Was Belästigung ist, bestimme ich!

Da ich selber ein Hochschulgewächs bin, interessieren mich die Kampagnen gegen “sexuelle Belästigung” im Hochschulbereich besonders. Das Thema hatte achdomina angestoßen.

Definitionsmacht: Belästigung als subjektiv empfundener Sachverhalt

Ich habe weiteres Infomaterial ergoogelt, heute von der Universität Tübingen:

Entscheidend dafür, ob eine Handlung als sexuelle Belästigung zu gelten hat, ist also davon abhängt, wie die/der Betroffene diese empfindet. Mag von einer Person eine Bemerkung als
Kompliment empfunden werden, so kann dieselbe Bemerkung von einer anderen Person als Anzüglichkeit aufgefasst werden. Entscheidend für den Tatbestand der Belästigung ist die
Unerwünschtheit des Verhaltens. Sie muss als solche mitgeteilt werden. Wird ein Verhalten von der belästigenden Person („Das war gar nicht so gemeint“) und der belästigten Person
kontrovers bewertet, sollte die Angelegenheit offen (z.B. im Kollegium, im Kollegen- /innenkreis) diskutiert werden. Die öffentliche Diskussion kann zur Klärung und zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

Ich meine, man muss aufpassen, dieses Thema nicht zu hysterisieren. Dazu gehört, genauer hinzuschauen, wie sexuelle Belästigung definiert wird. Nicht jede Kampagne wird einen allumfassenden Begriff davon benutzen. Manche Unis beschränken sich auf Definitionen, wie sie durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geltende Rechtslage sind. Damit tun sie gewissermaßen das Nötigste und laden das Thema nicht weiter auf. Andere nutzen die Gelegenheit, um ihren weiten Begriff von Belästigung zu propagieren.

Wie wir wissen, gehört das Konzept Definitionsmacht zu den Türöffnern für ein weitgefassten Belästigungsbegriff. Dieses Konzept sagt aus, dass das Opfer definiert, welchen Schaden es erlitten hat. Es zählt letztlich nur die Definition des Opfers. Das ist eine Konstruktion, die eigentlich mit rechtsstaatlichen Prinzipien nicht verträglich ist, wo man alle Seiten anhören müsse, bevor man über die Schuldfrage urteilt.

In der Broschüre der Uni Tübingen finden wir das DefMa-Konzept wieder. Es sei dann eine Belästigung, wenn der Betroffene das so empfindet. Sprich: Es ist eine rein subjektive Angelegenheit und es nutzt zunächst gar nichts, wenn ich als der “Belästiger” anderes im Sinn gehabt habe. Und so heißt es dann auch: Die einen mögen mein Tun als Kompliment empfinden. Aber sobald es jemand als “Belästigung” labelt, ist es auch eine. Ich kann mich also nie auf Gewohnheiten und Konventionen verlassen. Denn die Tatsache “Belästigung” folgt eben dem individuellen Empfinden. Woran aber orientiere ich dann mein Handeln?

Die Kampagne setzt neue Normen

Es ist eigentlich der Normalfall, dass ich so handle, wie es allgemein üblich ist. Das gilt sowohl für das, was man tun darf, als auch für Verbote. Eine Kultur hat dafür unzählige Regeln, die wir oft allein über die tägliche Routine erlernt haben. Diese Routinen können sich freilich ändern. Eine Norm bekommt dann neue Geltung, wenn ein Verhalten als Normbruch skandalisiert wird und wenn es eine Instanz gibt, die diesen Skandal ahndet. Für viele Normen stellt die Gesellschaft selbst die Instanz da und sie ahndet Normbrüche durch Ächtung und Missbilligung. Im Falle der Belästigung im Raum der Universität ist nun der Gesetzgeber diese Instanz und deren ausführender Arm die Hochschulleitung und die Gleichstellungsbeauftragte.

Diese Kampagnen gegen Belästigung sind damit bereits normensetzende Aktivitäten, weil hier eine Instanz installiert wird, die die neue Norm sanktioniert. Es wird dabei der Anspruch erhoben, dass Konventionen über die Legitimität von Komplimenten etwa nicht mehr gelten. Das individuelle Empfinden soll jetzt mehr Gewicht haben. Ich muss mich als Mann also beim Komplimente machen oder beim Aussenden erotischer Signale immer an dem orientieren, wie mein Gegenüber damit umgeht. Das verkompliziert solche Situationen, denn ich kann auf kein Routinerepertoire im Umgang mit Frauen mehr zurückgreifen. Routinen haben aber eigentlich diese Funktionen, zu entlasten von der steten Neuentwicklung von Aktionen in jeder neuen Situation.

Der Hauch eines objektiven Kriteriums für Belästigung

Immerhin zieht die Uni Tübingen eine gewisse Grenze: Die Unerwünschtheit einer Handlung sei das Kriterium und diese Unerwünschtheit müsse auch “mitgeteilt” werden.

