Am Ende zählt der Wille

Gegenwärtig regt sich der Wunsch, aus der Blogger-Blase herauszufinden, um politisch etwas zu bewegen. Dieser Wunsch wird von vielen Leuten empfunden. Möglicherweise deutet sich ein Wendepunkt in unserer Szene an, beruhend auf dem Eindruck, dass die Dekonstruktion von feministischen Mythen auf Dauer nicht viel bewirken wird.

Ich selber habe eine starke Neigung, mich in Deutungskämpfe und Theoriediskussionen zu verstricken. Hier finden persönliche Eigenschaften und die berufsbedingte Theorielust zu einer vollendeten Einheit, um es mal ironisch auszudrücken. Insofern habe ich mich ausführlich an Dekonstruktion und an Deutungsschlachten um die “wahre Theorie” beteiligt. Vielleicht lässt sich aber künftig ein konstruktiverer Weg finden, auch beim bloggen, indem man sich thematisch umorientiert. Auch in Blogs kann man darüber nachdenken, wie man politisch etwas bewegen kann und vor allem, was man in welche Richtung bewegen möchte.

Demokratie versus Expertokratie

Ein zentraler Punkt für mich ist die Freiheit vom Fremdbestimmung durch Experten.

Mein Votum des Alltagsmenschen gegen das Expertenwissen wird schnell missverstanden als Ignoranz dessen, was mir geschmacklich nicht passt. So ist das aber nicht gemeint. Der Alltagsmensch muss in konkreten Situationen Entscheidungen treffen und braucht dafür Kriterien, die er nicht jedes Mal erst in der Bibliothek erarbeiten kann. Dafür fehlt schlicht die Zeit. Zweitens – um mal einen radikalen Bogen zu schlagen – fußt Demokratie und demokratische Willensbildung nicht auf Expertise. In einer Demokratie hat nicht der Experte recht und bekommt darum den Beschluss, den er für richtig hält. In der Demokratie zählt der Wille, das Interesse und am Ende die Mehrheit. Ob Wille und Interesse wissenschaftlichen Theorien genügen oder nicht, ist in einer Demokratie irrelevant. Es gibt keine Instanz zur wissenschaftlichen Beurteilung des Mehrheitswillens. Gäbe es sie, lebten wir in einer Diktatur. Das ist der Preis der Freiheit, dass wir uns eben auch irren können. Freilich wissen wir auch, dass die Experten sich gerne irren. Wenigstens sind sie sich uneins, viele Experten zu konsultieren, heißt, viele einander widersprechende Meinungen aushalten zu müssen. Das lernt man spätestens dann, wenn man mehrere Ärzte zu ein und dem selben Problem befragt.

Wenn Expertenmeinungen aber keine verlässliche Urteilsgrundlage bilden, muss man eben selber urteilen. Darüber hinaus hat man die Freiheit und das Recht, selber zu urteilen, insbesondere in der Frage, wie wir leben wollen.

Interessenvertretung statt Theoriedebatten

Beide Themen finden sich übrigens verknüpft in der Debatte um Anne Wizoreks Buch. Diese Debatte eignet sich sowohl zum Nachdenken über Expertenmeinungen und ihre Legitimität wie auch für eine konkrete Positionierung, wie wir leben wollen.

Die letzte Frage möchte ich beantworten: Ich will in geschlechterpolitischen Fragen als gleichberechtigter Partner behandelt und angehört werden. Geschlechterpolitische Fragen sollten mit Männern als gleichberechtigte Interessengruppe ausgehandelt werden. Beides sollte ohne jede Vorbedingung erfolgen. Für diese Forderungen ist es vollkommen egal, ob es irgendwelche Fakten gibt, die jemand dagegen ins Feld führt: Ich will es so.

Wizorek wiederum demonstriert, warum ich das will, weil sie das Gegenteil will.

Stefanolix zitiert aus einer Rezension der taz, gleichsam als kurze Zusammenfassung der Thesen Wizoreks:

„Was es heißt, ein guter Verbündeter zu sein“, nennt sie ein Kapitel und dekretiert: „Hör zu. Und zwar richtig.“ – „Setz Dich mit Deiner eigenen Schuld auseinander.“ – „Ändere Dein Verhalten.“

Die Basis dieser Forderungen ist vermeintliches wissenschaftliches Wissen. Über die Qualität oder die Defizite der Gender Studies ist hinlänglich geschrieben worden. Das interessiert hier aber wenig. Interessant ist eher die Entwicklung der Legitimation und die Entstehung dieser “Befehle” Wizoreks an Männer. Grundlage dieser Gebote sind Theorien über die Herrschaft des Patriarchats. Das heißt, die Feministin macht ihren ersten Weg in die Universität und konsultiert Professorinnen. Die Professorinnen äußern ihr Expertenurteil. Dies ist die Grundlage für unterschiedliche Gesprächsrollen: Frau redet, Mann hat zuzuhören. Akzeptiere ich die Autorität von Professorinnen, müsste ich diese Gebote schlicht hinnehmen und mich demütig ihnen beugen. Wäre ich ein wissenschaftlicher Laie, könnte ich die Qualität des Expertenurteils noch nicht einmal überprüfen. Ich könnte nicht beurteilen, ob die Expertin irrt oder ob sie Wahrheit spricht. Ich dürfte also schon auf der Metaebene nicht mitreden, auf der es um die Gestaltung der Kommunikation zwischen Männern und Frauen geht. Legitimiert ist das durch eine mir entzogene Instanz des Expertentums. Aber dafür müsste ich dem Expertentum vertrauen. Nur das kann ich nicht. Wenn ich nicht prüfen kann, dass die Experten richtig arbeiten oder Wahrheit tatsächlich überzeugen können, dann kann ich auch kein Vertrauen aufbauen. Ich kann die Experten nicht effektiv kontrollieren. Für mich ist das Vertrauen in Experten eine riskante Wette, denn ich kann mein Urteil auf kein Wissen über die Qualität von Expertenurteilen stützen.

