Und Du bist schuld

Bei Christian verlinkte Matze einen Artikel in der Welt über “echte Kerle”.  Der Tenor des Artikels: Die Männer wüssten nicht, wohin, ihr Rollenbild sei ihnen unklar. Man kennt das schon. Aber wirklich geärgert habe ich mich über diese Aussage hier:

Alleinerziehende Mütter gibt es überwiegend deshalb, weil die Männer sich emotional oder physisch aus der Verantwortung gestohlen haben. Die Aussicht, ihr Ich-will-doch-nur-spielen-Leben aufgeben zu müssen, hat sie in Panik versetzt.

Ohne einen Anflug von Selbstzweifel wird hier die Behauptung aufgestellt, dass es Schuld der Männer sei, dass es alleinerziehende Frauen gibt. Freilich verzichtet die Autorin auch auf jeden Beleg für diese These. Man wüsste als männlicher Leser schon gerne, warum der eigentlich schon klassische, jahrzehntealte Vorwurf der Verantwortungslosigkeit der Männer so unumschränkt zutreffen soll.

Ich muss es klar sagen, dass dieser Vorwurf mich sofort emotionalisiert. Ich fürchte, er könnte wahr sein. Dabei weiß ich nicht, wer wen verlässt und wie die Statistiken aussehen. Ich habe dieses Klagelied der sitzengelassenen Frau aber tief verinnerlicht. Es ist natürlich angesichts etlicher Fälle auch plausibel. Weil es tatsächlich vorkommt, dass der Mann türmt und die Frau mit den Kindern alleine lässt. Und so habe ich seit Kindesbeinen davon klagen gehört, dass die Männer Hals über Kopf ihre Frauen verließen, treulos, wie Männer nun einmal seien.

Dem steht nur ein bisschen Zahlenmaterial in meinem Kopf entgegen. Schon zu DDR-Zeiten, also als ich jung war, hieß es, dass ein Großteil der vielen Scheidungen von Frauen eingereicht worden sind. Die Mehrheit der Scheidungen. Da trennte sich die Frau vom Mann und nicht umgekehrt. Die Erklärung aber war: Diese Frauen ließen sich die Eskapaden ihrer Männer einfach nicht mehr gefallen. Schuld war also nach Ansicht vieler Leute (z.B. meiner Lehrerinnen) der Mann.

Auch heute ist es wohl so, dass die Mehrheit der Scheidungen von Frauen initiiert werden. Was sowohl zu meiner eigenen Erfahrung als Trennungsvater passt als auch zu anderen Fällen, wo die Frau die Beziehung beendete, trotz gemeinsamer Kinder.

Mehr weiß ich nicht. Deshalb bin ich lieber vorsichtig mit starken Thesen. Die Welt-Autorin kennt solche Skrupel nicht und ist sich sicher: Männer waren es, die die Mütter zu Alleinerzieherinnen machten. Auch wenn es mehrheitlich die Frauen waren, die gingen – oder ihrem Mann die Koffer vor die Tür stellten. Kein Widerspruch für die Welt-Schreiberin, wie es scheint.

Wie die Fakten auch immer aussehen: Ich empfinde diese Pauschalvorwürfe als unangenehm. Das ist genau das, was an unserer medialen Gegenwart nervt. Der Mann ist der Sandsack, auf den man ungestraft einprügeln kann in der Öffentlichkeit. Und wehe, man nähert sich irgendwann der 60, denn dann ist man ein “Alter Sack”. Sollte man bis dahin auch beruflich etwas erreicht haben, darf man sich sicher sein, als der Allgemein-Schuldige gebrandmarkt zu werden. Der “Alte Sack” ist so ziemlich das Abziehbild vieler negativer Projektionen, die Formel für alles, was schief läuft.

Wie man es dreht und wendet: Schon in meiner Kindheit war es so und heute ist es immer noch so. Männer als pauschal und ohne Beweis Schuldige hinzustellen, ist der Öffentlichkeit keinen #Aufschrei wert.

 

 

 

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10 Responses to Und Du bist schuld

  1. Roger says:

    Warum sollte ein Mann eine Familie nicht verlassen, wenn er dort keine Liebe erfährt?

