Feministische Memes als Gesprächsverweigerung

An unerwarteter Stelle fand ich in den weiten des Netzes dieses Bild einer unbekleideten Frau, die eine Tasse mit der Aufschrift “Male Tears” in der Hand hält. Unterschrift des Bildes: “Not all males”. Die abgebildete Person beschreibt sich als zweierlei: Einerseits als Sexworkerin, andererseits als Feministin. Schon das ist bemerkenswert. Aber geärgert habe ich mich eben doch darüber, dass die gegenwärtig modischen Elemente des Verächtlichmachens von Männern hier verknüpft mit weiblicher Nacktheit vorgeführt werden.

Dass Männer leiden, Sorgen und Probleme haben, ist hier offenbar nur ein Witz. Echte Männer heulen offenbar nicht. Wenn Männer weinen, dann nur plakative Krokodilstränen. Man fragt sich schon, warum so viele Frauen Männer als derart eindimensionale Wesen wahrnehmen und warum sie nicht in der Lage sind, Männer als normale und darum auch emotionale Menschen zu sehen. Die fixe Idee, Männer als bevorzugtes und herrschendes Kollektiv anzusehen, ist in den Augen dieser Frauen wirksamer als die Begegnung mit tatsächlichen Personen.

Das Bild nimmt sich nun auch noch des Einwandes “not all men” an. Zwar gibt es hier keinen weiteren Kommentar. Aber die Unterschrift “not all males” wird hier verknüpft mit “male tears”. Der Einspruch der Männer, man möge sie nicht pauschal in einen Topf z.b. mit Amokläufern oder Vergewaltigern werden, wird hier als Krokodilstränen lächerlich gemacht. Die Frage nach guten Gründen der Abwehr solcher Pauschalisierungen unterbleibt. Nein, die Abwehr müsse ja verlogen sein.

So etwas macht mich wirklich sauer. Zumal diese Pauschalisierung leider einem starken schlechten Gewissen korrespondiert. Ich reagiere auf die Vorwürfe mit Schuldgefühl. Eigentlich bin ich frei von jeder Schuld. Aber ich übernehme die Verantwortung für “alle Männer”, vor allem für jene, die sich daneben benehmen, tatsächlich oder vermeintlich. Das ist ein tief verankertes Schuldgefühl, das zugleich ja eine herkulische Aufgabe bedeutet: als Einzelner dazu beitragen zu wollen, dass alle Männer sich bessern würden. So etwas ist kaum zu bewältigen. Und schon darum ist diese Form der Verantwortungszuweisung falsch.

Was mir jetzt aber noch bei längerem Nachdenken auffällt: Der Netzfeminismus arbeitet offenbar gezielt mit Memes und strategischen Rhetoriken. “Male Tears” hatten wir kürzlich auch in Deutschland und alle möglichen Netzfeministinnen produzierten dazu ihre Tweets. Wie man hier sehen kann, gibt es das “Male Tears” Mem eben auch anderswo. Die Bereitschaft des Netzfeminismus scheint hoch, solche Diskursschablonen einzusetzen und dies gleich auch immer kampagnenartig, indem diese Memes massenhaft verwendet und verbreitet werden. Die Nutzung von Memes ist eine Form der standardisierten Kommunikation. Wer Standards reproduziert, verschwindet als Individuum, er maskiert sich, entzieht sich aber auch den Fragen Anderer. Er reagiert mit Stereotypen, anstatt die tatsächlich eigenen Meinungen und Empfindungen zu äußern. Insofern sind diese Meme eine interessante Form der Gesprächsverweigerung, nämlich die Weigerung, als Individuum mit den eigenen Argumenten für die eigenen Behauptungen einzustehen. Es ist eine Form des Selbstschutzes. Das Individuum nimmt sich aus der Schusslinie, weil es nur Stereotype wiederkäut, aber keine eigene Sprache benutzt und keinen eigenen Standpunkt darstellt. Jener wäre vermutlich etwas differenzierter oder zumindest lückenhaft, weil den Überzeugungen die Faktenbasis hier und da fehlt. Er könnte ebenso hier und da abweichen von der “großen Linie” und Differenzierungen auch in die Gemeinde der Netzfeministinnen hineintragen. Einerseits sagen die Memes dem Manne  letztlich: Es lohnt nicht, mit Dir zu diskutieren. Aber andererseits signalisieren sie auch: ich möchte meine persönliche Meinung nicht wirklich offen äußern und sie Gegenargumenten aussetzen.

 

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8 Responses to Feministische Memes als Gesprächsverweigerung

  1. me says:

    “warum sie nicht in der Lage sind, Männer als normale und darum auch emotionale Menschen zu sehen.”