Lässt sich das eigentlich gerichtsfest beweisen, dass man dieses “nein” auch geäußert hat? Oder reicht es, wenn man lediglich behauptet, man habe “nein” gesagt? Diese Fragen hat ja bereits der Rechtsblog Strafakte gestellt, in anderen Zusammenhängen.

Aber sehen wir davon ab. Es gibt also immerhin eine Grenze. Man kann nur dann jemanden der Belästigung zeihen, wenn man ihm vorher mitteilte, dass man sein Verhalten nicht wünsche. Auch die folgenden Aussagen wirken zumindest vordergründig liberal: Falls der Beschuldigte andere Intentionen hatte und die Person nicht belästigen wollte, müsse man dies in einer Diskussion klären.

Aber irgendwie lässt diese Passage mich dann doch ratlos zurück: Zunächst spricht sie anders als ich nicht von “Beschuldigtem”, sondern von der “belästigenden Person”. Das suggeriert, als sei der Fall eigentlich schon klar, obwohl doch erst die Diskussion die Sache klären soll. Und zweitens soll diese Klärung dann auch noch in ÖFFENTLICHER Diskussion, etwa im Kollegenkreis geschehen. Das ist im Zweifel für beide beteiligte Parteien nicht leicht. Es ist schlicht gruselig, sich dem Kollegentribunal stellen zu müssen. Eigentlich wäre hier eine neutrale Instanz, ähnlich einem Richter wünschenswert. Aber gegenüber den Kollegen möchte man sich nicht rechtfertigen müssen. Umgekehrt dürfte ein tatsächliches Opfer einer Belästigung eine solche öffentliche Anhörung auch nicht gerade ermutigend finden.

Und immer wieder Macht

Ganz gruselig wird es in dem Teil, wo es um die Gründe von Belästigung geht. Kurz: Sie werde begünstigt durch Machtverhältnisse. Das ist das übliche Bild: Die Obenstehenden bedrängen die von ihnen Abhängigen.

Das kommt wahrscheinlich auch vor. Was ich hier nur nicht verstehe: Belästigung wird zunächst als das definiert, was die betroffene Person als solche empfindet. Man räumt oben sogar ein, dass dies ein in anderen Kontexten als harmlos geltendes Verhalten sein kann. Es hieß: Belästigung kann auch das sein, was anderswo als Kompliment gilt. Wie kann man dann aber grundsätzlich immer den Machtaspekt als Grund ansehen? Betont wird in Tübingen und anderswo, dass die Belästigung gewöhnlich wenig mit erotischem Interesse und mehr mit Machtausübung zu tun habe. Schön. Aber wenn das Tun anderswo als Kompliment gelten kann, ist es dort auch bereits Mittel der Machtausübung?

Meiner Meinung nach passen die Subjektivität als Definitionsgrundlage und das vermeintliche Wissen über den stets vorliegenden Grund der Machtausübung nicht ganz zusammen. Schließlich sorgt das Konzept Definitionsmacht dafür, dass Belästigung je nach individueller Befindlichkeit bestimmt wird. Und das kann zwangsläufig auch Dinge betreffen, die mit Machtausübung nichts zu tun haben.

Zum Schluss bekommen wir dann noch ein Klischee serviert, das ich niemanden hier vorenthalten möchte. Es ist selbstredend ein Klischee über Männer:

Geht die sexuelle Belästigung von einer auf gleicher Hierarchieebene stehenden Person aus, kann ein solches Verhalten bewusst oder unbewusst dadurch motiviert sein, ein
Dominanzverhältnis aufbauen zu wollen. Oft sehen Männer z. B. ihre berufliche Stellung, ihre soziale Rolle oder ihre männliche Ehre durch die Konkurrenz von „emporstrebenden“ Frauen gefährdet. Durch Angriffe, die sich unter anderem in der Form der sexuellen Belästigung äußern können, wird versucht, Frauen die Lust an der Arbeit/Karriere zu nehmen und sie auf „ihren Platz“ zu verweisen.

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4 Responses to Was Belästigung ist, bestimme ich!

  1. Matze says:

    Gerade in der SZ gesehen:

    100 Mal angemacht in zehn Stunden

    Eine versteckte Kamera begleitet eine Schauspielerin beim Spaziergang durch New York – sie wird von zahlreichen Männern angesprochen, belästigt, verfolgt. Das Video zeigt, wie alltäglich solche Szenen auf der Straße sind.

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/test-mit-versteckter-kamera-mal-angemacht-in-zehn-stunden-1.2196377

    Andere Länder, andere Sitten?

    Hab sowas in DE noch nicht erlebt. Bin aber auch keine Frau und Frauen zeigen ihr Interesse ja eher selten bis gar nicht.

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