Ist die Uni eine comfort zone?

Bei Christian gab es in den Kommentaren eine Diskussion über die Frage, ob die Soziologie in die Ideologie abgestürzt sei oder ob sie an sich noch honoriges leistet. Es ist kein Geheimnis, dass ich Soziologe bin und meine Disziplin verteidigt habe.

Freilich gebe ich vielen Kritikern recht, dass es allzu viel “Bewegungssoziologie” gibt, nämlich Auftragsforschung im Dienste politischer Akteure oder “Forschung” mit dem Ziel, der eigenen politischen Bewegung Legitimation zu verschaffen. Das ist ein Missstand, den es zu bekämpfen gilt.

Häufig ist die Kritik aber deutlich überzogen und weil manche Dinge dann doch meine persönliche Schmerzgrenze überschreiten, liegt mir daran, solchen Behauptungen zu widersprechen. Zu diesen Behauptungen gehört folgende, im Kontext der Kritik an einer amerikanischen Soziologin getroffene Aussage:

“Zu guter Letzt
verfogen dann diejenigen die
keine Eier haben eher ein Auskommen
in der geschützten Welt der
Akademe.”

Die universitäre Welt ist alles mögliche, nur nicht geschützt. Bis man -eventuell!!! – mal Professor wird, wird man als Mittelbauer geknechtet und hangelt sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, immer mit der Gefahr plötzlicher Arbeitslosigkeit im Rücken. Halbjahresverträge sind keine Seltenheit. Hat man dann mal graduiert, ist man für andere Arbeitgeber oft ein “hoffnungsloser Fall”, so dass der Wechsel in die Wirtschaft schwer wird. Professorenstellen gibt es lange nicht so viele, wie es Habilitierte gibt. Daher geht man ein hohes Risiko ein, zu scheitern. Schließlich ist der Erfolg von Doktorarbeit und Habilitation sehr von jahrelanger Selbstdisziplin abhängig und von der Fähigkeit, über Jahre sich selber zu motivieren und ohne jede institutionelle Unterstützung auszukommen. Nicht wenige landen hernach beim Arbeitsamt: Ihr Vertag lief aus, das Drittmittelprojekt ist fertiggestellt und der letzte Projektantrag kam nicht durch. Es landen auch jene dort, die es nicht geschafft haben, noch vor Ablaufen ihrer Befristungsgrenze ihren Titel zu erringen. Schließlich schreibt das Wissenschaftszeitvertragsgesetz vor, dass man ohne Dr. nur sechs Jahre befristet an einer Hochschule arbeiten darf. Nach der Habil bleiben ebenfalls nur sechs Jahre. Anschließend sollte entweder die Festanstellung folgen (die es für Mittelbauer nie gibt) oder die Professur (die es nur für einen Bruchteil der Bewerber gibt).

Kurz: Wer im Wissenschaftsbetrieb arbeiten will, braucht definitiv “Eier”.(Mein Kommentar bei Christian, hier noch einmal kopiert und ergänzt).

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8 Responses to Ist die Uni eine comfort zone?

  1. Nur mal, um die Sache zu präzisieren: Die 6-Jahresregelung geht wie folgt:,

    Egal woher das Geld kommt, jeder Vertrag zählt zu den 6 Jahren. Danach kann man weitere Verträge haben, aber nur noch aus Drittmitteln, die man ggf. selbst einwerben muß.

    • suwasu says:

      Ist diese Nummer mit den Drittmitteln eigentlich neu? Ich hörte davon, aber ich war etwas überrascht, denn anfangs galten auch Verträge über Drittmittel als Arbeitszeit an der Hochschule.

      • Das gilt schon 3 Jahre. Verträge aus Drittmitteln sind Arbeitszeit, aber die Folgen der 6-Jahresregelung wurden gelockert: Erlaubt sind nun weitere Verträge, solange sie aus Drittmitteln finanziert werden.

      • suwasu says:

        Danke! Das habe ich nicht mitbekommen (und die tolle Verwaltung offenbar auch nicht).

  2. Finde ich gut und wichtig, dass du da mal drauf hingewiesen hast. Ich habe mich hier ja auch schon mal als Sozialwissenschaftler geoutet (Bachelor in Politikwissenschaft und Soziologie, derzeit im Master Politikwissenschaft).
    Dieses Bashing einer ganzen wissenschaftlichen Disziplin wegen einiger (zum Glück immer noch recht weniger) Schwachköpfe ist einfach unangemessen.

    Das Problem sehe ich eher darin, dass es im Wissenschaftsbetrieb eine Menge Mitläufer gibt, die gar nicht so richtig darüber reflektieren, was in ihrer eigenen Disziplin manchmal für ein Mist gemacht wird bzw. sich nicht trauen, dagegen aufzustehen, um sich keine einflussreichen Feinde zu machen.

    • Was denn nun? Ist das in diesen Wissenschaften nicht weiter schlimm oder sind “eine Menge Mitläufer” doch ein Problem?

      Sind mit “diesen Mitläufer” die mit den Eiern gemeint? Helden der Wissenschaft zuzusagen?

      Ich weiß ja nicht, aber besonders Schlaue sind das dann ja wohl nicht, wenn die Soziologen unter solchen Umständen knechten wollen und es wohl auch machen.

      Jetzt kommt denen noch die Frauenquote dazu und verhindert noch mehr Männerkarieren. Wissenschaftler, die nichtmal merken was in ihrer eigenen Wissenschaft, zumal es ja auch zu ihrem eigenem Fachbereich gehört – die menschliche Gesellschaft und /oder Politik nämlich, so auf sie selber zukommt, kann ich weder besonders bedauern noch als Wissenschaftler für voll nehmen.