    Wenn männliche Tränen keine Krokodilstränen wären, dann würde der moralische Zeigefinger auch auf den Menschen (also die Frau) zeigen, die an dem Grund der Tränen beteiligt ist.

    Das kann nur sein, wenn man für möglich hält, dass eine Frau Schuld auf sich laden könnte.

    Das aber darf nicht sein. Frau hat nicht Schuld. Das “Ich kann nichts dafür” Gefühl ist wesentlicher Bestandteil für fast alles in der feministischen Theorie und Praxis.

    • suwasu says:

      In der Tat. Das ist aber ausgesprochen erstaunlich, weil ja ein absolutes Bild gezeichnet wird: nur Opfer und nur dem Handeln Anderer ausgesetzt und komplett unfähig, gestaltend in die Ereignisse einzugreifen. Es ist sehr unerwachsen und das wundert mich. So naiv ist doch eigentlich niemand. Erwachsene müssen immer damit leben, dass sie Folgen auslösen mit ihrem Handeln, ebenso, dass sie diese Folgen nicht immer kontrollieren und dass auch aus besten Absichten Tragödien entstehen. Es geht mir nicht in den Kopf, warum die feministische Theorie diesbezüglich so “infantil” ist und so philosophisch extrem flach.

  2. Ich denke dieser “Male tears” Kram ist eine dümmliche Modeerscheinung. Zeigt aber immerhin den Verstand einiger Feminist.I.nnen.

    Ich kann mich darüber nicht ärgern. Ärgerlich sind für mich die Auswirkungen des Feminismus, wobei ich denke es sollte noch mehr davon geben. Männer scheinen diese Beschämungen und Entrechtungen ja zu wollen, warum sollten sie sonst dieses Spiel in Politik und Gesellschaft mitspielen? Warum zB wählen Männer diese Politiker, die Männer doch nur verachten und das auch mehr oder weniger offen sagen? – Bitte, wenn ihr das so wollt Männer, warum nicht?

  3. Graublau says:

    Sehr guter Artikel! Selbst eine nackte Frau sollte nicht Tränen von Männern lächerlich machen. Dass sie es trotzdem tut, ist Meinungsfreiheit. Und demnächst auf diesem Sender: “Warum nehmen Männer immer nur den Körper einer Frau wahr und nie den Intelleket?”

    Die Memes haben noch eine schöne Doppelfunktion: Du nimmst eine Handvoll wirklich sinnvoller / erschütternder Beiträge zum Vorzeigen, wie wichtig / toll das doch ist. Den Rest, der nicht diese Qualität hat, erhöht den Zähler, so dass Du nachher argumentieren kannst im Sinne von “Es gab soundsoviel Tweets zu diesem Hashtag, das muss doch etwas dran sein!” Diese große Zahl in Verbund mit den besten Beiträgen erzeugt das Bild,.die breite Masse der Beiträge sei so wie die besten.

    • suwasu says:

      Da ist was dran. Man kann so die Relevanz der Botschaft der Meme simulieren.

      Ja, es ist Meinungsfreiheit. Interessant ist aber die Wahl der Kommunikationsform. Es ist eben eine unpersönliche Art der Kommunikation. Genausogut könnte man ja tatsächlich persönliche Geschichten erzählen über eigene Erfahrungen. Aber wer sich zeigt, macht sich angreifbar. Zweitens gefährdet er seine Anschlussfähigkeit an die “große Linie” dort, wo er von deren simplen Thesen abweicht. Auch zeigen die Memes, dass die Feministinnen nicht an Argumentation interessiert sind. Denn so ein Mem ist nur ein Spin, ähnlich den Slogans von Parteien im Wahlkampf. Das Mem verzichtet gänzlich auf Argumentation und auf Auseinandersetzung. Es wird einfach in die Welt gesetzt, mit der Behauptung, damit sei alles Notwendige bereits gesagt.

  4. Matze says:

    “Die Bereitschaft des Netzfeminismus scheint hoch, solche Diskursschablonen einzusetzen und dies gleich auch immer kampagnenartig, indem diese Memes massenhaft verwendet und verbreitet werden. Die Nutzung von Memes ist eine Form der standardisierten Kommunikation.”

    Das erinnert mich jetzt wieder an das Buch “Animal Farm”. Und die Schafe blöcken: Vierbeiner gut, Zweibeiner schlecht, Vierbeiner gut, Zweibeiner schlecht.

    Mehr können sie sich nicht merken und durch das ständige blöcken wird auch jede Diskussion unmöglich.

  5. Unter dem Link ist das Bild nicht mehr zu sehen. Eine Reaktion auf Deinen Artikel?

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