Es ist deshalb klüger, die Vertretung meiner Interessen eben nicht Experten zu überlassen. Das heißt letztlich, dass ich schlicht fordere, als Gesprächspartner ernstgenommen zu werden. Dies verlange ich nicht auf der Ebene irgendwelcher Theorien über das Geschlechterverhältnis. Der politisch entscheidende Punkt ist mein Interesse, das ich berücksichtigt sehen will. Mit dieser Forderung schiebe ich die Exkurse über das Patriarchat beiseite und frage mein Gegenüber: Was konkret möchtest Du, das ich tue bzw. was wir tun sollen? Und ich ergänze: Ich möchte, dass Du x tust! Die jeweiligen theoretischen Begründungen spielen in dieser Aushandlung keine Rolle, sie führen nur zu Nebenkriegsschauplätzen. Die zentrale Frage ist also nicht, wer recht hat. Die wird sich nie klären lassen. Wichtiger ist, dass jenseits aller noch so ausgearbeiteten Begründungen die Interessen jeder Seite respektiert werden.

Die Auseinandersetzung mit dem Feminismus muss daher anders orientiert werden. Sie muss beginnen mit der Forderung, dass Geschlechterpolitik jenseits der je gruppenspezifischen Theorien gleichberechtigt ausgehandelt werden muss.

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29 Responses to Am Ende zählt der Wille

  1. “Es ist deshalb klüger, die Vertretung meiner Interessen eben nicht Experten zu überlassen. Das heißt letztlich, dass ich schlicht fordere, als Gesprächspartner ernstgenommen zu werden.”

    Dein Problem mit Experten kann ich nicht nachvollziehen.

    Die Artikulation deiner Interessen ist dir natürlich ungenommen, allerdings folgt daraus ja nicht die Form der Umsetzung. Und hier muss man eben verschiedenste Punkte beachten.
    Beispielsweise kann eine Gesetzesänderung letztendlich am besten von Juristen formuliert werden (weil sie die Regeln des “Systems” Recht kennen und darin formulieren können um mal einen Versuch zu machen es systemtheoretisch zu begründen). Andere Auswirkungen werden andere Experten besser im Griff haben, etwa die soziologischen Gesichtspunkte die Sozialwissenschaften und die Frage, ob so eine Regelung überhaupt angenommen wird und das bewirkt, was es soll vielleicht eine Mischung aus verschiedenen WIssenschaften.

    “Die Auseinandersetzung mit dem Feminismus muss daher anders orientiert werden. Sie muss beginnen mit der Forderung, dass Geschlechterpolitik jenseits der je gruppenspezifischen Theorien gleichberechtigt ausgehandelt werden muss.”

    Eine Aufgabe von Theorie als Ansatz ist eher ein utopischer Ansatz. Denn die Leute meinen da ja bestimmte Systeme erkannt zu haben, die folgen dafür haben, was eigentlich als Unterdrückung angesehen wird.

    • suwasu says:

      “Beispielsweise kann eine Gesetzesänderung letztendlich am besten von Juristen formuliert werden”

      Selbstverständlich. Aber sie sollten es im Auftrag tun. Mein Problem ist der umgekehrte Weg, wenn Experten den Auftrag bestimmen und die Bürger ihn gewissermaßen ausführen sollen. Genau das ist z.B. bei Gender Mainstreaming der Fall. Das ist eine Kopfgeburt von Experten und keine demokratisch gewählte Politik.

      “Eine Aufgabe von Theorie als Ansatz ist eher ein utopischer Ansatz. Denn die Leute meinen da ja bestimmte Systeme erkannt zu haben, die folgen dafür haben, was eigentlich als Unterdrückung angesehen wird.”

      Das mag sein. Aber die Theorie meiner politischen Gegner ist für mich und meine Willensbildung nicht relevant. Das sehen wir doch in unseren Kreisen, wo wir den Genderismus ablehnen. In der politischen Arena wird man ja trotzdem miteinander verhandeln müssen, auch wenn man die Theorie des jeweiligen Gegners nicht anerkennt. In der praktischen Politik funktioniert es auch so, die Unvereinbarkeiten politischer Theorien werden in der Verhandlung zurückgestellt. Nur so kann es z.B. Koalitionen geben.

      Das zentrale Problem sind Politikbestrebungen, die man von einer höheren Wahrheit herleiten zu können meint. Das tut der Feminismus und derzeit häufen sich die Beispiele, dass der Feminismus deshalb zu Verhandlungen nicht bereit ist. Vielmehr werden alle Kritiker des Feminismus schnell als Machos, Maskus, Nazis angeschwärzt, mit denen man von vornherein nicht reden müsse. Genau einem solchen Alleinvertretungsanspruch in Sachen Wahrheit muss man entgegentreten, aber eben nicht auf dem Felde der Wahrheit, sondern im Bereich politischer Willensbildung als Aushandlung zwischen Interessengruppen.

      • “Selbstverständlich. Aber sie sollten es im Auftrag tun.”

        Jein. Wenn der Auftrag aus der Sicht von Experten so formuliert ist, dass er nicht sinnvoll umgesetzt werden kann, oder nicht beachtete Konsequenzen in der Umsetzung hat, dann werden sie wohl darauf hinweisen müssen.
        Sprich: Es ist schwer einen vernünftigen und präzisen Auftrag in komplexen Bereichen zu formulieren, wenn man selbst kein Experte ist.

      • suwasu says:

        In diesem Fall dürfen die Experten gerne ihren Rat geben, der für gewöhnlich auch akzeptiert wird. Es geht hier nicht darum, es besser zu wissen als ein Jurist. Es geht hier um das Primat der Politik. Das schließt nicht aus, sich kompetent zu machen oder auf Expertenrat zu hören.

      • Häufig läuft das so:

        Laien machen Pläne
        Experten sagen ihnen was daran falsch ist, das es so nicht geht, zu welchen Problemen das führt, die man schon kennt
        Laien machen neue Pläne
        Gleiches Spiel wie vorher
        Irgendwann machen die Experten die Pläne

        Insofern muss man zwangsläufig experten frühzeitig einbeziehen.

      • suwasu says:

        Ja, dagegen habe ich nix. Der springende Punkt, ich sage es noch einmal, ist der Anspruch, Wahrheit zu vertreten und deshalb das Recht zu haben, allein zu bestimmen, was die richtige Politik ist.

