Übertriebene Ideologiekritik

Es gibt Momente, da zweifle ich an der Feminismuskritik. Das sind Momente, wo sie hinter allem und jedem Ideologie vermutet und dann mit Ideologiekritik antwortet – oder mit einem ideologischen Gegenentwurf.

Ein solches Thema ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich kenne das Problem aus eigener Erfahrung und weiß, wie schwierig es sein kann, Arbeit, lange Fahrtwege und die Kinderbetreuung unter einen Hut zu kriegen. Doch manche Diskussionen über dieses Thema entwickeln sich eher “akademisch”, sie verbleiben in der Theorie, selbst wenn man keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt. Theoretisch sind sie deswegen, weil sie an den Fakten vorbeigehen. So wird dieses Problem gerne interpretiert als ideologisches Thema, mit dem z.B. der Feminismus ein Lebensmodell, ein Familien- und ein Gesellschaftsbild propagieren möchte. Alsdann wird etwa kritisiert, dass gewisse gesellschaftliche Strömungen der Gesellschaft in diesem Zusammenhang die Verantwortung übertragen wollen oder dass man hier plädiere für das Modell der Frauenerwerbstätigkeit anstelle des Modells der Hausfrau. Also dreht sich die Diskussion um Familienideale: Ist es richtig, dass Mütter arbeiten gehen oder machen sie sich damit nicht gar zur fünften Kolonne eines expansiven Kapitalismus, dessen Hunger nach billigen Arbeitskräften die arbeitenden Mütter bedienen? Wäre es nicht besser, wieder zur vermeintlich besser funktionierenden Arbeitsteilung zwischen arbeitendem Mann und erziehender Frau zurückzukehren? Auf diese Weise wird das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gedeutet als ein Angriff auf die traditionelle Familie, hinter dem eine ganz bestimmte Lehre stünde.

“Akademisch” ist diese Art von Feminismuskritik aber deshalb, weil die Schwierigkeit der Kinderbetreuung unter den Bedingungen der Erwerbstätigkeit schlicht oft ein Alltagsproblem ist, dass der oder die Einzelne irgendwie lösen muss. Nicht selten lassen sich die konkreten Umstände dabei gar nicht ändern. Daher ist die Lebenssituation des oder der Einzelnen gar nicht ideologiefähig. Das wäre sie nur, wenn es hinreichend viele Optionen gäbe, um die Umstände auch zu ändern. Nur ist das oft nicht der Fall: Man hat nur diese Arbeitsgelegenheit, man muss diese oder jene Wege und Arbeitszeiten in Kauf nehmen und die Kinder sind ebenfalls schlicht da. Dass man damit klar kommen muss und man es als schwierig empfindet, hat nun zunächst nichts damit zu tun, wie man die Welt deutet und welcher politischen Einstellung man folgt. Es ist ganz einfach ein Problem der Organisation des Alltages, nicht weniger konkret und unumstößlich, wie der Umstand, dass man eben essen und darum auch irgendwoher Geld beziehen muss.

Es mag sein, dass viele Familien es sich leisten können, hier zwischen Lebensmodellen auszuwählen. Aber sobald man (bzw. Mann) alleinerziehend ist, erübrigt sich die Wahl. Die Beschwörung der bürgerlichen Kleinfamilie ist nichts mehr denn eine Sonntagsrede angesichts der Tatsache, dass der Partner nicht da ist und nicht für ein arbeitsteiliges Modell zur Verfügung steht. Nicht zuletzt kann man die Entscheidungen des Ex-Partners nicht einfach herbeiführen, nur weil man selber ein bestimmtes Lebensmodell bevorzugt. Vielmehr muss man die Konsequenzen solcher Entscheidungen auch einfach hinnehmen.

In diesem Zusammenhang macht es keinen Sinn, lange ideologische Debatten zu führen, die eigentlich nach dem Prinzip “hätte, hätte, Fahrradkette” funktionieren. An diesem Punkt müsste man eher den Realitäten ins Auge schauen, was letztlich auch bedeutet, diese Probleme anzuerkennen und womöglich eben auch als eher Frauenthema zu akzeptieren. Dieses Thema ist nicht immer nur ideologischen Vorlieben geschuldet, sondern verdankt sich den Lebensumständen, die oftmals nicht gestaltbar sind.

