Rhetorische Ausbrüche

Nach wie vor bin ich sehr skeptisch, was den sogenannten “Maskulismus” angeht. Immer noch erscheint mir die Front der Feminismuskritiker als ein Sammelbecken von Leuten mit ganz unterschiedlichen Interessen. Nicht immer sind diese Interessen klar zu erkennen. Auch fehlt mir oft die Abgrenzung zu radikalen Rändern. So gibt es nicht wenige Netzmaskulisten, die jeden Autoren zitieren, wenn er nur mal ein wenig gegen den Feminismus schießt. Aus welcher Ecke dieser Autor schießt, ist diesen Vertretern offensichtlich gleichgültig. Daher verlinken sie fröhlich auch auf Personen, die ich eher im rechts-konservativen Lager verankern würde, vor deren Karren ich mich persönlich nicht spannen lassen möchte. Die aus meiner Sicht eher westdeutschen Kulturkonflikte um 1968 sind für mich nicht relevant und ich habe keine Lust, mich denen anzudienen, die jetzt dank der Feminismuskritik ihre Stunde gekommen sehen, um nach über 40 Jahren endlich mit der damaligen Studentenbewegung abzurechnen. Eine solche Person ist Bettina Röhl, die als Tochter der RAF-Terroristin Meinhof und des linken Verlegers Röhl bekannt dafür ist, kein gutes Verhältnis zur westdeutschen Linken zu haben.

Dagegen wäre nichts zu sagen. Gründe der Kritik gibt es reichlich. Meinhof, für manche eine Ikone, war alles andere als ein Engel. Das wird schnell klar, wenn man ihre technokratisch-kalten und wenig menschenfreundlichen Schriften liest. Röhls Problem ist jedoch, dass sie nicht sachlich argumentiert, sondern vor allem emotionale Abrechnungen schreibt, die voller Polit-Rhetorik sind, die im besten Sinne die Annahme Carl Schmitts verkörpert, dass es in der Politik um die Unterscheidung von Freund und Feind ging.  Aber solche Texte informieren nicht, sie bedienen lediglich die Ressentiments derer, die es sowieso schon zu wissen meinen. Nicht zuletzt schleicht sich dabei auch eine Tendenz zur Pauschalisierung ein und ebenfalls wird der Gegner als Mensch eher unkenntlich gemacht, zum Dämon hochstilisiert.

Und nun stellt Günter Buchholz, via Cuncti und “Frankfurter Erklärung” bekannt als Feminismuskritiker, einen Text von Röhl in Auszügen in seinen Blog.   Buchholz findet, Röhls Text sei eine “glänzende Abrechnung”. Ich hingegen finde, dass er ein peinlicher Erguss ist, wie dieses Zitat zeigt:

Die Grünblüter sind zweifelsfrei eine verfilzte, vercliquete, aggressive, bis zum Anschlag ideologisierte und oft genug brutal und menschenverachtend agierende Minderheit. Sie dominieren dieses Land gerade so wie ein Puppenspieler seine Figuren an Fäden tanzen lässt.

Die Grünblüter, das sind jene, die auf der Welle der Political Correctness reitet und fortlaufend neue Minderheiten “entdeckt”, gegen deren Disriminierung man vorgehen müsse. Wohl wahr, das ist eine äußerst kritikwürdige Entwicklung. Aber ein nüchtern-sachlicher Journalismus geht anders, vor allem erfordert er eine gewisse emotionale Distanz, die Röhl ganz und gar nicht aufbringen kann. Überall regiert der Superlativ und der Gegner ist grundschlecht: “aggressiv, verfilzt, bis zum Anschlag ideologisiert”. Alles, was in einer modernen Demokratie verwerflich ist, verkörpern diese Leute, die Röhl übrigens nicht nur bei der Partei Die Grünen verortet. Wer “bis zum Anschlag ideologisiert” ist, der ist auch zu keiner Vernunft mehr fähig und dessen Argumente kann niemand mehr ernst nehmen. Das kann gut möglich sein, aber wer solche starken Thesen aufstellt, sollte sie umfänglich belegen. Hier wird aber pauschal einer Gruppe von Leuten jede Vernunft abgesprochen.

Schließlich sind jene auch noch “brutal und menschenverachtend”, worin auch immer sich das ausdrücken mag. Ein unpassender Vergleich, denn eine solche Haltung erkenne ich eher bei jenen, die ihren Standpunkt mit physischer Gewalt ohne jedes Mitleid durchsetzen, die Leute aus Spaß quälen oder töten. Wohl sind viele PC-Helden recht radikal und sogar auch in ihrem Anspruch totalitär. Aber sie sind nicht “brutal”, weil sie in der Regel ihre Gegner weder foltern noch umbringen. Gewaltopfer kennen den Unterschied zwischen rigider Regelungswut und körperlicher Tortur. Vielleicht sollte Frau Röhl mal nach Srebrenica oder Guantanamo fahren und diejenigen fragen, die sich damit auskennen. Ihre Kritik überzieht und schießt damit ins Leere.

