Kenntnisfreier Schuss in den Ofen

Hadmut Danisch wartet mit einem link zu einem Vortrag von Rudolf Willeke auf. Dieser Vortrag rechnet ab mit der sogenannten “Frankfurter Schule”, einer Gruppe von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen. Danishs Motiv, diesen link zu bringen, kann man in seinem kurzen Artikel dazu nachlesen:

Nachdem mich inzwischen so viele Leute darauf hingewiesen habe, habe ich angefangen, mich mit der „Frankfurter Schule” als Hintergrund des Feminismus zu befassen.

Es ist natürlich möglich, dass die eine oder andere Feministin sich bei der “Frankfurter Schule” bedient hat. Insofern ist das Anliegen Danischs an sich nicht falsch.

Aber leider kennen wir von Danisch ja bereits Ausbrüche gegen Geistes- und Sozialwissenschaften, die leider von keiner Kenntnis getrübt sind. Auch dieser Vortrag des Herrn Willeke scheint nichts weiter zu sein, als kenntnisfreie Propaganda, der Danisch auf dem Leim geht.

Danisch zitiert den Begleittext bei youtube:

Ja, sie stellt sogar den Anspruch, eine Theorie der Wahrheit zu sein und damit die gesamte Philosophie des Abendlandes …. zu beerben, zu überbieten und damit abzulösen.

Und sagt dann selber:

Das würde allerhand erklären. Auch die große Ähnlichkeit zu Scientology.

Gut, Danisch räumt ein, dass er die Person Willeke nicht weiter analysiert hat. Er hätte es mal tun sollen. Der von ihm verlinkte Vortrag wurde vor der Pius-Brüderschaft gehalten. Diese sind nicht gerade der Ort der Aufklärung. Anderenorts wettert Willeke gegen alle möglichen Anleihen aus der Psychologie. Da wird auch gleich erkennbar, dass er eher aus der konservativ-christlichen Ecke stammt. Der Titel dieser Philippika gegen alles Psychologische lautet:

Gruppendynamik –

Das Trojanische Pferd in der Stadt Gottes

Geschrieben hat er das für die “Aktion Leben e.V.”, einer kirchlichen Lebensschützergemeinschaft.

Ich erlaube mir hier mal die Annahme, dass wir es bei Willeke mit einem waschechtem Fundamentalisten zu tun haben. Einer, der dann nicht einmal ansatzweise wirklich verstanden hat, wie die Frankfurter Schule, insbesondere Adorno gedacht hat. Das wird schon in dem von Danisch Zitiertem deutlich. Adorno hielt gerade einen solchen Wahrheitsanspruch für totalitär. Daher hatte er sich auf negative Dialektik verlegt, auf Kritik, auf das Unterlaufen von Wahrheitsansprüchen. Denn wer meint, die Wahrheit selbst innezuhaben, ist nicht weit davon entfernt, in ihrem Namen über Menschen zu richten. Was Danisch da zitiert und nicht weiter prüft, ist folglich nichts weiter als “unglaublicher Schwachsinn”, wie Oliver K. es in einem Kommentar richtig stellt.

Für Kenner der Materie kommt hier noch mehr dieses “Schwachsinns”.  Spätestens bei der “Ent-Ästhetisierung der Kunst” musste ich lachen, war doch Adorno ästhetisch eher konservativ, ein Jazz-Verächter und ansonsten der Meinung, man könne sein Heil nur noch in der Kunst finden, weil ansonsten kein Wahrheits- und Authentizitätsanspruch aufrechtzuerhalten sei.

Sicher war die Frankfurter Schule da und dort links und auch marxistisch. Aber Adorno selbst ist in meinen Augen ein Bildungsbürger bis in die Tiefen seiner Philosophie hinein. Das wird deutlich in seiner Neigung zur Kunst und zwar zur Hochkultur, während er Pop-Kultur quasi als Droge, als Opium für das Volk verachtet. Auch ist seine Betonung von Freiheit und deren Verlust durch Unterordnung unter ein durchkalkuliertes System bürgerlich. Schließlich hat der Bürgerliche zwar das Arbeiten geschätzt, aber auch die Selbstständigkeit, die selbstbestimmte Existenz, die Adorno aber nicht mehr sehen kann im modernen Kapitalismus. Das ist eine Kritik, die man genauso auch von Konservativen vernehmen kann. Auch wenn sich die “Dialektik der Aufklärung” zuweilen ein wenig marxistisch gibt, ich habe darin kein linkes Buch erkennen können.

Falls einer noch Zweifel hat, wo der Zug bei Willeke hinfährt, der lese das hier:

Wenn man aber — wie diese drei Gruppen — Gott, die Quelle und den Ursprung jeder Autorität, leugnet, dann ergibt sich daraus logisch die Leugnung der Autorität selbst, und zwar bedingungslos und vollständig. Die Leugnung der weltumfassenden Vaterschaft Gottes bringt die Verneinung der Vaterschaft in der Familie mit sich. Die Leugnung der religiösen Autorität hat ebenso logisch die Leugnung der politischen Autorität zur Folge. `Wenn einmal der Mensch ohne Gott auskommen will, dann sofort auch der Untertan ohne König und der Sohn ohne Vater.´

Da weiß man Bescheid. Autorität kommt von Gott. Gott solle man akzeptieren, damit auch die politische Autorität. Klingt also nach einer Welt, die Gott planvoll so eingerichtet habe und wo Herrschaft eben dazu gehört.

