“100 Mal angemacht in 10 Stunden”

In den Kommentaren wies Matze mich auf diesen Artikel hin, der einige Fragen aufwirft:

Gerade in der SZ gesehen:

100 Mal angemacht in zehn Stunden

Eine versteckte Kamera begleitet eine Schauspielerin beim Spaziergang durch New York – sie wird von zahlreichen Männern angesprochen, belästigt, verfolgt. Das Video zeigt, wie alltäglich solche Szenen auf der Straße sind.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/test-mit-versteckter-kamera-mal-angemacht-in-zehn-stunden-1.2196377

Die Kommentare zum SZ-Artikel gibt es hier: https://www.facebook.com/ihre.sz/posts/713243185433730

Ist also alles doch ganz schlimm?

Das im Artikel vorgestellte Video ist Teil der Kampagne Hollaback (“Brüll zurück”). Diese Kampagne hat ihre Wurzeln in Nordamerika und hat einige Ableger bei uns, z.B. in Berlin: http://berlin.ihollaback.org

Ich selbst weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Mein Eindruck: Ich glaube nicht, dass das im Video Gezeigte auf Deutschland übertragbar wäre.

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27 Responses to “100 Mal angemacht in 10 Stunden”

  1. Mal aus ganz subjektiver Erfahrung heraus: Ich hatte mal eie Fernbeziehung nach NY, war über einen Zeitraum von 2 Jahren sehr oft für mehrere Wochen in Manhattan und hab dort auch auf der lower eas side gewohnt. Ich war viel unterwegs und habe natürlich neugierig die Augen aufgehalten. Die Leute in NY sind sehr gestreßt, keiner lächelt, alle hetzen rum. NY ist als lonely hearts club verschriehen und alle wünschen sich eine lockere Atmosphäre, in der man sich privat kennenlernen kann. Diese Enschätzung wurde von anderen Leuten, die dort wohnen, bestätigt. Dieses auf-der-Straße-ansprechen habe ich nie gesehen und mir wurde nie davon berichtet. Was es stattdessen gibt, sind – so ist das in CA auch – besondere Orte, wo man sich hin begibt, um in seiner Freizeit Leute kennenzulernen. Das sind zum Einen die clubs – wie überall – und speziell in NY der Central Park am Tage, vor allem am WE. Doch davon wird seltsamerweise nichts berichtet. Daher wirkt das Ganze auf mich wenig glaubwürdrig, denn Anmache wird nicht da gezeigt, wo man sie in der Tat leicht finden müßte.

    Weiter: Leider zeigt der Film kaum lesbare Strassenschilder. Es scheint aber, als sei die Frau mehrere Male von Süden nach Norden in Manhattan gelaufen. Das Einzige, was ich erkannt habe, sind in Reihenfolge folgendes:

    in Lower Manhattan:
    Broome Street
    Le Basket in 683 Broadway Nähe NYU
    Madison Ave

    in Harlem:
    Sandy Ray Building 125str/5Ave.
    125W 125Street

    in Midtown:
    Time Square

    Das alles sind jetzt keine Gegenden, die als “besonders seriöse Nachbarschaften” gelten. Warum wird nicht gezeigt, wie die Frau in guten Gegenden “angemacht wird”, wie es behauptet wird? Warum waren sie nicht in Brooklyn, Williamsburg oder in der Bronx? Oder im schnarchigen Staten Island?

    Drei weitere Probleme:

    1. Nicht immer ist mir klar, ob z.B. “Smile!” eine sexuelle Amache ist, ich bin auch schon zum Lächeln aufgefordert worden und nach 11h Flug nach SF wurde mir schon vom männlichen Flugbegleiter gesagt: “Hey, what’s wron with you, buddy? Smile, this is San Francisco!”. Leute, die auf der Strasse lungern und Leute in Geschäfte quatschen sollen, sind ebenfalls üblich. Wer das nicht weiß, ist leicht zu irritieren und das sind typischerweise Leute, die wenig von den US wissen.

    2. Darüberhinaus ist nicht immer erkennbar, ob das Gehörte zu der gefilmten Frau gesagt wurde, oder zu jemand anderem. Warum wurden keine eindeutigeren Szenen gezeigt? Gibt es keine?