Geradezu lächerlich ist ihre Behauptung der Dominanz dieser Leute. Es gibt keinen Zweifel, dass diese Gruppe einflussreich ist. Aber Dominanz sieht anders aus. Weder sind Frauen in unserem Land vollkommen unterdrückt, noch holt mich die Polizei ab, nur weil ich in meinem Blog etwas gegen den Feminismus sage oder die gegenderte Sprache veralbere. Ich selber bin in der DDR aufgewachsen. Dort besaß die Machtclique tatsächlich einen Apparat, mit dessen Hilfe man Kritiker mundtot machen konnte. Das sehe ich in Deutschland nicht so. Es gibt neben den Politisch Korrekten reichlich weitere Gruppen, die ihre Vorstellungen in der Politik durchsetzen können. Die CSU konnte ihre “Herdprämie” zum Regierungsprogramm erheben. Hartz IV war möglich. Abgeschoben wird auch immer noch, trotz aller Klage über die vermeintliche oder tatsächliche rassistische Grundierung dieser Praxis. Wo bleibt da die Dominanz? Es ist einfach albern, den Einfluss einer politischen Interessengruppe gleichzusetzen mit der umfassenden Macht des “Puppenspielers”. Vielmehr muss man in einer Demokratie damit leben, dass solche Gruppen ab einem gewissen Organisationsgrad und mit einem großen Wählerreservoir auch in der Lage sind, ihre Vorstellungen politisch zu verwirklichen. Nicht, das ich die Political Correctness in irgendeiner Weise gutheiße. Aber sie wird nicht von Diktatoren oder Militärputschisten vollzogen. Der Vorsitzende der Grünen ist kein Kim Jong Il (oder wie der aktuelle Kim gerade genau heißt). Wen das “Antidiskriminierungsgesetz” stört, der muss es argumentativ und politisch bekämpfen. Es ist prinzipiell revidierbar und kein Polizeikordon wird einen daran hindern. Man versuche das Gleiche mal in Riad.

Solange der Netzmaskulismus solche Un-Rhetorik goutiert und nicht weiter reflektiert und Leute wie Röhl als seriöse Quelle ausgibt, bleibe ich freilich in kritischer Distanz. Mit derartigen Eiferern wie Röhl will ich nichts zu tun haben. Um es mal böse zu sagen: Da scheint mir auch der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen zu sein… ^^

 

 

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4 Responses to Rhetorische Ausbrüche

  1. quellwerk says:

    Dein Titel “Rhetorische Ausbrüche” hat den Artikel von Bettina Röhl doch schon richtig verortet. Warum dann noch diese Gegenpositionierung? Günther Buchholz kann ein Lied davon singen, wie Genderismus, von den Grünen politisch unterstützt, die Hochschulen als Beute betrachten. Er war schon früh ein Rufer in der Wüste und hat seitdem beständig gegen die Gender-Ideologie gearbeitet. Wahrscheinlich ist er konservativer als du und ich – ja und? Vielleicht bist du konsensorientierter und ich eher ein politscher Misanthrop: dies ist doch kein Grund, andere Blogs nun plötzlich abwerten zu müssen, denn dein Blog, als auch derjenige von Buchholz haben viele gute Gedanken im Angebot. Ich wäre dafür den Ball flach zu halten und nicht weitere Dramen à la “Wortschrank” und “Pelzblog” zu schaffen. Mit freundschaftlichem Grüßen an dich wende ich mich nun wieder meinem Tagwerk zu. 🙂

    • suwasu says:

      Du hast schon recht. Ein weiteres Drama will ich auch gar nicht inszenieren. Ich finde die Zitierung von Röhl falsch, aber deshalb finde ich nicht generell falsch, was Günter Buchholz schreibt. So soll das nicht verstanden werden. Ich lese ja auch weiterhin Wortschrank, Pelz und viele andere, auch dann, wenn ich hier und da eine Meinung nicht teile. Gleiches gilt für Buchholz: Eine Krähe macht noch keinen verregneten November und er ist für mich wegen des Röhl-Artikels nicht plötzlich ein “Feind” oder eine Unpersön. So sehr liegt mir Carl Schmitt nicht…

  2. Neuer Peter says:

    Wer etwas sagt, ist mir in den meisten Fällen völlig egal. Wichtig ist, was er sagt und ob ich hier im Einzelfall zustimmen kann.

    • suwasu says:

      Das ist letztlich auch das Entscheidende. Insofern würde ich auch gute Argumente von Frau Röhl in Ordnung finden. Carl Schmitt, der alte Konservative, ist ja für manche auch ein finsterer Reaktionär. Was eben nicht heißt, dass er nur unrecht hätte. Ich selber lese auch so un-linke Autoren wie Niklas Luhmann gerne.

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