Die Illusion des Flirts ohne Regeln

Ein großes Thema bei Allesevolution ist Pickup, eine tatsächlich oder vermeintlich funktionierende Technik des Flirts. Diese beruht auf der Annahme, dass weibliche Vorlieben und Verhaltensmuster letztlich halbwegs ausrechenbar sind. Genau das ist offenbar eine große Provokation für Frauen, insbesondere Feministinnen. Der Gedanke, sie könnten als Frauen in irgendeiner Weise stereotyp handeln und gar sein, ruft bei ihnen heftigen Widerstand hervor.

Rollen als Gefängnis

Tatsächlich wendet sich der Feminismus üblicherweise gegen Geschlechterrollen. Solche Rollen sind Stereotype, Verhaltensweisen und Denkmuster, die einer ganzen Großgruppe zu eigen sein sollen und die damit das Geschlecht zu einer starken Determinante der Persönlichkeit machen. Man ist Mann oder Frau und zeigt deshalb typische Denk- und Verhaltensweisen. Im Feminismus anerkennt man solche Rollen nur insofern, als man sie als “Konstrukt” und als Ausdruck eines falschen Lebens und falscher gesellschaftlicher Verhältnisse begreift. Rollen sind der Fehler, daher gilt es, sie aufzubrechen. Man muss sich von ihnen befreien, womit sich auch die Frage stellt: Wer oder was wird eigentlich befreit, wenn man die Rollen endlich ablegen kann?

Treibend ist hier die Sehnsucht nach dem “wahren Leben” und nach der unverfälschten Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit ist in dieser – sehr modernen – Sichtweise genau das, was Rolle eben nicht ist. Rollen sind das allgemeine, das, was man mit anderen gemeinsam hat. Persönlichkeit ist dagegen offenbar als das Besondere gedacht, als das, was sich durch Rollen und Allgemeinbegriffe gar nicht wirklich beschreiben lässt. Mit dieser Sichtweise ist der Feminismus ganz sicher nicht alleine, sie gehört zur modernen Kultur an sich. Das “wahre Leben” findet demnach nicht im Beruf statt, sondern jenseits dessen, in der Freizeit, wo man sein kann, wie man will. Das heißt auch, dass man dort alle Rollenzwänge ablegen kann. Aber natürlich weiß man, dass auch die Freizeit durchzogen ist von Rollen: Geschlechterrollen, die Rollen des Nachbarn, Freundes, Kegelpartners usw. Zwar müssen wir in der Freizeit nicht mehr den Rationalitäten des Erwerbslebens gehorchen. Dafür unterwerfen wir uns aber genauso harten Zwängen der sozialen Rollen: Gerade das Nahfeld, der eigene Partner, die Kinder, die Freunde erwarten von uns ein stereotypes Verhalten und Dasein. Insofern verwirklicht sich offenbar auch hier nicht das erstrebte “wahre Leben”. Vielmehr ist das Privatleben ein noch schlimmeres Gefängnis für die “eigentliche” Persönlichkeit, weil hier die an uns Erwartungen richten, von denen wir im höchsten Maße emotional abhängig sind. Über den Chef können wir lästern, wir wollen von ihm gar nicht geliebt werden, im Zweifel kündigt man eben. Aber vom Partner wollen wir geliebt werden, umso belastender ist dessen Erwartung an mich, ich möge “ein richtiger Mann” oder “eine richtige Frau” sein.

Für diese Sichtweise ist es nur folgerichtig, gerade das Privatleben zu politisieren, weil die sozialen Rollen die “eigentliche Persönlichkeit” nicht zur Entfaltung kommen lässt. Ganz massiv findet man diesen Protest gegen die Rolle in dem Ärger über die Körperorientierung der Erotik. Ich habe es hier schon beschrieben: Feministinnen empfinden den männlichen Blick offenbar deswegen als Beleidigung, weil sie glauben, der Körper sei nur ein zufälliges Attribut. Ihre eigentliche, wirklich wichtige Persönlichkeit sei durch diesen Körper nicht definiert. Wenn der Mann den Körper einer Frau bewundert, so der Vorwurf, dann interessiere er sich gar nicht für sie als Mensch. Dieser Vorwurf hat eine lange Tradition. Aber er läuft letztlich auf die Behauptung hinaus, dass der wahre Mensch eben der körperlose Mensch sei. Körper und Persönlichkeit bilden demnach keine Einheit, sie sind vielmehr äußerst entgegengesetzte Sphären.

