Männer: Auch nur Menschen?

Denken wir einmal über politische Korrektheit nach. Wir wissen, dass es hier bestimmte Empfindlichkeiten gibt. Man soll über “Ausländer” nichts böses sagen, über Angehörige von Religionsgruppen nicht. Wer sich pauschalisierend über Frauen aufregt, gilt als frauenfeindlich und erntet Kritik.

Ich bin bekanntermaßen eher ein Gegner von Pirincci und finde nicht, dass man nun alle, mit denen man ein Problem hat, öffentlich dissen sollte, hemmungslos und lustvoll. Insofern macht eine gewisse Achtung vor dem Menschen immer Sinn. Aber wenn ich von Menschen spreche, deute ich bereits an, dass letztlich universelle Werte wichtig sind. Respekt sollte nicht gruppenabhängig sein.

Aber ein Teil der feministischen PC pflegt bekanntermaßen einen Doppelstandard:

Eine lesbische Frau erklärte mir kürzlich, dass Männer Defizite hätten bei der Sozialkompetenz. Männer an sich. Sie berichtete nicht von einigen Deppen, die ihr komisch gekommen sind. Sie sprach einfach von “Männern”, ohne Unterschied. Eine andere Frau beklagte sich über die Geschmacklosigkeit von Männern, insbesondere im Internet, weil diese seltsame Selfies posten. Auch das ein Merkmal “der Männer”, auch hier keine Unterscheidungen. Früher hieß es über die “Sozis”: “Die können es nicht”. Heute, so scheint es, wird der Spruch auf Männer übertragen. Es sind auffälligerweise gerade diejenigen, die in anderen Bezügen schnell den Sprachgebrauch verurteilen, als “sexistisch”, als “übergriffig”, als “rassistisch” usw. Es sind auch diejenigen oft, die eine geschlechtersensible Sprache fordern, die jedem Menschen in seiner Identität gerecht werden soll und die vermeiden soll, dass Menschen aufgrund einiger Eigenschaften pauschal ignoriert oder abgewertet werden. Aber das scheint alles für Männer nicht zu gelten, solange sie weiß und heterosexuell sind. Da scheint es ebenso korrekt zu sein, Pauschalurteile zu fällen, selbstverständlich abwertende. Über “die Männer” Schlechtes zu sagen, gilt diesen Personen offenbar nicht als verwerflich, es ist vollkommen ok.

Ebenfalls in den letzten Wochen hatte ich eine Diskussion mit einer Person, die gewisse Schwierigkeiten mit der sexuellen Identität hat, nicht für sich selbst, aber in der Konfrontation mit anderen Leuten, die ihre Identität nicht verstehen oder aggressiv ablehnen. Diese Person hat mich zunächst scharf angegriffen. Meine Fragen waren womöglich naiv und kenntnisfrei. Aber das habe ich auch gleichzeitig eingeräumt. Das half nichts, mein Verhalten galt ihr als “grenzverletzend” und “etikettierend”. Alle Mühe und Diplomatie waren zunächst vergebens. Ihre Probleme konnte ich freilich verstehen. Aber ich war trotzdem verärgert, denn ich möchte mir keine Motive unterschieben lassen. Was hatte diese Person getan? Sie hatte meine Äußerungen in ihrem Sinne interpretiert und hielt diese Interpretation für wahrer als das, was ich zu meinen Absichten sagte. Von da an galt alles, was ich noch vorbrachte, egal, wie ausgleichend ich es formulierte, als Taktik und als Versuch, diese Person in eine bestimmte klischeehafte Ecke zu drängen.