    • suwasu says:

      Das geht am Thema vorbei. Der Vorwurf lautet ja: Männer gehen, weil sie keine Verantwortung für eine Familie übernehmen wollen.

      • Roger says:

        Diesen Vorwurf kenne ich nur zu Genüge, ist ja die Standarttheorie, wenn ein Mann eine Familie verlässt. Es hängt mir zu den Ohren raus und wenn man mir so kommt, frage ich einfach zurück: Hat denn die Familie Verantwortung für den Mann übernommen? Oder war er ein Fremder im eigenen Haus, wie es schon Esther Vilar formulierte?

  2. Graublau says:

    Ach, LoMi, wenn ich solche Sachen lese, möchte ich Dich spontan auf ein Bier einladen… Du nennst sehr viele Punkte, über die ich selbst einmal bloggen wollte. Ich dachte immer, ich sei ein Sonderling, aber es scheint ja mindestens einem wortgewandten Mann ganz ähnlich zu gehen. Das gibt doch Hoffnung.

    • LoMi says:

      Danke! Aber warum hättest Du Dich angesichts ähnlicher Gedanken für einen Sonderling gehalten?

      • Graublau says:

        Wahrnehmungsfehler: Ich dachte, ich sei der einzige in meiner Umgebung, der das so fühlte. Ich hatte in jüngeren Jahren immer den Eindruck, die anderen kämen mit den geltenden gesellschaftlichen Spielregeln besser zurecht (was vielleicht auch stimmte). Erst jetzt erlebe ich immer öfters, wie Leute stolpern und scheitern, wie sie über die Umstände schimpfen, wie sie Rollen nicht erfüllen können und wollen usw.

        Ich war seinerzeit auch der erste in meiner Großfamilie, der sich offiziell arbeitslos melden musste. Das konnten viele nicht verstehen. Erst, als meine jüngeren Cousins und Cousinen mit der Uni fertig wurden und dann selbst kaum einen Fuß auf den Boden bekamen, änderte sich die Meinung. Ähnlich war es auch in meinem Bekanntenkreis. Inzwischen scheint es gesamtgesellschaftlich durchgesickert zu sein, dass die jetzige Generation junger Arbeitnehmer deutlich schlechtere Bedingungen vorfindet als ihre Eltern. Aber es brauchte halt diese Jahre und diese Vielzahl von Einzelfällen dafür.

        Oder die Erfahrung, dass die Partnerin einen verläßt. Das passiert doch nur, weil man sie nicht gut genug behandelt hat. Da muss man als Mann etwas falsch gemacht haben. Die Idee, dass auch eine Frau menschliche Schwächen haben kann und nicht fair oder nett handelt, oder dass zwischen zwei an sich okayen Menschen einfach die Chemie nicht mehr stimmt, kam so schnell nicht vor – insbesondere weil meistens thematisiert wird, dass der Mann ein gefühlloser, sozial inkompetenter Klotz ist, der taub für die Bedürfnisse einer Frau ist. Als ein sehr attraktiver, guter Mann in meiner Umgebung von seiner Freundin verlassen wurde und die direkt einen neuen Mann am Start hatte, mit dem sie schon vor dem Beziehungsende angebandelt hatte, war das schlimm für ihn, für mich aber eine große Erleichterung: Es passiert offenbar auch anderen Leuten, die eigentlich bessere Chancen haben sollten.

      • suwasu says:

        Danke für die offenen Worte! Dazu werde ich mich später am Abend mal ausführlicher äußern, schon deswegen, weil ich da Parallelen sehe.

      • suwasu says:

        ” insbesondere weil meistens thematisiert wird, dass der Mann ein gefühlloser, sozial inkompetenter Klotz ist, der taub für die Bedürfnisse einer Frau ist.”

        Mit diesem Vorwurf habe ich mich auch immer herumgeschlagen und irgendwie tue ich es noch immer. Zumindest im Bett denke ich vorrangig an die Frau – weil es eben früher immer hieß, Männer seien zu egoistisch und zu wenig einfühlsam.