    3. ALLE bis auf einen Mann sind erkennbar schwarz oder colored, vielleicht Mexikaner – was ja auf der west side auch zu erwarten ist. Gezeigt werden soll ein universal sexual street harressment, aber was in Wirklichkeit gezeigt wird, sind soziale Gewohnheiten von colored people. Soll ich nun denken, daß das ein rassistischer Film ist? Oder werden schlechte Manieren von Negern kritisiert?

    Die Sache wirkt auf mich insgesamt wenig überzeugend: Einerseits an den Haaren herbeigezogen, andererseits erstaunlich selektiv und oben drauf ist das Ganze unrealistisch gemessen an den Gewohnheiten der New Yorker.

    Daher würde ich mich von solchen Filmen nicht allzu sehr irritieren lassen: Sie sind in der Regel sehr “bemüht”.

    • suwasu says:

      Danke für Deine Einschätzung, Elmar!
      Ich hatte auch schon überlegt, ob es an der Gegend liegen könnte, durch die die Dame da spaziert.

      Die Gegenprobe wäre dann auch nicht schlecht: Mal schauen, ob man – wie in Deinem Beispiel – auch als Mann mit “Smile!” angesprochen wird.

      Der Film ist ja Teil von “Hollaback”. Auf der Berlin-Seite dieser Kampagne lesen wir u.a. das hier:

      “Ob es “Hey Baby”, Grabschen, Masturbation in der Öffentlichkeit, oder noch Schlimmeres ist; bei keinem dieser Übergriffe und vermeintlichen “Komplimente” geht es ums Flirten.

      • […]

      • Alltägliche Belästigung oder Street Harassment ist ein sogenanntes “Einstiegsverbrechen” – und hat zur Folge, dass andere Formen von sexualisierter Gewalt normalisiert und möglich gemacht werden.

      • Studien belegen, dass zwischen 80-90% aller Frauen* bereits in der Öffentlichkeit belästigt wurden.

      • Obwohl alltägliche Belästigung die soziale und kulturelle Norm ist, ist es weit davon entfernt OK zu sein! […]”

      Das ist schon ganz schön starker Tobak, der dort präsentiert wird. “Einstiegsverbrechen”, wenn auch in Gänsefüßchen, ist ein Etikett, dass weitere Gefahren suggeriert. Auch wird eine blöde Anmache damit kriminalisiert. Die Härte ist die Behauptung, dies sei “soziale und kulturelle Norm”, was sehr unwahrscheinlich ist, weil gewiss niemand möchte, dass seine Mutter, Frau, Freundin oder Tochter andauernd blöd angemacht wird auf der Straße. Gewisse Männer haben da sogar eine sehr niedrige Reizschwelle und antworten schnell mit der Faust, wenn man nur mal einen Blick in Richtung ihrer Freundin wagt.

      Es gibt natürlich blöde Anmachen, habe ich selbst erlebt, aber ich erlebe sie nicht flächendeckend, zumal ich regelmäßiger ÖPNV-Nutzer bin, wo nun wirklich allerlei Volk unterwegs ist, insbesondere in engen, weil proppenvollen Bahnen aller Art.

      Die gehetzten New Yorker scheinen in ihrer Eile anderen Großstädtern zu ähneln, die ich auch nicht als besonders kontaktfreudig erlebe. Außenstehende beschreiben Berliner z.B. oft als biestig und finden es blöd, dass sie in der S-Bahn jeden Kontakt meiden.

      • @LoMi

        “Studien belegen, dass zwischen 80-90% aller Frauen* bereits in der Öffentlichkeit belästigt wurden.”

        Darüber habe ich mir Anne Nühm vor einiger Zeit mal diskutiert und wir waren uns schnell einig, daß eine Frau, die nicht angibt, sexuell belästigt zu werden, nach den heutigen Kommunikationsstandard implizit von sich behauptet, unsexy und unattraktiv zu sein.

        Die Formulierung, die ich damals brachte, war: Befragungen – egal wie sie formuliert sind, sind uninformativ, solange man die Leute nicht zwingen kann, ihre Aussagen nach denselben Kriterien zu formulieren und im selben Sinne bei ihren Antworten ehrlich zu sein.