Das Thema Kommunikation und Interpretation beschäftigt mich ja schon länger. Ich hatte in der letzten Zeit im Zusammenhang mit Feminismus und Biologismus den Anspruch erhoben, mich selber zu definieren. Dieser Anspruch ist verschiedentlich bestritten worden. Vielleicht steht er auch auf wackeligen Füßen. Aber das ist mir vorläufig gleichgültig. In den geschilderten Beispielen war ich stets mit Interpretationen Anderer konfrontiert, die ich für mich nicht akzeptieren konnte. Diese Personen waren felsenfest von ihren Deutungen überzeugt und sahen meine Rechtfertigungen als Symptom von Täuschung, Selbstbetrug, Dummheit oder Boshaftigkeit. Wenn man so will, haben sie mich wegtreten lassen. Ich denke, man braucht keine ausgefeilte Theorie, um zu behaupten, dass sich das sehr negativ anfühlt und dass wir das aus irgendeinem Grund nicht recht akzeptieren mögen. Im Grunde wünschen wir uns, dass man uns zuhört und dem, was wir sagen, eine gewisse Berechtigung zuspricht. Wir lehnen es ab, dass Andere uns rundherum definieren und alle unsere Aussagen als “falsch” wegschieben.

Es muss daher eine Kernforderung sein, dass Respekt nicht vom Geschlecht abhängig gemacht wird. Die Forderung von Feministinnen, man habe schlicht zuzuhören, muss zurückgewiesen werden. Zuhören muss man einander. Feministinnen müssen sich daran messen lassen, ob sie in der Lage sind, zuzuhören. Ein Privileg haben sie nicht. Dass sie dieses gerne in Anspruch nehmen, muss bestritten werden. Feministinnen müssen sich dialogfähig zeigen oder sie müssen mit dem Etikett “fundamentalistisch” leben.

Strukturell interessant ist aber das Verhalten von Feministinnen a la Wizorek schon: Dieses Bedürfnis, als Verkünderin zu agieren, ist auffällig. Sie predigen gerne absolute Wahrheiten, die in ähnlicher Weise wie in Religionen nicht originell sind, sondern von Wiederholungen leben. Was gefällt ihnen an dieser Rolle und wie kommt es, dass deutsche Universitäten nicht in der Lage sind, diese Leute zur Selbstreflektion zu erziehen?

 

 

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Wenn schlechter Stil System hat

Bei Lucas Schoppe fand ich dieses Zitat, das mich vor allem vom Stil her interessiert:

“Das Nuf schreibt:

„Das Internet sind Menschen. Echte Menschen. Keine virtuellen und ich möchte, dass das langsam mal alle verstehen.“”

Interessant ist hier für mich der Tonfall. Er weckt bei mir Assoziationen, erinnert mich an eine bestimmte Sorte Mensch in einer bestimmten Szene. An Leute, die immer sehr fordernd auftreten, recht distanzlos herumpoltern, wenn ihnen etwas nicht passt.

“ich möchte, dass das langsam mal alle verstehen”

Ich versuche zu übersetzen:
Das klingt genervt. Es ist keine freundliche Bitte. Hier wendet sich jemand an “alle”. Was diese Person zu sagen hat, ist für “alle” wichtig. “Alle” sollten einen gewissen Standard der Kommunikation beherrschen. Dieser Standard ist eine Grundbedingung, deswegen müssen ihn auch alle, wirklich alle einhalten. Als Grundbedingung ist dieser Kommunikationsstandard nicht verhandelbar. Es gibt keine guten Gründe, die dagegen sprechen. Die Forderung danach ist immer richtig. Deshalb ist die Forderung auch strikt: Ihr müsst verstehen. Das ist kein Appell an das Verständnis, an das Mitfühlen der Anderen, es ist eine Forderung, zu der es keine zwei Meinungen geben könne.

“Langsam” meint wiederum das Gegenteil: Man gibt uns keine Zeit, es zu verstehen. Nein, es soll endlich verstanden werden, möglichst bald. Es geht der Person viel zu langsam. Diese Langsamkeit strapaziert die Geduld der Person. Eigentlich möchte sie nicht so lange warten. Sie wartet schon viel zu lange und deshalb klingt diese Zeile auch genervt. Als gesprochenes Wort hätte sie den entsprechenden Tonfall zwischen fordernd und verärgert.

Ob meine Übersetzung richtig ist, kann ich natürlich nicht sagen. Wie gesagt, diese Zeile weckt Assoziationen an bestimmte Milieus. In diesen treten immer wieder Aktivisten auf, die ihre Positionen eher nörgelnd, vorwurfsvoll und massiv fordernd vertreten. Man denke an frühe Grünen-Parteitage. Aber so etwas kommt eigentlich überall vor, wo Jugendlichkeit und Unbürgerlichkeit zum Programm gehört. Im Grunde findet man eine ähnliche Umgangsform auch bei den Castingshows, wenn etwa prominente Musiker in ähnlich nörgelnd-fordernden Tonfall die Kandidaten kritisieren und das mit größter Selbstverständlichkeit.