Metaphysik der Persönlichkeit

Es ist also auch nicht verwunderlich, wenn Frauen so häufig über die Fantasielosigkeit männlicher Flirtversuche klagen. Sie empfinden die Kontaktaufnahmen von Männern oft als stereotyp und unoriginell (so lese ich es oft). Als individuelle Persönlichkeiten, also als Besondere, verdienten sie (dieser Sichtweise entsprechend) eigentlich auch eine besondere Art der Kontaktanbahnung. Sie wollen nicht behandelt werden wie jede Frau, sondern sie wollen als einzigartige und einzige angesehen werden.

Diese Klage läuft freilich auf eine Metaphysik der Persönlichkeit hinaus. Niemand weiß dann so genau, was diese vollkommen entkörperlichte und jeder Rolle entkleidete Persönlichkeit sein soll. Meiner Meinung nach mündet dies im Nichts. Wir sind körperliche Wesen, die in einer in Raum und Zeit sich gegenständlich ausprägenden Welt leben. Wir können dieser Gegenständlichkeit nicht entfliehen, das merken wir spätestens beim Zahnarzt. Wir müssen in der Welt der Gegenstände leben, indem wir mit diesen Gegenständen umgehen. “Gegenstände” ist hier weit gefasst und bezieht sich auf alles irgendwie handhabbare: der Körper hat eine physikalische Existenz, aber es gibt eben auch andere allgemeine Dinge, wie die Sprache (regional), die Herkunft, die für die Herkunft typischen Mentalitäten und Verhaltensweisen. All diese Dinge sind Beleidigungen für die erstrebte sehr besondere und einzigartige Persönlichkeit, denn sie betonen ja das, was man mit allen gemeinsam hat. Deshalb will die Kultur der unbedingten Individualität auch mit allem konventionellen brechen: Schließlich sind diese Dinge alle nur Gefängnis der einzigartigen Persönlichkeit. Nur: kann sich das Besondere wirklich jenseits aller Gemeinsamkeiten ausdrücken?

Das ist unmöglich, wie schon die Sprache zeigt, die nur dann gelingt, wenn wir sie gemeinsam haben. Ich kann mich nur verständigen, weil meine Sprache größtenteils stereotyp und nicht individuell ist. Eine einzigartige Persönlichkeit ohne jede Konvention könnte sich also gar nicht verständlich manifestieren. Sie muss auf Konventionen zurückgreifen, z.B. auf einen gemeinsamen Wortschatz.

Rollen als Hilfsmittel

Das Streben nach Individualität geht hier also fehl und gerät in unlösbare Widersprüche. Das ist aber nicht nur Philosophie, sondern auch ein ganz praktisches Problem. Denn die Orientierung an Authentizität hat Folgen für unsere Kommunikation, etwa für das Flirten. Flirten ist Kommunikation, also auch Verständigung. Also braucht auch ein Flirt eine gemeinsame Basis, ohne die Mann und Frau gar nicht erst ein gemeinsames Handeln möglich machen können. Doch der Wunsch nach unverfälschter Authentizität blockiert dieses gemeinsame Handeln, weil er in seiner überkritischen Haltung jedes Flirtstereotyp sofort als Beleidigung der einzigartigen Persönlichkeit wahrnimmt. Die vermeintlich stereotyp angeflirtete Frau weist einen solchen Versuch empört zurück, weil sie sich “objektifiziert” fühlt, zu sehr nur als “Frau” und nicht als die “reiche Persönlichkeit” angesprochen, als die sie sich empfindet. Doch wie kann ein Mann, der diese Frau noch nicht kennt, so flirten, dass er auf die Facetten ihrer Persönlichkeit eingehen kann? Das ist eigentlich nicht zu leisten, weil das erst gelingen kann, wenn er sie kennenlernt.

Ohnehin führt die Forderung der Originalität dazu, dass Flirt ein sehr komplizierter Vorgang wird. Was originell ist, muss man eben immer wieder neu erfinden. Über originelles muss man also lange nachdenken. Jeder Flirt wird also zu einem kreativen Akt, der Zeit und Mut braucht und viele Entscheidungen verlangt. Nur ist das nicht sonderlich schlau, weil die Hemmschwellen ins Unendliche wachsen. Wenn Flirt kompliziert wird, wird er selten, weil die Angst vor dem Scheitern wächst.