Will der Maskulismus nicht zu einer weltangewandten Lehre mutieren, muss er auch in der Lage sein, solche Alltagsprobleme anzuerkennen und mithin auch die Existenz von Interessenlagen, die etwa zu spezifischen Frauenproblemen führen können, ohne dass diese durch eine vorgängigen Ideologie begründet sind. Die Durchideologisierung von Alltagsthemen, die alleinige Wahrnehmung von Problemen und Interessenlagen als lediglich Verkörperung von Ideologien ist oftmals überzogen und allzu oft nur “akademisches” Glasperlenspiel.

 

 

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3 Responses to Übertriebene Ideologiekritik

  1. ““Akademisch” ist diese Art von Feminismuskritik aber deshalb, weil die Schwierigkeit der Kinderbetreuung unter den Bedingungen der Erwerbstätigkeit schlicht oft ein Alltagsproblem ist, dass der oder die Einzelne irgendwie lösen muss”

    Man muss nicht nur das Problem der Kinderbetreuung lösen, man muss insbesondere die Folgeprobleme daraus lösen.

    Die meisten Paare, gerade solche, die zusammen wohnen, lösen das Problem ja einvernehmlich, problematisch wird es mit der Trennung/Scheidung.

    Hier muss man gerechte Lösungen für einen Ausgleich evt entstandender Nachteile finden, also Unterhalt, Versorgungsausgleich und Zugewinn.

    Das sind Themen die leider insgesamt sehr stiefmütterlich behandelt werden, weil die meisten Leute verständlicherweise keine Ahnung davon haben und die Paragraphen abschreckend finden.

    Ich habe hier mal ein paar Fälle zusammengestellt, aus denen sich die Regelungen ergeben:
    http://allesevolution.wordpress.com/2011/12/10/anspruche-bei-scheidung-bzw-beendigung-der-ehe/

    • suwasu says:

      Diese Regelungen schaffen zusätzliche Umstände, in der Tat.
      Was ich aber meinte: Ich habe letztens den Hinweis bekommen, die klassische Arbeitsteilung habe doch mehrere Tausend Jahre funktioniert. Da zeige sich doch, was besser ist. Und das fand ich interessant, denn ob das nun wirklich besser war oder nicht, änderte ja nichts an meinem faktischen Problem, dass ich ohne Kinderbetreuung keine Möglichkeit des Geldverdienens hätte. Genau deshalb finde ich an diesem Punkt eine Diskussion “guter” vs. “schlechter” Modelle akademisch.

  2. “ideologische Debatten”

    Wenn ich recht verstehe, dann ist mit “ideologische Debatten” eine Argumentation gemeint, die von “den Männern” oder “den Frauen” ausgeht und dabei die Verhältnisse irgendeiner Untergruppe dieser Gruppen verabsolutiert.
    Es ist völlig richtig, daß derartige ideologische Debatten an große Teilen der Realität vorbeigehen und daher unproduktiv sind (übrigens generell bei allen sozialen und politischen Fragen). Der einzige Ausweg besteht darin, mehrere soziale Umfelder (“Milieus”) oder Klassen oder Schichten zu unterscheiden.
    Das hat aber leider den Effekt, daß nicht mehr jeder aus eigener Erfahrung mitreden kann und alles viel kompizierter wird, auch weniger unterhaltsam. Noch schlimmer ist, daß man eigentlich die Grundlagen der empirische Sozialforschung kennen sollte, wenn man eine heterogene Realität beschreiben und zum Ausgangspunkt politischer Überlegungen machen will.
    Klingt alles eher unlustig und nach Arbeit und Lernaufwand, aber ich habe keine bessere idee, wie man mehr Qualität in die Diskussionen hineinbringen kann. Lasse mich aber gerne eines besseren belehren.

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