      Soziologen, Politikwissenschaftler usw haben noch nie vom Feminismus und dessen Folgen gehört? Wem wollt Ihr das denn unterjubeln?

      • Du verwechselst Personen und Institutionen. Natürlich ist es zu einem gewissen Grad problematisch, wenn irgendwo Leute ihr Unwesen treiben, ohne dass das Aufmerksamkeit erregt. Das ist aber kein Problem der Wissenschaft als solcher, denn gute Wissenschaft ist schlicht und einfach gute Wissenschaft. Und schlechte Wissenschaft ist schlechte Wissenschaft. Wenn die guten Wissenschaftler die schlechten Wissenschaftler nicht ausreichend kritisieren, macht das die gute Wissenschaft nicht schlecht. Das hat nix miteinander zu tun.

        Ich weiß ja nicht, aus welchem Wissenschaftszweig du kommst. Aber ist es bei euch Usus, dass die Vertreter eines bestimmten Zweigs (z.B. der Botanik) genau verfolgen, was die Vertreter eines anderen Zweigs (z.B. der Zoologie) so alles machen? Und deren Arbeit dann auch noch fachlich höchstqualifiziert kritisieren) Und wenn sie das tun würden, hätten sie dann überhaupt noch Zeit, sich ihren eigenen Themen zu widmen? Wären sie dann nicht vielmehr schon Vertreter des zweiten Zweigs?
        Nun, nicht anders ist es in den Sozialwissenschaftlern. Das ist ein hochgradig ausdifferenzierter Betrieb mit tausenden von Leuten, die sich mit den unterschiedlichsten Themen intensiv beschäftigen, wo es zahlreiche Experten für jedes noch so spezielle special interest gibt, und jedes ist zu irgendetwas gut.

        Natürlich hat jeder schonmal irgendwas von Feminismus gehört. Und die meisten haben wohl auch irgendeine Privatmeinung dazu. Aber das ist eben nur eines von vielen möglichen Feldern. Und je tiefer man in die Wissenschaft einsteigt, desto mehr misstraut man seinen eigenen Meinungen. Weil man irgendwann oft genug überrascht wurde, und das allein bei den Themen, die man besonders genau beobachtet. Wie soll das dann erst bei den Themen sein, die sich nur im periphären Sichtfeld abspielen? Also spart man sich irgendwann, seiner Meinung in diesen Dingen zu stark zu vertrauen und überlässt das den jeweiligen Experten.
        Um festzustellen, dass es unter den Experten für Feminismus auch einige Scharlatane gibt, und welche genau das sind, muss man schon ziemlich viel Zeit investieren. Das macht niemand, der sich nur am Rande dafür interessiert. Wer das aber macht, entwickelt sich zum Experten für Feminismuskritik – und da haben wir schon wieder das nächste special-interest-Feld. Und irgendwann werden dann auch Leute auftauchen, die die Feminismuskritik analysieren und kritisieren. Und so geht das immer weiter.
        Niemand kann da auf Dauer die Übersicht behalten.
        Das hat mit “Eiern” rein gar nichts zu tun. Jemand, der sowas behauptet, hat entweder noch nie eine Universität betreten oder der Aufenthalt dort ist spurlos an ihm vorübergegangen.

        Deinen Wut über die Frauenquote kann ich ja nachvollziehen. Aber das einfach pauschal den Sozialwissenschaften anzuheften ist genauso stumpf, wie dem Patriarchat anzuheften, dass Frauen im Schnitt weniger Geld verdienen. Das ist keine Feminismuskritik.

      • @ Nachdenklicher Mann

        Der Feminismus wird stark von uA SWlern betrieben, unter dessen Dach. Wie Du schon gemerkt hast gibt es viele die dies den SWten zurechnen und anlasten.

        Jetzt mag es ja sein, daß den SW Unrecht getan wird, was ich aber nicht glaube.

        Ein hinkebeiniges Beispiel, als Versuch der Erläuterung:

        Wenn eine Teile der Physiker gehauptete Steine würden nicht fallen sondern nach oben davonfliegen, hielte ich entsprechend viel von solch einer Physik. Erstrecht wenn diese NASA-Stein-Physiker noch dazu Professix werden und erheblichen Einfluß in der Physik hätten.

        Sollte sich eine solche Schwebende-Stein-Physik an den Unis festsetzen können wette ich, daß sich die GESAMTE Physikergemeinde sehr für diese Erscheinungen interessieren würde! Sowohl für das behauptete Verhalten der Steine als auch für dieses Festsetzen der Neuen-Steine-Physik…

        Die SWler haben kein Interesse an solch wichtigen Erscheinungen wie Feminismus und Genda, zumal diese Dinge eine Tür weiter im eigenenm Uni-Haus zu finden sind?

        Die SWler haben kein Interesse an offensichlich prägenden und einflußreichen gesellschaftlichen Entwicklungen, bermerken diese kaum?

        Wie kommt das?

        Übrigens habe ich keine Wut auf Frauenquoten, betrifft mich ja nicht. Da solltest Du Dir eher Gedanken machen. Die werden Dir dann schon noch zeigen wie unwichtig der Genda-Feminismus für SWler ist. Dann kannste Deine Forschungen mit Hartz 4 Geld betreiben. 😦

        Warum Leute, auch SWler, lieber Kritik abwehren wollen anstatt sich mit zB in dieser Zeit mit Genda und Feminismus zu beschäftigen, wenigstens mal kritisch zu beäugen, kann ich nicht so richtig nachvollziehen. Scheint eine menschliche Eigenschaft zu sein. Könnten SWler ja auch mal erforschen …

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