        Aber Experten irren, bauen Raumfähren, die explodieren, lassen AKWs havarieren und ruinieren ganze Volkswirtschaften. Ich komme nicht ohne sie aus, aber ich muss – wie Elmar richtig sagt – am Ende selber urteilen, eigenständig denken.

      • Ronald.Z says:

        Wer oder was bestimnmt was oder wer ein Experte ist? Die dazugehörige Lobbygruppe wie im Fall Gender Dingens?
        Oder wie althergebracht:
        “Quis custodiet ipsos custodes?”

      • “Aber Experten irren, bauen Raumfähren, die explodieren, lassen AKWs havarieren und ruinieren ganze Volkswirtschaften. Ich komme nicht ohne sie aus, aber ich muss – wie Elmar richtig sagt – am Ende selber urteilen, eigenständig denken.”

        Dein Beispiel unterstreicht eigentlich das Problem: Experten irren zwar, aber wenn der Laie beschließt, dass er deswegen lieber selbst die Raumfähre oder das AKW baut oder die Volkswirtschaft steuert, dann bedeutet das nicht, dass dabei etwas besseres rauskommt.
        Im Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit, dass er noch nicht einmal eine Raumfähre hinbekommt, die explodieren könnte oder das eine bestehende Raumfähre bei einem vom Laien überwachten Start explodiert bzw. ein von Laien betriebenes AKW havariert oder die Volkswirtschaft ruiniert wird, dürfte steigen.

        Aus dem Umstand, dass Experten irren folgt nicht, das Laien es besser machen. Allgemein kann man eher annehmen, dass Experten weniger irren.

      • suwasu says:

        Christian,

        das ist der falsche Gegensatz. Es folgt daraus nicht, dass Laien anstelle der Experten diese Dinge tun. Daraus folgt nur, was Elmar schon sagte, nämlich, dass man trotz Konsultation ein eigenes Urteil fällen muss. Dass Experten irren, heißt vorerst nur, dass man kein grenzenloses Vertrauen in sie setzt, sondern immer in Rechnung stellt, dass sie irren können.

        Politisch folgt daraus, dass Experten eben nicht uneingeschränkt die “Wahrheit” verwalten, sondern eher als Ratgeber anzusehen sind. Abgesehen davon funktioniert die Politik als Betrieb doch häufig expertiseblind, weil es nicht in die Systemlogik der Politik passt. Die Politik bindet sich letztlich ungern an Fachlichkeit.

  2. petpanther says:

    Guter Beitrag. Danke LoMi.

    Zu den Punkten:

    “Demokratie versus Expertokratie”

    Das ist m.E. durchaus zentral. Kann man so stellen und nehme ich auch so wahr, da es an der individuellen Achtung und Freiheit des Einzelnen ansetzt. Die, harmlos ausgedrückt, paternalistische Tendenz hier möglicherweise auch irrende aber auch korrekte Expertenmeinungen das Privatleben und die Gesinnung bzw. das Denken des Einzelnen zu bestimmen und ggf. willkürlich verändern zu wollen.

    Hier gäbe es noch sehr viel mehr zu sagen. Dahinter verbirgt sich ggf. auch noch ein größeres gesellschaftliches Thema. Destruktiver Einfluss des poststrukturalistischen solipsistischen Denkens und Kultur etc. (zum Beispiel auch die missbräuchlichen Erscheinungsformen über SJWs) bis hin zur Ebnung in einen totalitären Staat. Der Feminismus und dessen Verschränkung mit Machtinteressen anderer ist hier wohl mit eingebettet, wird davon mit getragen.

    Das alles sollte auch sehr viel stärker beleuchtet werden.

    Hier ist denn auch der ausgedrückte Gegensatz des Stichpunktes m.E. ok.

    “Interessenvertretung statt Theoriedebatten”

    Guter und auch wesentlich wichtiger Punkt. Aber hier ist der ausgedrückte Gegensatz m.E. gerade nicht ok.

    Einen deutlicheren Fokus bzw. mehr Energie auf eine institutionalisierte, ggf. sogar staatlich geförderte, Interessenvertretung zu verwenden ist notwendig. Hierfür braucht es aber Argumente und Sinn (der uns ja allen klar ist, aber eben auch öffentlich dargestellt werden muss). Auch das Ansprechen von institutionellem Missbrauch etc. (Sorgerecht, Umgang mit häuslicher Gewalt, Rape, … etc.).

    Deshalb ist auch die weitere Auseinandersetzung, auch theoretisch bzw. analytisch, historisch, soziologisch etc. , mit dem Thema Geschlechterverhältnis und der Rolle des Feminismus darin weiterhin notwendig. Mein Eindruck ist, dass in letzter Zeit sehr viel Boden gemacht wurde, aber dies noch nicht hinreichend ist. Hinreichend zum Beginn von verstärkten Anstrengungen hin auf ein Interessenvertretung aber allemal, zumindest meiner Einschätzung nach. Nur müssen sich auch welche finden die hier Öffentlichkeit tragen und das mit der notwendigen Zealotry machen und auch können.

    Ein ganz großes Thema, dass mit der m.E. notwendigen Auseinandersetzung mit der zerstörerischen feministischen Ideologie viel zu kurz kommt, ist das männliche Selbstverständnis ohne bestimmende Elemente durch Frauen. Zum Beispiel, der Mann als Mensch mit Berechtigung auf geachtetes selbstwertes Dasein aus sich heraus (Stichwort Disponibilität, Farrell betont dies z.B. recht stark). Sehr wichtig auch für Jungen und Zukunft, aber auch die Mann-Frau Beziehung auf allen Ebenen. Dies zunächst wirklich ohne Frauen.

    Hier hat die z.B. die MGTOW Bewegung mit ihrem Fokus auf den sog. “gynozentrischen Abgrund”, die Desillusionierung und die reale Sicht auf die Wahrnehmung von einem Mann oder Jungen als Mensch, von Frauen aber auch von (insbesondere von noch illusionierten) Männern, Breschen geschlagen (red vs. blue).