Ich sage “unbürgerlich”, denn es gibt gewisse Vorteile “bürgerlicher” Umgangsformen, wo nicht vorschnell geduzt wird und man seine Kritik etwas freundlicher verpackt. Nicht, dass ich der Bürgerlichkeit an sich so zugetan wäre. Aber diese distanzlose Unbürgerlichkeit, diese Mischung aus Forderung und rustikaler Rhetorik, aufgeladen mit Emotionen, halte ich für sehr schwierig. Man kennt aus gewissen Kreisen solche Äußerungen, die immer gefühlslastig daher kommen und dadurch auch provozieren: “Kommt mal klar, Leute!” oder noch besser “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten”. Solche Aussagen sind gewissermaßen grenzüberschreitend, sie wirken aggressiv, auf keinen Fall wirken sie ausgleichend und moderierend.  Entweder hält man dann demütig “die Fresse” oder aber fühlt sich genötigt, sich zu wehren. Das Problem solcher Äußerungen ist, dass man als so Angesprochener sein Gesicht nicht wahren kann. Man steht als Idiot da, als jemand, der eine Zurechtweisung dringend benötigt. Das führt zu einer Lage, in der man für sich selber entscheiden muss, “Hammer oder Amboß” zu sein, also entweder aufgibt oder sich eben wehrt.

Dieser harsche Ton, dieses über den Mund fahren bzw. diese Art, eher zu kommandieren als zu kommunizieren, ist nicht nur eine Stilfrage. Dieser Stil hat ja durchaus System. Man erinnere sich an Jasna Stricks Text zu den “Allies” oder an dessen Adaption durch Wizorek: Hör zu und halt den Mund und tu, was ich Dir sage! Gerade der Netzfeminismus hat eine starke Neigung zum Kommandoton, der stark provoziert und den ich als respektlos empfinde. Jugendkultureller Jargon vermischt sich mit Anmaßung. Diese Leute vergessen, dass nicht jeder eine solche Straßenkultur schätzt. Schließlich scheinen sie einen so anzusprechen, wie sie die Mitglieder ihrer Peer Group ansprechen würden. Aber ich gehöre nicht in diesen Kreis und wünsche mir deshalb mehr Zurückhaltung mir gegenüber.

Interessant daran ist, dass etwa Feministinnen Themen wie Grenzüberschreitung, Belästigung, Harrasment und dergleichen pausenlos durchdeklinieren. Sie interpretieren ja schon kleinste Annäherungen als Fälle dramatischer Belästigung. Dabei ist aber ihr fordernder Tonfall nichts anderes als grenzüberschreitend und irgendwie auch belästigend. Ich halte das aus, empfinde das aber schon als ärgerlichen Widerspruch. Schließlich lässt dieser Tonfall, an genervte Erzieherinnen in Schule und Kindergarten erinnernd, nicht erkennen, dass diese Damen in der Lage wären, Rücksicht zu nehmen und Grenzen zu respektieren. Wie kann aber jemand mit Empathiemangel Empathie fordern? Wer das tut, sollte selber ein Beispiel dafür geben in Wort und Tat.

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Was kann linker Maskulismus? Feminismus und Organisationsethik.

Es wird oft gefragt, warum es unbedingt einen linken Maskulismus geben müsse. Nicht immer ist es wirklich notwendig, den Feminismus aus linker Perspektive zu kritisieren. Aber diese Perspektive kann helfen, Zusammenhänge aufzudecken. Das möchte ich am Beispiel des Zusammenhanges von Feminismus und Organisationsethik zeigen.