        Das gilt auch hier. Der Mythos vom Mann als Sexdämon ist so überwältigend anerkannt, daß er in der Entwicklung von Methoden berücksichtigt werden muß. Und “Hollaback” tut das nicht.

      • suwasu says:

        Du sagst es. Man müsste diesen Mythos in der Tat mal als Einfluss kontrollieren. “Hollaback” wirkt auf mich da auch sehr unseriös und überzogen.

        Man kann außerdem davon ausgehen, dass diese “Studien” ausgesprochen weite Definitionen von Belästigung verwendet haben werden. Auch hier wäre dann die Gegenprobe gut, ob manche dieser Kriterien nicht auch durch Männer positiv beantwortet werden würden.

        Wenn die Fragen ähnlich formuliert werden wie die Kriterien für sexuelle Belästigung an der Uni, müsste ja fast 100 Prozent herauskommen. Ich stelle mir gerade die Frage vor: “Sind Sie in der Öffentlichkeit schon einmal von einem Mann taxierend angeschaut worden?”

        Interessante Methodendiskussion wäre, wie man die subjektive Wahrnehmung der Probandinnen kontrolliert, was die als Taxieren ansehen.

      • “Studien belegen, dass zwischen 80-90% aller Frauen* bereits in der Öffentlichkeit belästigt wurden.”

        Das würde ich eher für eine zu niedrige Zahl halten. Blöd angemacht worden ist bestimmt schon mal jede Frau. Das bleibt kaum aus, wenn ein Geschlecht üblicherweise das aktivere ist (und zudem auch über eine größere Vorliebe zu casual sex eher auf Masse setzen kann).

        Die meisten Frauen werden es aber als das sehen, was es ist: Ein idiot hier, eine schlechter Versuch dort.

        Es würde mich auch verwunden, wenn nicht 80-90% aller Männer auch schon mal belästigt worden sind.
        Es ist einfach eine sehr nichtssagende Statistik.

        Würde mich aber in Bezug auf Elmars Kommetar interessieren, ob das Video irgendwo im Feminismus bereits unter “rassimus” läuft, weil fast nur Nichtweiße gezeigt werden. Wenn da einer was hat, dann würde es mich interessieren

  2. wollepelz says:

    Stimmt, es gibt soziale Brennpunkte und in diesen sozialen Brennpunkten gibt es Menschen, die sich über das Lächeln von böse dreinblickenden Frauen freuen würden.

  3. Eine andere Sache – die völlig off topic ist – würde mich interessieren: die maskulistischen posts beschwehren sich immer darüber, wie böse die Feminsten sind und wie gemein und herzlos die Frauen sind.

    Und Arne lobt ja explizit den exquisiten Stil einiger linker Maskulisten – vor allem von denen, die wie Gerhard besonders ausfallend sind.

    Sehen wir aber mal davon ab, daß es darum geht, als Maskulisten gelobt zu werden – welche Art von Gegenwehr ist gegen gemeine Frauen und böse Feministen eigentlich legitim?

    Oder bedeutet Maskulismus, daß wir darauf warten, daß die anderen sich bessern?

    • suwasu says:

      Ich benutze mal das Wort “Saalschlachten”, mit dem Djadmoros die Forendiskussionen bei Telepolis beschrieb. Saalschlachten halte ich nicht für nützlich. So eine Internetklopperei bringt niemanden weiter. Das eskaliert bloß vor sich hin. Bei Chris drüben gab es ja immer schöne Verbalkeilereien mit Mutter Sheera. Irgendwann wird das aber langweilig, auch wenn ich David meist Recht gab. Denn irgendwann verlieren die Kommentare dann die Substanz und ich erfahre nichts neues mehr. Alles pendelt sich auf einen einzigen Wert ein, wie hieß das noch in der Mathematik? ^^

  4. mitm says:

    Etwas ähnliches gab es vor ca. 2 Jahren mit dem Film “Femme de la rue” von Sofie Peeters über sexuelle Belästigung. Auch hier wurde die Männerwelt als ganze an den Pranger gestellt, leider waren aber nach meiner Erinnerung ca. 90% der Männer im Film Nordafrikaner. D.h. es wurde eine hochgradig unrepräsentative Stichprobe der Bevölkerung verwendet und unzulässig verallgemeinert.