    Das nehme ich als sehr wesentlich und tief wahr. Hier ist m.E. die eigentliche psycho- und sozio-kulturell notwendige Veränderung angesiedelt. Farrell liegt hier wohl richtig. Aber auch die MGTOW Philosophen. Wir müssten erst einmal selbst wissen wer wir sind etc., denn die kulturell verankerte Disponibilität des Mannes beruht ja darauf, dass hier eben genau nicht nachgedacht sondern verdrängt wird, von Männern wie auch von Frauen.

    Das Ganze ist dabei keineswegs frauenfeindlich. Im Gegenteil, es ist eine Bewusstmachung, eine Besinnung auf positive lebensspendende männliche Energie und Kraft, u.a. auch in der Rolle und Notwendigkeit des Vaters für den inneren Lokus als Mann und selbst als Vater oder als Junge und Kind. Aber auch andere damit zusammenhängende Themen über innere Antriebe wie z.B. Mutter(anerkennungs)sehnsucht und viele, sehr viele weitere, in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht diskutiert oder recherchiert. Auch hier ist eigentlich bzw. womöglich ein enormer Bedarf, zumindest in meiner bescheidenen Wahrnehmung.

  3. LoMi,

    ich bin nicht sicher, ob ich verstanden habe, worauf dieser post hinaus will.

    “Möglicherweise deutet sich ein Wendepunkt in unserer Szene an, beruhend auf dem Eindruck, dass die Dekonstruktion von feministischen Mythen auf Dauer nicht viel bewirken wird.”

    Das ließt sich so, als würde sich das ausschließen. Doch de facto scheinen mir eine gesicherte Kenntnis verfügarer Fakten und eine vorherige, gründliche Analyse der im Schwange befindlichen Theorien die unabdingbare Voraussetzung für praktisches Handeln zu sein und das sage ich allein aus praktischer Erfahrung: Denk mal an das monatliche Männertreffen in Berlin. Die Gespräche dort sind so durcheinander und die Themen wechseln so schnell, weil jeder andere Meinungen und Argumente vorbringt, daß man im Grunde weder einen systematischen Punkt machen kann, noch dazu kommt, praktische Aktionen zu beschließen oder zu planen, weil jeder aus seiner theoretischen Perspektive etwas anderes für effizient bzw. wirkungslos hält.

    Die Feministinnen hatten es da einfacher, ihr kleinster gemeinsamer Nenner war immer “Für uns Frauen und gegen die Männer.” – eine Sache, deren Analogon den Maskulisten fehlt – schon weil Weiblichkeit mit einer Fülle von Inhalten verknüpft ist, die es ihr erlauben, im Alltag handlungsleitend zu sein, während Männlchkeit vor allem heißt, die Lücken auszufüllen.

    Aus diesem Grund müssen wir schon anders als Feministen vorgehen, denn wenn du eine große Menge von Einzelkämpfern (zu denen uns Gesellschaft und Frauen ja allzu gerne erziehen) vereinen willst, dann brauchst du wirklich starke Argumente und du muß im Grunde jeden Einzelnen aufklären. Letzteres bedeutet nicht, daß du mit jedem Einzelnen reden mußt, doch du muß ausreichend viele Standpunkt durchdiskutieren, damit das bei ausreichend vielen Männern auch Wirkung zeigt und Geschlossenheit erzeugt: Denn natürlich gibt es viel weniger kohärente Standpunkte zur Geschlechterproblematik als Männer.

    >Ein zentraler Punkt für mich ist die Freiheit vom Fremdbestimmung durch Experten.

    Hier ist mir auch unklar, worum es eigentlich geht. Denn natürlich kann man nicht auf allen Gebieten Experte sein, doch das bedeutet nicht, daß man sich von Experten im Falle eigener Unwissendheit vorschreiben lassen muß, was man zu glauben oder wünschen hat. Weicht man davon ab, dann muß das nicht mal irrational sein.

    Beispiel: Als ich zum ersten Mal von philosophischer Handlungtheore hörte, gab es zur kausalen Handlungstheorie praktisch keine Alternative. Also habe ich mir das durchgelesen und wußte sofort, daß ich diesen Unsinn nicht glauben würde, weil es keine Ursache ohne ein kausale Potential gibt, Handlungen aber nur aus der ex-post-Perspektive, also nach der Handlung erklärt werden a la “Wenn ich so handeln würde, dann würde es das-und-das bedeuten und das würde ich mir selbst so-und-so erklären.”. Das ist es, was wir Menschen tun, und egal, wie der anomale Monismus von Donald Davidson das Verhältnis von Geist und Körper auch sehen mag (was ihm wiederum eine Perspektive auf das menschliche Handeln vorgibt) diese nachträgliche Entstehung von Wissen über unsere Alltagsentscheidungen, kann er niemals aufklären. Ganz davon abgesehen funktioniert das, was Physiker als Ursachen ansehen, völlig anders: Wenn etwas eine Ursache ist, dann hat es auch ein Potential zu etwas. Doch eine Handlung gleicht viel mehr dem Entschluß eines Soziotops, jemanden, der sich vordrängelt, für lokal auftretende, soziale Veränderungen verantwortlich zu machen. Das dir bekannte Yad-Vaschem-Beispiel zeigt das deutlich: Die lokale Veränderung in der sozialen Sphäre kommt – logisch gesehen – ZUERST und sie entscheidet letztlich darüber, was getan wurde und auch darüber, was an Ort und Stelle überhaupt getan werden konnte.

    Das Wissen über diesen, einem intentional auftretenden Akteur vom Kollektiv angebotenen, lokalen Wirkungsraum seiner möglichen Initiativen ist jedoch nicht gleichmäßig verteilt, so daß wir manchmal sehr skurille Konstruktionen von unbeabsichtigten Handlungen z.B. in Romanen vorfinden. Andere Folgen dieser Tatsache kennen wir aus dem Alltag sehr gut: Manche Leute entfalten sich z.B. in Krisen- oder Kriegszeiten unerwartet zu einem erstaunlichen Charakter, während sie in normalen Zeiten grau und wirkungslos vor sich hindämmern.