Ethik in der Hochschule

Stellen wir uns eine deutsche Hochschule vor, die sich im Zuge der Reformen umorganisiert. Dank gesetzlicher Regelungen hat die Hochschulleitung erheblich mehr Macht bekommen. Das vom Staat verordnete “New Public Management” öffnet die Türen für Konzepte aus der Wirtschaft. Managementpraktiken werden übernommen. Managertypen erscheinen als die Agenten der Modernisierung. Mit ihnen ziehen auch kulturelle Praktiken aus der Wirtschaft in die Hochschulen ein, teilweise auch von Regierungen explizit eingefordert.

Diese deutsche Hochschule baut also nicht nur ihre Strukturen um, sie gibt sich auch ein Leitbild, ein “mission statement”. In diesem Dokument beschreibt sie in wohlklingenden Worten nicht nur eine bestimmte Qualität ihrer Produkte, sondern auch die Qualität des Verhaltens ihrer Mitarbeiter. Diese sollen sich moralisch verhalten. Diese Moral ist ein Versprechen an die “Kundschaft”, dass die Hochschule insgesamt etwas Wertvolles tut. Sie produziert nicht nur Wissenschaft, sondern ihre Mitarbeiter sind allgemein anerkannten Werten verpflichtet. Wirtschaftsunternehmen geben sich selten eine solche Ethik aus reiner Überzeugung. Sie tun es, um ihrer Kundschaft zu gefallen. Es ist eine Vermarktungsstrategie. Das ist bei gemanagten Hochschulen letztlich kaum anders. Sie werben damit um politische Gunst, um Studierende und um Drittmittel. Die Ethik ist Teil der Profilierung im Wettbewerb der Hochschulen untereinander.

Feministische Verhaltensdoktrinen als Teil der Hochschulethik

Stellen wir uns also eine deutsche Hochschule vor, die diesen Weg sehr konsequent geht. Englisch dominiert und signalisiert Modernität. Es gibt ein beeindruckendes und sehr blumiges Visionsgebäude.

Ist es ein Zufall, in dieser Hochschule an vielen Orten  Aushänge zu finden, die alle Mitglieder zu besonders ethischem Verhalten mahnt? Diese Aushänge rufen auf, alle Arten von Diskriminierung und Belästigung aktiv zu unterbinden. Sie beschreiben dies in den aktuell gängigen englischen Termini: Harrasment, Insulting. Der Aushang ist das Gemeinschaftswerk von Studierendenvertretung und Hochschulleitung. Damit ist die Politik des einschlägigen Referats des ASTA zu einer offiziellen Angelegenheit geworden, durch die Leitung der Hochschule sanktioniert. Und natürlich weiterer Diskussion entzogen. Über die Anbindung an die hochfliegenden Ethiken lässt sich diese Politik auch kaum noch kritisieren. Wer kann auch etwas dagegen haben, dass Leute Verantwortung übernehmen und dass man Menschen für Übergriffen schützt?

Ökonomische Zwänge bereiten den Weg

Wir sehen hier vielleicht den Keim einer weiteren Amerikanisierung deutscher Hochschulen. In diesen tobt die Rape Culture Hysterie und man bemüht sich dort sehr intensiv um ein Regime, dass Männern Mores lehrt. Uns erscheint das in Europa rätselhaft, doch Anfänge sind gemacht. Gleichzeitig lässt sich das Rätsel doch lösen, wenn man den Zusammenhang zwischen New Public Management, verstärkter Konkurrenz der Hochschulen um Gelder und solchen Verhaltensreglements genauer in den Blick nimmt. Die offizielle Ethik ist Verkaufsargument und kein Dokument der je individuellen philosophischen Überzeugung von Hochschulmanagern. Sie richtet sich an ein Publikum. Diesem Publikum will man gefallen. Man formuliert folglich nur das, was einen Konsens findet, strittiges wird vermieden. Weil die Ethik bloß funktional ist, wird sie schlicht durchgesetzt. Diese Durchsetzung erfolgt gewissermaßen hinterrücks, weil man Werte ja nicht anordnen kann. Mit sanftem Druck wird den Mitarbeitern jedoch klar gemacht, dass diese Werte verbindlich sind. Niemand darf aus der Reihe tanzen, weil das Management hier schlechte Presse befürchtet. Wenigstens nach außen müssen alle diese Ethik in Wort und Tat vertreten. Ein offenes Diskussionsklima ist dann nicht mehr möglich. Also müssen die Mitarbeiter ihre persönlichen Überzeugungen zurückstellen. In diesem Klima lässt sich dann auch eine feministische Verhaltensdoktrin durchsetzen. Der Feminismus ist ohnehin institutionalisiert über Gleichstellungsbeauftragte, die dem ASTA politisch beispringen. Jede Diskussion um feministische Verhaltensforderungen ist wiederum polarisierend und erzeugt schlechte Presse. Es ist taktisch klüger, die feministische Ethik zu übernehmen. Das macht auch kaum noch einen Unterschied, da die ganze offizielle Ethik ein Oktroy ist. Deshalb ist es fast schon egal, welche Verhaltensgrundsätze man nach außen vorgibt zu befolgen.