Für gewöhnlich löst der Mensch dieses Problem durch Routinen. Als gesellschaftliches Wesen schleifen sich bei ihm und seinen Mitmenschen übliche Verhaltensweisen ein, mit denen eine Vielzahl von Situationen ohne große Mühe bewältigt werden kann. Das gilt mindestens für das tägliche Grüßen, aber insgesamt für viele Formen des Umgangs miteinander, etwa in Bus und Bahn, auf Arbeit, auf der Straße, beim Einkauf usw. Solche Routinen entlasten den Menschen davon, die Situation immer neu erfinden zu müssen. Sie schaffen Sicherheit, weil alle wissen, wie man sich in dieser Situation verhält. Alle können eine Begegnung erfolgreich und frustfrei absolvieren. Damit hat der Mensch den Kopf frei für andere, wichtigere Dinge.

Der Wunsch nach Authentizität meint, dass dies fürs Flirten nicht gelten solle. Dann aber verlieren wir die Fähigkeit, einen Flirt unbeschwert zu beginnen. Wir verlieren auch die Worte, mit denen man flirten kann. Denn jedes eher konventionelle Wort oder Gesprächsthema gilt den Authentizitäts-Freunden als kontaminiert mit Gewöhnlichkeit. Aber ohne Konvention gibt es überhaupt kein gemeinsames Gesprächsthema, sondern nur Differenz. Wo es nur Differenz gibt, entsteht keine Unterhaltung. Die Unterhaltung alleine ist aber der Weg, eine gemeinsame Zeit zu haben, bevor man sie durch gemeinsame körperliche Aktivitäten gestalten kann.

Rollen und Stereotype boten einst, so Norbert Elias, entsprechende Hilfsmittel. Mit ihnen konnte man Emotionen ausdrücken und emotionale Situationen gemeinsam bearbeiten. In der modernen Welt gelten solche Rituale und Umgangsweisen eher als Kitsch, schreibt Elias. Nur, so Elias, haben wir damit auch die Sprache verloren, um diese Emotionen miteinander zu teilen.

Feminismus als Authentizitätssucht

Als Fazit möchte ich festhalten, dass der Feminismus lediglich eine Form der Authentizitätssucht ist. Nicht von ungefähr kämpft er gegen alles, was irgendwie allgemein und dinglich ist und damit unindividuell: typische Körper, typische Verhaltensweisen, typische Denkweisen, typische Geschmäcker. Alles, was typisch ist, ist dem Feminismus verdächtig. Diese Denkweise hat aber ein prinzipielles Problem: Wie lässt sich die “eigentliche Persönlichkeit” jenseits dessen überhaupt auf den Begriff bringen? Es gibt dafür keine Worte. Es bleibt daher der Verdacht, dass diese “Persönlichkeit” eher einer Zwiebel gleicht: Man entblättert Schale um Schale, um am Ende festzustellen, dass sie nur aus Schalen besteht. Ohne Schalen vielfältiger Art ist die “Persönlichkeit” aller Wahrscheinlichkeit einfach nur nichts.

 

 

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6 Responses to Die Illusion des Flirts ohne Regeln

  1. “Als Fazit möchte ich festhalten, dass der Feminismus lediglich eine Form der Authentizitätssucht ist. Nicht von ungefähr kämpft er gegen alles, was irgendwie allgemein und dinglich ist und damit unindividuell: typische Körper, typische Verhaltensweisen, typische Denkweisen, typische Geschmäcker.”

    Gleichzeitig gibt es ja das “falsche” individuelle und eine starke Zuordnung zu Gruppen. Es herrscht gerade im Feminismus ein starker Konformitätszwang in anderen Bereichem: Die typische feministische Denkweise ist zB ein muss, ebenso darf man teilweise auch nicht den “normalen Geschmack” haben, also zB Dicke uninteressant finden.

    • suwasu says:

      Eben. Es gelingt einfach nicht, Stereotype zu überwinden. Jede Bewegung, die Regeln brechen will, stellt nahezu automatisch neue auf. Man endet da nur in Widersprüchen. Wahrscheinlich ist es gerade der Radikalismus gegenüber Regeln und Rollen, der dann wiederum sehr starke Regeln und Rollen definiert.

  2. Dieser Artikel ist so stark, dass ein bloßes Liken einfach nicht ausreicht. Ich bin begeistert. Du hast vieles gesagt, was ich auch schonmal so oder ähnlich gedacht, aber nie so recht in Worte fassen konnte. Danke dafür!

  3. Seitenblick says:

    Ich glaube, die Authenizitätssehnsucht ist nur einer von mehreren Antrieben bei der Sache. Denn bei deiner These
    >Aber er läuft letztlich auf die Behauptung hinaus, dass der wahre Mensch eben der körperlose Mensch sei.

    fällt mir auf, dass diese Erklärung des Körpers zur unwesentlichen Äußerlichkeit selektiv geschieht.
    Sie kommt zunächst mal von einer Seite, die bei anderen Gelegenheiten sehr betont, wie wichtig Gefühle inklusive des Körpergefühls doch sind.
    Und die sich bei diesem Thema sogar für ausgesprochen kompetent erklärt. Oft verbunden mit der Behauptung, dass Männer es generell nicht sind.