    Rational war mein Ablehnung der kausalen Handlungstheorie daher allemal, aber die Gründe sprachen sich gegen mich. Heute ist die kausale Handlungstheorie weitgehend tot, aber damals konnte man das nicht wissen. Fremdbestimmung tritt damit nicht ein durch begründete Kompetenz von Experten, sondern durch den Verzicht, Innezuhalten und sich seine eigenen Gedanken zu machen. Auch Experten zu folgen, bedeutet noch keine Fremdbestimmung. Selbst, wenn ich deren Argumente nicht nachvollziehe oder nicht nachvollziehen kann, so bedeutet meine Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit ihrer Auffassung nicht, daß nicht gute Gründe allein ausreichend würden, um mich von dieser Entscheidung zur Gleichgültigkeit wieder abzubringen. Und allein darauf kommt es nach dem von mir favorisierten structural account to personal autonomy an.

    Bitte entschuldige, daß ich eine wenig philosophische Muskeln gezeigt habe, ich hoffe, du verstehst den Text trotzdem.

    >Dafür fehlt schlicht die Zeit.
    Genau deshalb gibt es Experten, die diese Kriterien erzeugen. Das beeinflußt den Inhalt deiner Entscheidung, aber eliminiert nicht deine personale Autonomie, deine Selbstbestimmung. Wer das Gegenteil behauptet, folgt einer prozeduralen Auffassung personaler Autonomie, die auf eine Unbeeinflußtheit der Entsteidungsentstehung abstellt. Doch im Grunde versucht sie damit zu Unrecht, Autonomie als verkappte Autarkie darzustellen – was sie aber nicht ist. Feministen sehen das übrigen meistens auch so.

    “Zweitens – um mal einen radikalen Bogen zu schlagen – fußt Demokratie und demokratische Willensbildung nicht auf Expertise.”

    Vermutlich willst du hier die politische Notwendigkeit einer nicht auf Experten wartenden Selbstbestimmung stark machen. Vielleicht ist Demokratie als Lösung des Herrschaftsproblems nicht die beste Arena dafür, denn Demokratie ist als Staatsform im Grunde nicht mehr als eine Regel der künstlichen Konfliktbeendigung und genau aus diesem Grund ist sie inhuman, es sei denn, sie betreibt systematisch Minderheitenschutz. Ein politischer Humanismus wird daher nicht unbedingt demokratisch sein, denn offenbar ist Demokratie was für Rentner, die sich im wesentlichen einig sind, weil sie so homogen leben, daß alle ihre Uneinigkeiten in Sachen kollektiver Selbstbestimmung klein bleiben: Demokratie ist inhaltsblind und das wird ihr früher oder später das Genick brechen – weil die Ressourcen enden oder wir zu dicht aufeinander leben, als das wir uns noch aus dem Weg gehen könnten.

    Also: Du kannst schlecht eine Unabhängigkeit jedermanns Entscheidungen von Experten propagieren aufgrund einer politischen Strategie, die genau deshalb versagen wird, weil sie inhaltsblind ist.

    Aber das sage ich natürlich in aller politischen Naivität, denn ich bin nur Analytiker.

    >Es gibt keine Instanz zur wissenschaftlichen Beurteilung des Mehrheitswillens.
    Was ist eigentlich aus der guten alten volonte general geworden? 😉

    >Freilich wissen wir auch, dass die Experten sich gerne irren.
    Klar, tun sie das: Das ist ihre Methode, zu lernen. Das heißt … wenn man Evolutionsbiologie ist, ist das natürlich etwas anderes, da hat man direkten Zugang zu denjenigen ewigen Wahrheiten, die die Philosophen seit 2500 Jahren nicht finden können. 😀

    Der Punkt ist: Philosophen haben vor über 100 Jahren verstanden, daß sie darin nicht nur versagt haben, sondern daß diese Aufgabe, ewige Wahrheiten zu finden, auch völlig uninteressant ist. Wer das verfolgen will, kann sich mal “Philosophy and the Mirror of Nature” von Richard Rorty eindrehen – macht Spaß! 🙂

    Amazongate halte ich übrigens nicht für eine gute Anwendung der Problematik um Selbstbestimmung, personale Autonomie und Freiheit. Vermutlich spielen da viel eher Seilschaften politischer und ökonomischer Natur mithinein: So wie G.W. Bush im Irakkrieg normale Verbrechen mit den Mitteln des Staates angestiftet hat, hat Wizorek via Medien einen Wirkungsraum für ihre privaten, psychischen Probleme. Aber daraus folgt genauso wenig die Wahrheit von Aussagen über eine psychische Natur der menschlichen Spezies, wie von Aussagen über eine angebliche existierende immaterielle Gewalt namens Patriarchat, menschliche Entscheidungen in ihrem Sinne abzuändern.

    • suwasu says:

      Elmar

      Schon mal dazu:

      “Das ließt sich so, als würde sich das ausschließen.”

      Tut es nicht. Natürlich braucht man eine Programmatik und auch eine Art von Theorie. Aber ich würde doch sagen, dass es letztlich einen Primat des politischen Willens gibt und dass die politische Theorie letztlich keine ernsthaft wissenschaftliche ist, sondern eine normative.

      Für die Orientierung und auch für die praktische Umsetzung von Politik braucht man auch Faktenwissen, keine Frage. Aber die Inhaber des Faktenwissens haben kein höheres Recht der Willensbildung. Es geht mir nicht um die Ablehnung von Theorie und Expertenwissen, es geht mir um die Abwehr von Allwissenheitsansprüchen und von Politikkonzepten, die sich auf höhere Wahrheiten (die nicht existieren) berufen. Das tut der Feminismus und dem kann man schon in fröhlicher Unbekümmertheit entgegenhalten: Wie auch immer Ihr zu Euren Positionen gekommen seid, Ihr habt kein Recht, in unser Leben hineinzuregieren! Ihr müsst mit uns reden!

      Das anschließende Gespräch sollte sich dann eben NICHT um Theoriefragen drehen, sondern um Interessen. In Theoriefragen werden wir nie eine vollkommene Deutungshoheit noch einen Konsens erzielen. Das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist es, sich in Teilen mit seinen Interessen durchzusetzen. Wenn man sich auf Theoriedebatten hier einlässt, ist man den Feministinnen schon auf dem Leim gegangen.