Es sind letztlich die ökonomischen Zwänge, die hier dem Feminismus den Weg in die offizielle “Unternehmensethik” bahnen. Letztlich ist der Feminismus lediglich ein Mittel, um über öffentliches Ansehen Gelder zu sichern. Vermutlich spielt auch die internationale Ausrichtung der Hochschule eine Rolle: Man will auch zunehmend den Amerikanern gefallen. Diese haben wenig Verständnis für deutsche, lokal verankerte Ethikskepsis. Diese Skepsis kann sich die Hochschule nicht leisten. Sie muss befürchten, dass konkurrierende Hochschulen den Staat und finanzierende Unternehmen mehr überzeugen, weil sie die Ethik konsequenter umsetzen. Kantige Individualität skeptischer Professoren darf dann nur noch hinter verschlossenen Türen ausgelebt werden. Um keinen Preis dürfen Kritiker mit markigen Worten in die Presse gelangen. Damit ist ein System sozialer Kontrolle gut etabliert, erwachsen aus dem Kampf um die finanzielle Basis der Hochschule.

Linker Maskulismus könnte also dazu beitragen, die ökonomischen Bedingungen feministischer Erfolge aufzuklären. Der Vorzug dessen ist, dass man sich nicht mehr an einzelnen Personen abarbeitet, denen man Dummheit, Verblendung oder Unmoral unterstellen muss. Gibt es diese ökonomischen Zwänge, wäre der Versuch, diese Personen zu bekämpfen oder zu überzeugen, sinnlos. Denn dann müsste man sein Bemühen auf die größeren Zusammenhänge richten, etwa auf eine gewisse Ökonomisierung der Hochschulen an sich.

 

 

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Fundstück: Vater per Ferndiagnose begutachtet

Auf Telepolis kann man heute dieses lesen:

In dem Dokument wird der Fern- beziehungsweise Gar-nicht-Begutachtete als eine psychisch gestörte Person geschildert, die unberechenbar und aufbrausend ist, keine Rücksicht auf andere nimmt, sich die Realität zurechtbiegt und für die Menschen in ihrem Umfeld “sehr gefährlich” ist. Diese Persönlichkeitsmerkmale könne der Mann aber im Bedarfsfall gegenüber Dritten verbergen und sich als das Gegenteil von dem darstellen, was er wirklich ist.

Nachdem die Mutter dieses Gutachten einem schweizerischen Bezirksgericht vorlegte, entschied man dort, dass der Vater seine Kinder nur unter Aufsicht sehen darf.

Der Arzt, der seine Zulassung behält, gab in einem auf Betreiben des Ärztlichen Kreis- und Bezirksverbandes München eingeleiteten berufsgerichtlichen Verfahren gegen ihn offen zu, dass er den Mann aus seinem Gutachten nur aus den Erzählungen der mit ihm zerstrittenen Ehefrau kannte. Er versuchte das damit zu rechtfertigen, dass es ihm um das Wohl der Kinder gegangen sei. Das Gericht sah das anders und sprach von einem “Köcher mit Giftpfeilen”, den der Arzt und Psychotherapeut seiner Patientin zur Verfügung gestellt habe.

Aus diesem Fall folgt freilich noch kein Systemversagen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn so etwas häufiger vorkommt.