    • Joachim says:

      Feminismus ist auch der Kampf unattraktiv wirkender Frauen gegen die Aufmerksamkeit die attraktive Frauen bekommen. Das Video trifft den Nagel der Hollabacks auf den Kopf.

  5. only_me says:

    Zwei interessante Perspektiven von Steve Sailer zu dem Video:

    Dieser Artikel greift die Mutmaßung von Elmar auf, dass das bestimmte Gegenden sind, die da gezeigt werden:
    http://www.unz.com/isteve/straight-white-men-behaving-well-are-racist/

    und dieser gibt ein wenig Hintergrund, wie schlimm Frauen im Schnitt finden, auf der Straße angesprochen zu werden:
    http://www.unz.com/isteve/proof-white-men-do-harass-women-on-street/

  6. Ich habe dazu mal eine Ad-Hoc-Umfrage unter meinen weiblichen Freunden gestartet. Ergebnis: Allesamt werden “nie” bis “seltenst” auf der Straße angesprochen bzw. zum Ziel irgendwelcher Rufe.
    Was hingegen als belästigend empfunden wird, sind die Vertreter von Human Rights-Organisationen, Greenpeace oder Parteien, aggressive Werbung in den Innenstädten oder Bettler. Das hat mit sexueller Belästigung aber nichts zu tun und ist wohl auch geschlechtsunabhängig.

  7. J. Adler says:

    Das Video wurde gerade in der Sendung “Punkt 12” von RTL mit nem Beitrag gefeatured. O-Ton “Männer sind scheiße”..
    Ich hoffe die Zeit zu finden, zu dem Thema auch meine Meinung niederzuschreiben.

  8. Pingback: Die neusten Einträge | Jochen Lembke Blog – Zeit für Utopien

  9. KlausT says:

    Interessenhalber habe ich alle im Film eingeblendeten Äußerungen dokumentiert. Es ist vielleicht hilfreich,sie mal im Überblick zu sehen.
    Auch wenn ich wirklich belästigende Äußerungen unverantwortlich finde und ablehne, aber die allermeisten Äußerungen in dem Film sind nun wirklich harmlos.

    How you doing today?
    Smile – I guess not good.
    What’s up beautiful. Have a good day.
    Hey what’s up girl?
    How you doing?
    Somebody’s acknowledging you for beeing beautiful
    You should say thank you more!
    For real?
    Damn.
    Hey Baby
    Hey Beautiful!
    How are you this morning?
    Have a nice evening
    Nice!
    Damn!
    DAMN!
    Hi beautiful
    Sexy – American Eagle! (the brand logo on her butt)
    Hello good morning
    god bless you have a good day alright?
    (same guy walking silently alongside her for the past two minutes)
    (four minutes)
    (five minutes)
    Damn!
    Have you doing?
    How you doing, good?
    Sweetie?
    Hey look it there!
    I just saw a thousand dollars
    Damn girl!
    You don’t wanna talk?
    Because I’m ugly?
    Huh?
    We can’t be friends, nothing?
    You don’t speak?
    If I give you my number, would you talk to me?
    To ugly for you?
    What’s up miss?
    How you doing?
    Have a nice evening darling

  10. Nick says:

    Ich würde vermuten, dass man es instinktiv sehr genau wahrnimmt ob ein Mensch auf der Straße einfach nur gezielt von A nach B läuft oder ob er letztlich stundenlang geradezu mit der Erwartungshaltung herumläuft, angesprochen zu werden.

    Andere Frauen (bei 0:17 beispielsweise) werden überhaupt nicht beachtet.

  11. Nick says:

    Was Ihollaback so abfeiert:

  12. petpanther says:

    In den USA entwickelt sich das jetzt zum Rassismus Thema.

    Fast nur Blacks im prekären Viertel in Manhattan.

    (Da wird generell viel öffentlich “angemacht”. Auch Männer werden bedrängt.)

    Außerdem 10 Min / 10 Stunden entspricht 1,66%. Eine sehr kleine Quote. Selbst dort.

    Hier zeigen die Feministinnen wieder wie man Gesellschaft framed. Und Shoshana hat ihre Texte gut gelernt.

  13. Pingback: Street Harassment und meine Sicht der Dinge | MALTURE

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