht feststellst, ist der Hörer hier kein mündiges Subjekt, kein Interpret mit Freiheit, der mitdenkt, kein Co-Akteur. Er wird als passives Objekt konstruiert, dem die allmächtige Sprache und die Hohepriester gegenüber stehen. Und der vor der unberechenbaren, zerstörerischen Kraft der Worte – das ist das Angebot – nur durch die vermittelnden Hohepriester geschützt wird. Bußübungen (s. unser Ally-Quiz) inklusive.

    Damit liegt der ganzen Sache ein Kommunikationsangebot zugrunde, das extrem asymetrisch, extrem hierarchisch ist und von einer Kommunikation unter Wesen, die sich im autonomen Vernunftgebrauch üben und im Austausch darin gegenseitig fördern, meilenweit entfernt ist.

    Manche Rollenangebote kann man ja heiter und gelassen zurückweisen … ;-).

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