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Am Ende zählt der Wille

Gegenwärtig regt sich der Wunsch, aus der Blogger-Blase herauszufinden, um politisch etwas zu bewegen. Dieser Wunsch wird von vielen Leuten empfunden. Möglicherweise deutet sich ein Wendepunkt in unserer Szene an, beruhend auf dem Eindruck, dass die Dekonstruktion von feministischen Mythen auf Dauer nicht viel bewirken wird.

Ich selber habe eine starke Neigung, mich in Deutungskämpfe und Theoriediskussionen zu verstricken. Hier finden persönliche Eigenschaften und die berufsbedingte Theorielust zu einer vollendeten Einheit, um es mal ironisch auszudrücken. Insofern habe ich mich ausführlich an Dekonstruktion und an Deutungsschlachten um die “wahre Theorie” beteiligt. Vielleicht lässt sich aber künftig ein konstruktiverer Weg finden, auch beim bloggen, indem man sich thematisch umorientiert. Auch in Blogs kann man darüber nachdenken, wie man politisch etwas bewegen kann und vor allem, was man in welche Richtung bewegen möchte.

Demokratie versus Expertokratie

Ein zentraler Punkt für mich ist die Freiheit vom Fremdbestimmung durch Experten.

Mein Votum des Alltagsmenschen gegen das Expertenwissen wird schnell missverstanden als Ignoranz dessen, was mir geschmacklich nicht passt. So ist das aber nicht gemeint. Der Alltagsmensch muss in konkreten Situationen Entscheidungen treffen und braucht dafür Kriterien, die er nicht jedes Mal erst in der Bibliothek erarbeiten kann. Dafür fehlt schlicht die Zeit. Zweitens – um mal einen radikalen Bogen zu schlagen – fußt Demokratie und demokratische Willensbildung nicht auf Expertise. In einer Demokratie hat nicht der Experte recht und bekommt darum den Beschluss, den er für richtig hält. In der Demokratie zählt der Wille, das Interesse und am Ende die Mehrheit. Ob Wille und Interesse wissenschaftlichen Theorien genügen oder nicht, ist in einer Demokratie irrelevant. Es gibt keine Instanz zur wissenschaftlichen Beurteilung des Mehrheitswillens. Gäbe es sie, lebten wir in einer Diktatur. Das ist der Preis der Freiheit, dass wir uns eben auch irren können. Freilich wissen wir auch, dass die Experten sich gerne irren. Wenigstens sind sie sich uneins, viele Experten zu konsultieren, heißt, viele einander widersprechende Meinungen aushalten zu müssen. Das lernt man spätestens dann, wenn man mehrere Ärzte zu ein und dem selben Problem befragt.

Wenn Expertenmeinungen aber keine verlässliche Urteilsgrundlage bilden, muss man eben selber urteilen. Darüber hinaus hat man die Freiheit und das Recht, selber zu urteilen, insbesondere in der Frage, wie wir leben wollen.

Interessenvertretung statt Theoriedebatten

Beide Themen finden sich übrigens verknüpft in der Debatte um Anne Wizoreks Buch. Diese Debatte eignet sich sowohl zum Nachdenken über Expertenmeinungen und ihre Legitimität wie auch für eine konkrete Positionierung, wie wir leben wollen.

Die letzte Frage möchte ich beantworten: Ich will in geschlechterpolitischen Fragen als gleichberechtigter Partner behandelt und angehört werden. Geschlechterpolitische Fragen sollten mit Männern als gleichberechtigte Interessengruppe ausgehandelt werden. Beides sollte ohne jede Vorbedingung erfolgen. Für diese Forderungen ist es vollkommen egal, ob es irgendwelche Fakten gibt, die jemand dagegen ins Feld führt: Ich will es so.

Wizorek wiederum demonstriert, warum ich das will, weil sie das Gegenteil will.