Da wundert es nicht, dass dieser selbstberufene Kritiker von Adorno und Habermas nicht sachlich argumentiert, sondern schlicht Geifer versprüht, Kampfvokabeln benutzt und offenbar nichts richtig an Quellen belegt.

Um es mal klar zu stellen: Mir geht es hier nicht um die Verteidigung der “Frankfurter Schule” als zwingend zu lesende Autoren. Aber offenkundiger rechtskonservativer Fundamentalistenblödsinn sollte in der Feminismuskritik nichts zu suchen haben. Die Kritik am Feminismus sollte auf seriösem Fundament stehen. Sie wird sonst zum Bumerang und das nicht mal zu unrecht.

Edit: Drüben bei Danisch kam nun noch die Behauptung auf, dass Kritik an der “Frankfurter Schule” schnell sich den Vorwurf des Antisemitismus zuzöge. Dazu habe ich einen längeren Kommentar dort geschrieben. Kurzfassung: Kritik hat es in den letzten Jahren reichlich gehagelt, ohne dass die Kritiker je als Antisemiten dafür beschimpft worden wären.

Ich selbst habe einst eine Seminararbeit über die “Dialektik der Aufklärung” geschrieben und einen Autoren zitiert, der Adornos Negativität als zu destruktiv empfand. Mit Adorno könne man nicht konstruktiv über Lösungen nachdenken, da in allem der Keim der totalitären Überwältigung stecke (jetzt mal aus der Erinnerung zitiert).

Was im übrigen Leute wie hier nicht verstehen: Für Adorno war die Marxsche Annahme einer durch Klassenkämpfe zum Sozialismus hinauslaufende Heilsgeschichte ein großer Irrtum und sogar Grundfehler, eben weil diese Denkweise unterstellt, man könne das ganze Leben einer Berechnung unterstellen. Dagegen sei das Leben offen und man müsse dem Leben damit auch offen begegnen, um die Menschen nicht zu knechten. Jede Philosophie, die meint, das Ende der Geschichte zu kennen, bewirke aber Knechtschaft. Nur in der Kunst könne man wirklich “wahr” sein, weil da nichts einem Begriffssystem untergeordnet werde. Das ist eben KEIN Kulturmarxismus, was Adorno trieb, sondern letztlich ein liberaler Grundzug im Dienste der Freiheit des Einzelnen.

Hier zeigt sich meiner Meinung nach, was passiert, wenn im Rahmen der Feminismuskritik der vermeintliche “Streit der Fakultäten” ausgetragen wird, indem man Geistes- und Sozialwissenschaften pauschal, aber leider ohne wirkliche Kenntnis, als Ideologieschmieden anklagt. Am Ende regiert dann leider nur noch das Vorurteil.

 

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6 Responses to Kenntnisfreier Schuss in den Ofen

  1. Hadmut Danisch says:

    Eine reichlich dumme Kritik.

    Denn wer mein Blog kennt, der weiß, dass etwas erklärtermaßen ungeprüft zu bloggen eben genau das ist: Eine Form, es nachzuprüfen.

  2. Kai V says:

    Ich hatte es angelesen und dann nach ein paar Zeilen kopfschüttelnd weggeklickt, wie so oft bei HD. In meinen Augen macht er nichts weiter als Propaganda… Danke für die Richtigstellung!

    • Das bedeutet Du liest HD oft nicht richtig weißt aber, daß er Propaganda macht! Sehr aufschlußreich …

      • suwasu says:

        Naja, ich für meinen Teil kenne HD schon lange als Blogger und habe gewisse Wiederholungen zur Kenntnis genommen. Daher stützt sich mein Urteil schon auf gewisse Kenntnis seiner Aussagen.

        Darum sollte es aber nicht gehen. Wichtiger ist der Umgang mit Behauptungen über die “Frankfurter Schule”. Es ist dem Maskulismus mit Sicherheit abträglich, hier nicht zu differenzieren. Es wäre einfach besser, mit mehr Vorwissen an die Sache heranzugehen. Leider gibt es aber den Trend, Philosophie und Sozialwissenschaften per se als Hort des Feminismus und des inhaltsleeren Gequatsche abzuqualifizieren. Damit wird aber der Fehler wiederholt, den Sokal den postmodernen Philosophen vorwarf: Ohne echte Kenntnis des Kontextes Dinge einfach herauszugreifen. Ich habe selber als Student gern mit physikalischen Metaphern gespielt und erst spät begriffen, dass man deren Sinn als Begriffe in der physikalischen Theorie kennen muss, bevor man sie anderswo einsetzen kann. Ich finde, gleiches gilt für alle Wissenschaften.

      • Wie auch immer, wenn HD erstens NICHTS WEITER ALS Propaganda macht und zweitens HD deshalb nicht gelesen werden braucht, vermute ich: 1. Du hast keine Ahnung von dem was HD sonst so schreibt. Ich zB denke nämlich, daß er sehr oft recht hat und eben keine Propaganda betreibt. 2. Du vielleicht schon kritische Beiträge zu Blogartikeln von HD aus, sagen wir Anfang 2018, geschrieben hast? Beiträge wo Du dann nur das Datum richtig eintragen brauchst. Wo Du doch heute schon weißt was er morgen schreibt …

        PS: Hast Du denn wenigstens nachträglich den Blogartikel von HD gelesen und verstanden. Der Kommentar macht zumindest nicht den Eindruck als sei dieser unter Kenntnisnahme von HD’s Artikel geschrieben worden.

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