      • LoMi,

        … langsam:

        “Aber die Inhaber des Faktenwissens haben kein höheres Recht der Willensbildung.”

        Ich bin nicht EvoChris, ich hab das nicht behauptet. Was ich sage, zeigt, inwiefern Expertenkompetenz mit Selbstbestimmung vereinbar ist.

        “Das tut der Feminismus”

        In meinen Augen ist das nur eine Masche, ein Potemkinsches Dorf, daß die Kritiker in Schach halten soll: Ich glaube nicht, daß irgendein Resultat der Gender Studieseinen Feministen jemals irgendwelcher Zweifel ernsthaft beraubt hat. Feminismus ist als eine literarische Theorie entstanden und brauchte hinterher eine wissenschaftliche Legitimation. Wäre die aber eingetreten, dann hätten die Gender Studies es geschafft, den Feminismus zu verändern. Und? Haben sie es getan? Nein, sie reproduzieren nur, daß der literarische Feminismus vorgedacht hat.

        “Ihr habt kein Recht, in unser Leben hineinzuregieren! Ihr müsst mit uns reden!”

        Ja? Ok, dann mache ich dir mal den advocatus diaboli: “Selbstverständlich gibt es ein Recht dazu, die Gerechtigkeit. Selbstbestimmung endet, wo sie Ungerechtigkeiten erzeugt.”.

        Was machst du dagegen?

        “Wichtig ist es, sich in Teilen mit seinen Interessen durchzusetzen.”

        Nein, das hieße, den Feminismus zu akzeptieren, mit ihm zu leben. Aber der Feminismus ist keine Theorie, die Männer leben läßt. Solltest du wissen.

        “Wenn man sich auf Theoriedebatten hier einlässt, ist man den Feministinnen schon auf dem Leim gegangen.”

        Ich kann das nicht sehen. Kannst du das näher begründen?

      • suwasu says:

        ““Wenn man sich auf Theoriedebatten hier einlässt, ist man den Feministinnen schon auf dem Leim gegangen.”

        Ich kann das nicht sehen. Kannst du das näher begründen?”

        Ich meine das so: Wenn man mit Feministinnen eine Theoriedebatte führt, landet man auf einem Nebengleis. Man debattiert mit ihnen z.B. über Gerechtigkeit und versucht sie zu überzeugen. Doch was, wenn sie nicht überzeugt sind? Muss man dann anerkennen, was Feministinnen als gerecht ansehen? Ich denke, das muss man nicht.

        Wenn Parteien eine Koalition aushandeln, debattieren sie nicht über Ideologien. Sie debattieren über Sachpolitik, das heißt, sie besprechen einzelne Vorhaben. Dort einigt man sich dann irgendwann.

        Das müssten Männerrechtler irgendwann ähnlich betreiben. Eine Theoriedebatte würde letztlich immer zu sehr darauf hoffen, dass Argumente richten, was nur politische Kräfteverhältnisse richten können.

        “Ja? Ok, dann mache ich dir mal den advocatus diaboli: “Selbstverständlich gibt es ein Recht dazu, die Gerechtigkeit. Selbstbestimmung endet, wo sie Ungerechtigkeiten erzeugt.”.”

        Erster Impuls: Ich würde selber einen Gerechtigkeitsbegriff vortragen.

        Zweiter Impuls: Ich frage sie, was sie konkret gestalten wollen. Dann sage ich, was ich gestalten will. Ich ziehe das Thema auf die praktische Ebene, verweigere Begriffsdiskussionen, sondern verlange Auskunft über konkrete politische Vorhaben. Zu diesen positioniere ich mich dann: kann ich mitgehen, kann ich nur teilweise mitgehen oder ich bin dagegen.

        “Was ich sage, zeigt, inwiefern Expertenkompetenz mit Selbstbestimmung vereinbar ist”

        Ist sie auch, ich agiere hier nicht gegen Kompetenz an sich, was wäre ich da wohl für ein Wissenschaftler. Ich rede hier eher über Legitimationsfragen. Sich durch Innehaben von Wahrheit zu legitimieren, lehne ich eben ab. Das ging auch gar nicht an Deine Adresse.

        Maskulismus muss zur Politik werden. Dazu gehört, dass man das Deutungsmonopol des Feminismus bricht. Das geschieht in parallelen Bewegungen: Einerseits durch konkurrierende Theorien, andererseits schlicht durch Interessenvertretung, die auch deutlich macht, dass der Feminismus letztlich nichts mehr ist. Da gegenwärtig der Feminismus die einzige organisierte geschlechterpolitische Interessenvertretung ist, wirkt es eben auch so, als gäbe es hier keine konfligierenden Interessen und als verträten sie universale Werte. Allein durch politische Aktivität schon dürfte man das entzaubern.

    • petpanther says:

      @Elmar

      “Aber der Feminismus ist keine Theorie, die Männer leben läßt.”

      Das denke ich auch. Und es ist auch zu spüren.

      Das wird noch sehr weit unterschätzt.

    • suwasu says:

      “Fremdbestimmung tritt damit nicht ein durch begründete Kompetenz von Experten, sondern durch den Verzicht, Innezuhalten und sich seine eigenen Gedanken zu machen. Auch Experten zu folgen, bedeutet noch keine Fremdbestimmung.”

      Ja, das mit dem Innehalten und den eigenen Gedanken ist wichtig. Für mich war das immer zentral, da ich zumindest in praktischen Belangen zu einer Entscheidung kommen musste, auch ohne vollständige Expertise zu besitzen.

      Ich möchte auch nciht so verstanden werden, als hätte ich etwas gegen Expertenwissen. Ich meine dagegen, dass es wichtig ist, sich von ihnen distanzieren zu können, indem man sich eigene Gedanken macht. Das heißt ja nur, dass man ihnen nicht blind glaubt, sondern selber Instanz ist, zu entscheiden, ob man ihnen glaubt oder nicht (ob sie einen also überzeugen oder nicht). Insofern kann man zu Frau Wizorek halt sagen: “Deine Position hat nur einen bedingten Anspruch, im Rahmen einer für mich nicht überzeugenden Theorie, daher halte ich auch nicht den Mund!”