    Zudem finde ich auffällig, bei welchem Thema dieser Hinweis – oder besser: diese Forderung ans Gegenüber!- kommt. Immerhin geht es um den Flirt, und damit auch um Sexualität. Und gerade hier kommt dann “wehe, du guckst zu sehr auf meinen Körper. Du böser Reduktionist”.

    Ich denke deshalb, es geht zwar auch, aber nicht nur um Authentizitätssehnsucht.
    Denn nicht nur
    >der Körper hat eine physikalische Existenz,
    Er hat noch viel mehr als physikalische Existenz. Unser Muskeltonus reagiert auf unser aktuelles Befinden, ebenso wie unsere Mimik und Körperhaltung damit gekoppelt sind. Anders gesagt: Es ist geradezu skurril, eine unkörperliche, eigentliche Persönlichkeit zu fantasieren. Der Persönlichkeitsausdruck ist zu großem Teil körperlich.

    Deshalb glaube ich nicht, dass es bei diesem Widerspruch nur darum geht, dass “jedes Flirtstereotyp sofort als Beleidigung der einzigartigen Persönlichkeit” wahrgenommen wird.

    Das Flirtgebiet ist insofern ja vermint, weil es immer auch die Möglichkeit der Ablehnung in sich trägt, des Vergleichs, des Taxierens. Die konkrete Körperlichkeit macht nun einmal vergleichbar, und das wissen auch Frauen. Damit besteht hier das Risiko, dass der Glaube an die eigene Großartigkeit angekratzt wird.

    Will man das vermeiden, ist es eine plausible Strategie, einen moralischen Imperativ zu installieren, der genau die konkrete Körperlichkeit mit ihrer Möglichkeit der Vergleichbarkeit als Uneigentlich postuliert. Und den Blick dessen, der ihn bemerkt, als oberflächlichen Blick. Und diese Strategie wird eben nicht bei jedem Thema eingesetzt ;-).

    Insofern halte ich den Feminismus nicht nur für eine Form der Authentizitätssucht, sondern auch für eine Form des Narzissmus. Die eigene Großartigkeit verträgt sich nicht mit trivialen Vergleichen wie “die drüben finde ich irgendwie hübscher”.

  4. Graublau says:

    Das ist ja kein LoMi mehr, das ist schon LoMi^2. Vielen, vielen Dank für diesen Artikel! Du sprichst eine Menge Themen an, die immer schon aufleuchteten, aber hier in sehr gut zusammengefasster, lesbarer Form.

    “Doch wie kann ein Mann, der diese Frau noch nicht kennt, so flirten, dass er auf die Facetten ihrer Persönlichkeit eingehen kann? Das ist eigentlich nicht zu leisten, weil das erst gelingen kann, wenn er sie kennenlernt.”

    Ich meine, es sei Rexi gewesen, die bei Alles Evolution erwähnt hat, sie suche sich ihre Freunde immer aus dem Freundeskreis. Da wäre dann tatsächlich gegeben, dass man eine Person näher kennenlernen kann, bevor man mit ihr flirtet. (Dafür und dagegen gibt es viel zu sagen. Ist in jedem Fall eine weitere Variante.)

    Zum Ablehnen von Routinen: Mir ist mal wieder bewusst geworden, wie viele Teile des heutigen sozialen Lebens darauf abgestellt sind, unverfängliche Gelegenheiten zu schaffen, damit sich mögliche Partner kennenlernen und körperlich näherkommen können (letzteres im wahrsten Sinne des Wortes, nicht als Umschreibung des Geschlechtsaktes).

    Beispiel aus der Realität: Ball mit Gruppentänzen, bei denen zwischendurch paarweise getanzt wird und die Partner durchgewechselt werden. Da ist alles dabei: Die Leute haben sich schick gemacht, die Hemmschwelle, mit einer bestimmten Person zu tanzen, ist 0, da das ja sowieso im Rahmen des Tanzens stattfindet, und man hat bereits zumindest über die Hände Körperkontakt. Auf die Weise kann man leicht sehen, mit wem man gut kann, wer das gemeinsame Tanzen genießt, mit wem man später vielleicht noch einmal sprechen möchte. Gleichzeitig ist das alles stilvoll verpackt in Form eines kulturellen Rituals und man hat Spaß.

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