        Ich hatte die Wahrnehmung auch, dass der Mann schuldig sein muss, wenn die Frau geht. Zumindest so allgemein. Es gab ja genug Histörchen über die Patriarchen, die ihre Frauen wie Knechte behandelt haben sollen. Zumindest der Blick in die Geschichte zeigte dies. Und man wurde nicht müde zu betonen, dass diese traurigen Verhältnisse immer noch vorherrschen würden, auch wenn sich die Männer gegenwärtig liberaler gäben. Und so glaubte ich eben, dass die Männer etwas falsch machen würden. Gesundes Selbstbewusstsein konnte sich so nicht recht bilden.

  3. Vater wieder willen says:

    Das ist meine erste Post auf einem feminismuskritischem Blog, obwohl ich schon seit ca. 3 Jahren regelmäßig mitlese. Ich schreibe, weil ich selber eine schwangere Frau verlassen habe und mir dieses Thema sehr wichtig ist.
    Ich habe die Frau verlassen, weil ich gegen meinen ausgesprochenen Willen und entgegen vorheriger Abmachungen zum Vater gemacht wurde. ich habe zwar regelmäßigen Kontakt und zahle den Barunterhalt, aber gegen meinen Willen Vater zu werden, hat mich sehr schwer getroffen – ich war in den folgenden ca. 1,5 Jahren psychisch sehr labil. Für mich war es ein absoluter Vertrauensbruch, dass ich ich gegen meinen Willen zum Vtare gemacht wurde und ich habe meine Ex-Partnerin zwischenzeitlich wirklich dafür gehasst. Ich habe mich der Entscheidung meiner damaligen Partnerin völlig mittellos ausgesetzt gefühlt.
    Ich habe mal glesen (ich weiß nicht mehr wo und die Zahlen sind ohne Gewähr), dass wenn sich ein Paar gemeinsam für Kinder entscheidet das Paar in ca. 80% der Fälle nach 5 Jahren noch zusammen ist, während Beziehungen, wenn Frauen die Entscheidung alleine und/oder gegen den Willen des Partners treffen, nach 5 Jahren nur noch in 15% der Fälle zusammen sind. Der Unterschied besteht darin, dass Frauen (1) über ein sehr großes Arsenal an Verhütungsmethoden verfügen, während Männer nur auf a) Vasektomie, b) Kondom, oder c) Abstinenz zurückgreifen können. Wenn die Frau schwanger geworden ist, so kann sie immernoch entscheiden nicht Mutter zu werden, während Männer gar keinen Entscheidnungsspielraum haben.
    Vor diesem Hintergrund ist der Artikle der WELT Journalistin geradezu dümmlich, unreflektiert und ungerecht.

    • Graublau says:

      Zunächst einmal Glückwunsch zum Beenden des stillen Mitlesens. “Vater wider Willen” werden wurde immer wieder angesprochen auf diversen Blogs, ich kann mich aber an keinen Diskutanten erinnern, dem das selbst passiert ist. Insofern ist Deine Perspektive ganz wichtig.

      Ich kann es verstehen, wenn Dich dieser Schritt soviel Überwindung gekostet hat, dass Du jetzt erst einmal wieder Kräfte sammeln musst. Es gibt aber viele Fragen, die mich in diesem Zusammenhang interessieren:

      1. Wie lange bestand die Beziehung zu der Frau? War es eine Ehe oder wurde eine Ehe perspektivisch angestrebt?
      2. Was viele Trennungsväter sicherlich interessieren dürfte: Wie steht es um Deine finanzielle Situation?
      3. Wie hat Dein Umfeld reagiert (Freundeskreis, Verwandte)? Gab es unterschiedliche Reaktionen von Männern und Frauen oder ging das querbeet?
      4. Wie ist das Verhältnis heute zu der Frau?
      5. Würdest Du sagen, dass Du ein normales Verhältnis zu dem Kind hast (all die Begleitumstände mal ausgeklammert)? Liebst Du das Kind? Wurde es inzwischen darüber aufgeklärt, wie es entstanden ist (falls es alt genug ist, natürlich)?

      Falls Du Interesse hast, kannst Du auch gerne einen Gastbeitrag für das Blog “Geschlechterallerlei” schreiben. Dieses Blog wurde ausdrücklich mit der Absicht angelegt, um neue Sichtweisen aufzuzeigen. So ein Erfahrungsbericht wäre Gold wert und könnte vielen die Augen öffnen.

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