      “Amazongate halte ich übrigens nicht für eine gute Anwendung der Problematik um Selbstbestimmung, personale Autonomie und Freiheit”

      Der Anwendungsfall ist eher ihr Buch und die offenbar darin vertretenen Forderungen, wie “Hör mir zu und halt die Klappe” und “Verhalte Dich so, wie ich es Dir sage”.

      • LoMi,

        ” Forderungen, wie “Hör mir zu und halt die Klappe” und “Verhalte Dich so, wie ich es Dir sage”. ”

        Das sind normative Aussagen. Experten machen deskriptive Aussagen. Wenn normative Aussagen Feminismus charakterisieren und Gender Studies Wissenschaft ist, dann gibt es einen gap of legitimation, den die Gender Studies nicht zu schließen vermögen.

        Und Feminismus wollte immer politisch sein: Viele interne Auseinandersetzungen arbeiten mit dem Vorwurf von Feministen an Feministen nicht politisch genug zu sein.

        Vor langer Zeit hatte ich bereits schon einmal gesagt, daß Feminismus eine normative Theorie ist – was aber keine Resonanz fand. Vielleicht kommt diese Einsicht ja noch mal zurück angesichts dieses gap of legitimation.

        In der praktischen Philosophie gibt es Leute, die meinen, ihn schließen zu können, indem sie JEDE Handlung als moralisch relevant und JEDE moralische Frage als endscheidbar deklarieren. Manche Utilitaristen z.B. tun das.

        Was sagst du diesen Leuten?

      • suwasu says:

        Expertengestützt könnte man ihnen entgegnen, dass es Dilemmata gibt, die jeden Versuch der Herleitung einer allgemeingültigen Moral aushebeln. Es gibt Situation, in der einander widersprechende Moralen existieren, wo nur schwer entscheidbar ist, welcher der Moralen man folgen soll.

        Systemtheoretisch könnte man sicher mit der Ausbildung des Rechtssystems antworten, dass Entscheidungen besorgt für Fälle, die sich nicht theoretisch herleiten lassen. Hier durchschlägt der Richterspruch den gordischen Knoten.

        Als Individuum würde ich sagen, dass ich selber Normen setze und dass jede Philosophie, die mir Moral beibringen will, selbst wiederum unbeweisbare normative Setzungen vornehmen muss. Wenn ich die zurückweise, kann ich die Geltungsansprüche dieser Philosophie auch zurückweisen. Das ist ein bisschen platt, aber ich würde schon aus Misstrauen gegenüber dem Philosophen sagen: Ich prüfe die konkrete Tat an meinen eigenen Maßstäben, um zu sehen, ob Deine Philosophie meinem Interesse gerecht wird.

        “Das sind normative Aussagen. Experten machen deskriptive Aussagen. Wenn normative Aussagen Feminismus charakterisieren und Gender Studies Wissenschaft ist, dann gibt es einen gap of legitimation, den die Gender Studies nicht zu schließen vermögen.”

        Korrekt. Sie versuchen es durch einen Relativismus, der behauptet, dass jeder Standpunkt irgendwie gewählt und konstruiert ist und es kein absoluten Standpunkt gibt. Da gehe ich ja sogar mit, aber ich ziehe daraus eben auch die Schlussfolgerung, dass sowohl meine Position als auch deren Position dann nur begrenzte Geltungsansprüche erheben darf. Wenn der Feminismus eben nur politische Haltung ist, kann ich ihn eben auch leicht zurückweisen.

  4. wollepelz says:

    “gleichberechtigt aushandeln” – Die Frage ist: Wer soll etwas aushandeln?

    Ich bin dafür, dass man in solche Verhandlungen keine radikalen Gruppen einbeziehen sollte. Wir sollten die normalen Menschen die Dinge verhandeln lassen, die sie angehen. 😉

  5. djadmoros says:

    Guter Text! Erfordert eine gründliche Antwort, also kann ich in der Mittagspause gar nicht mehr drauf eingehen. 🙂

  6. »Demokratie versus Expertokratie«

    Der These dieses Abschnitts stimme ich zu. Expertenwissen hat oftmals Auswirkungen auf die menschliche Lebenspraxis, die aus dem Expertenwissen als solchem heraus nicht befriedigend beantwortet werden können: zum einen, wenn das Expertenwissen selbst unvollständig ist (z. B. bei Risikoabschätzungen in der Kernenergie -> Fukushima), zum anderen, weil die Kosten von Expertenentscheidungen prinzipiell demokratisch zustimmungsfähig sein müssen. Man sollte aber auch erwähnen, dass die Kehrseite dieses Zusammenhangs darin besteht, dass sich demokratische Legitimationsquellen populistisch ausbeuten lassen. Es handelt sich also um ein Dilemma, dem wohl nur durch eine Weiterentwicklung dessen, was wir unter Demokratie verstehen, beizukommen ist (wie immer die im Einzelnen auch aussieht).

    »Interessenvertretung statt Theoriedebatten«

    Die These, dass auch der Feminismus auf Expertenurteilen beruht, möchte ich so nicht stehen lassen. Zum Teil ist dies sicher der Fall – aber zugleich beruht der Feminimus auf genau dem, was Du für den demokratischen Bürger im Allgemeinen und für Männerrechtler im Besonderen in Anspruch nehmen möchtest: auf *Subjektivität*. In diesem Sinne steht hinter dem Feminismus kein Expertenwissen, sondern ein Fall von erfolgreich durchgesetzter Bürgersouveränität – allerdings eine geschlechtsspezifisch hoch selektive Bürgersouveränität. Aus dieser Perspektive ist nicht Expertenwissen das Problem, sondern eine geschlechtsspezifische Spaltung der Bürgerrechte.

    Feministinnen behaupten nun, dass diese Spaltung der Bürgerrechte *legitim* ist, weil sie angeblich nur die Herstellung ausgleichender Gerechtigkeit zum Ziel hat (»fünftausend Jahre Patriarchat« etc.). Die Legitimität, die Du in Deiner Forderung zur Prämisse erhebst (die der männlichen Perspektive), ist in der feministischen Ideologie also immer schon als Prämisse negiert. Und nun?

    »Wenn man mit Feministinnen eine Theoriedebatte führt, landet man auf einem Nebengleis.«

    Ich glaube, hier liegt der Denkfehler: meiner Ansicht nach geht es nicht darum, *mit* Feministinnen zu reden (es sei denn, man hat sie eines Tages so weit, dass sie nicht mehr nur zu ihren Bedingungen diskutieren), sondern *mit* bzw. *in* der Öffentlichkeit *über* Feministinnen und den Feminismus. Und dann stellt sich die Alternative von »Interessenvertretung statt Theoriedebatten« m. E. als Scheinproblem heraus: es ist am Ende eine Frage des Adressatenkreises, eine Frage der jeweils adressierten *Teilöffentlichkeit*. Den einen muss ich – per Theoriedebatte – zeigen, dass die feministische Theoriekaiserin nackt ist, bevor sie sich trauen, den Hintern zu heben, andere beeindrucke ich dagegen mit einer spektakulären Aktion in der Öffentlichkeit – Kräne entern im Spidermankostüm u. dgl.

    Es ist der alte, gramscische »Kampf und kulturelle Hegemonie«, hier faktisch der Kampf gegen eine »weibliche Hegemonialität«. Was da zählt ist, wie viele Verbündete man auf seine Seite ziehen kann. Und da muss man den Politiker im Landesparlament, den Sachbearbeiter in der Sozialbürokratie und den Soziologieprofessor eben da abholen, wo er jeweils steht. Den einen mit Interessenvertretung, den nächsten mit dramatischen Inszenierungen, letzteren mit Theoriedebatte.

    • suwasu says:

      “Die These, dass auch der Feminismus auf Expertenurteilen beruht, möchte ich so nicht stehen lassen. Zum Teil ist dies sicher der Fall – aber zugleich beruht der Feminimus auf genau dem, was Du für den demokratischen Bürger im Allgemeinen und für Männerrechtler im Besonderen in Anspruch nehmen möchtest: auf *Subjektivität*.”

      Vom Faktischen her hast Du recht. Aber ich schaue hier eher auf die Legitimationsfassade. Der Feminismus legitimiert sich über eine “Theorie”. Diese Theoriebildung ist universitär institutionalisiert. Sie wird verwaltet von Leuten, die als “Experten” angesehen werden, durch akademische Positionen und Titel. Der Feminismus wird verkauft als wissenschaftsbasiert. Ihm wird daher auch ein wissenschaftlicher Wahrheitsanspruch unterlegt. Die Behauptung eines “Patriarchats” ist dann keine subjektive Einschätzung, sondern wird verkauft als breit geteilte wissenschaftliche Einsicht. Diese Legitimierungskonstruktion wiederum erlaubt es ihnen, auch in der politischen Gestaltung maximale Ansprüche zu erheben. Wie wir jetzt sehen, sorgt es auch für eine äußerst rigide Abwehr der Kritik, weil man sich auf der Seite der Wahrheit wähnt. Die Subjektivität des Feminismus wird folglich verschleiert durch einen scheinbaren Bezug zu Expertenwissen.

      “ch glaube, hier liegt der Denkfehler: meiner Ansicht nach geht es nicht darum, *mit* Feministinnen zu reden (es sei denn, man hat sie eines Tages so weit, dass sie nicht mehr nur zu ihren Bedingungen diskutieren), sondern *mit* bzw. *in* der Öffentlichkeit *über* Feministinnen und den Feminismus”

      Zustimmung. Zumindest werden Theoriedebatten für Dritte geführt, für ein Publikum und im Kampf um Verbündete. Mit Feministinnen redet man aber auch, wenn es um konkrete Politik geht, sozusagen in der Verhandlung der Interessengruppen. Wo es solche Verhandlungen geben kann, sind Theoriedebatten dann fehl am Platz. Der praktische Fall wäre, wenn Männerrechtler als Lobby auftreten im Rahmen der Gesetzgebung, z.B. in Anhörungen im Parlament. Hier käme es nicht so sehr darauf an, jemanden zu überzeugen (das klappt im politischen Raum nicht). Man muss hier zeigen, dass man eine wirksame Pressuregroup ist. Das wird man natürlich, indem man Dritte mobilisiert und dies eben auch durch “Theorie”, also durch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Feminismus, um Anhänger zu gewinnen. Aber im politischen Prozess selbst überzeugt man vor allem durch Wählerwirksamkeit, also durch Signale, dass man wesentliche gesellschaftliche Gruppen vertritt, die Politiker besser bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.

      • djadmoros says:

        @suwasu:

        »Die Subjektivität des Feminismus wird folglich verschleiert durch einen scheinbaren Bezug zu Expertenwissen.«

        Das ist allerdings richtig. Das ist wohl generell das, was bei der erfolgreichen Institutionalisierung einer sozialen Bewegung herauskommt. Mindestens Teile der siegreichen Ideologie werden zu »orthodoxem Wissen«, auf dessen Basis dann unerwünschtes, »heterodoxes« Wissen ausgegrenzt wird.

        »Mit Feministinnen redet man aber auch, wenn es um konkrete Politik geht, sozusagen in der Verhandlung der Interessengruppen. Wo es solche Verhandlungen geben kann, sind Theoriedebatten dann fehl am Platz.«

        Dem stimme ich natürlich zu. Wobei die Wissensbasis, auf der die Interessenvertretung beruht, nicht theoriefrei ist, aber das Verhältnis von Handeln und Wissen läuft andersherum als im theoretischen Diskurs.

      • suwasu says:

        Es gibt ja eh kein theoriefreies Wissen bzw. mit der Prämisse geht man ja als Soziologe eigentlich heran an die Sache. Im politischen Bereich gibt es dann auch Spezialwissen. Aber mir geht es eher um Sprecherrollen. Abgesehen davon könnte man Luhmann bemühen und feststellen, dass Politik ohnehin die Dinge alle nach Macht/ Ohnmacht bewertet, was ich persönlich als richtige Beobachtung ansehe. Der Code der “Wahrheit” passt dann nicht. “Wahrheit” wird dann lediglich unter dem Gesichtspunkt von Machtgewinn betrachtet. In diesem Punkt hat Habermas schon immer falsch gelegen, meiner Meinung nach.

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