Stefanolix zitiert aus einer Rezension der taz, gleichsam als kurze Zusammenfassung der Thesen Wizoreks:

„Was es heißt, ein guter Verbündeter zu sein“, nennt sie ein Kapitel und dekretiert: „Hör zu. Und zwar richtig.“ – „Setz Dich mit Deiner eigenen Schuld auseinander.“ – „Ändere Dein Verhalten.“

Die Basis dieser Forderungen ist vermeintliches wissenschaftliches Wissen. Über die Qualität oder die Defizite der Gender Studies ist hinlänglich geschrieben worden. Das interessiert hier aber wenig. Interessant ist eher die Entwicklung der Legitimation und die Entstehung dieser “Befehle” Wizoreks an Männer. Grundlage dieser Gebote sind Theorien über die Herrschaft des Patriarchats. Das heißt, die Feministin macht ihren ersten Weg in die Universität und konsultiert Professorinnen. Die Professorinnen äußern ihr Expertenurteil. Dies ist die Grundlage für unterschiedliche Gesprächsrollen: Frau redet, Mann hat zuzuhören. Akzeptiere ich die Autorität von Professorinnen, müsste ich diese Gebote schlicht hinnehmen und mich demütig ihnen beugen. Wäre ich ein wissenschaftlicher Laie, könnte ich die Qualität des Expertenurteils noch nicht einmal überprüfen. Ich könnte nicht beurteilen, ob die Expertin irrt oder ob sie Wahrheit spricht. Ich dürfte also schon auf der Metaebene nicht mitreden, auf der es um die Gestaltung der Kommunikation zwischen Männern und Frauen geht. Legitimiert ist das durch eine mir entzogene Instanz des Expertentums. Aber dafür müsste ich dem Expertentum vertrauen. Nur das kann ich nicht. Wenn ich nicht prüfen kann, dass die Experten richtig arbeiten oder Wahrheit tatsächlich überzeugen können, dann kann ich auch kein Vertrauen aufbauen. Ich kann die Experten nicht effektiv kontrollieren. Für mich ist das Vertrauen in Experten eine riskante Wette, denn ich kann mein Urteil auf kein Wissen über die Qualität von Expertenurteilen stützen.

Es ist deshalb klüger, die Vertretung meiner Interessen eben nicht Experten zu überlassen. Das heißt letztlich, dass ich schlicht fordere, als Gesprächspartner ernstgenommen zu werden. Dies verlange ich nicht auf der Ebene irgendwelcher Theorien über das Geschlechterverhältnis. Der politisch entscheidende Punkt ist mein Interesse, das ich berücksichtigt sehen will. Mit dieser Forderung schiebe ich die Exkurse über das Patriarchat beiseite und frage mein Gegenüber: Was konkret möchtest Du, das ich tue bzw. was wir tun sollen? Und ich ergänze: Ich möchte, dass Du x tust! Die jeweiligen theoretischen Begründungen spielen in dieser Aushandlung keine Rolle, sie führen nur zu Nebenkriegsschauplätzen. Die zentrale Frage ist also nicht, wer recht hat. Die wird sich nie klären lassen. Wichtiger ist, dass jenseits aller noch so ausgearbeiteten Begründungen die Interessen jeder Seite respektiert werden.

Die Auseinandersetzung mit dem Feminismus muss daher anders orientiert werden. Sie muss beginnen mit der Forderung, dass Geschlechterpolitik jenseits der je gruppenspezifischen Theorien gleichberechtigt ausgehandelt werden muss.

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Worum es geht: Selbstbestimmung

Alltagsmenschen müssen entscheiden – autonom

Viel ist debattiert worden in den letzten Monaten, gerade auch über die Frage, was Biologie erklärt und was nicht. Diese Debatte ist reich an Missverständnissen und ideologischen Verformungen. Letztere sollen hier nicht interessieren, da die Möglichkeit eines Brückenschlages fehlt. Wichtiger sind die Missverständnisse, was letztlich zu der Frage führt, worum es geht. Damit meine ich gar nicht die Frage, worum es z.B. in der Evolutionstheorie geht. Wirklich Bedeutung für unsere Bloggemeinde hat eigentlich ein anderer Problemkreis, nämlich: Was wollen wir  – als Feminismuskritiker, aber darüber hinaus als Humanisten, als Männer, als Menschen?

Letzten Endes positionieren wir uns bzw. sollten wir das tun und das muss eine politische Haltung sein, ein Gestaltungsanspruch. Anderenfalls bleiben wir ein Diskussionszirkel für die abstrakt-theoretischen Fragen gewisser Wissenschaftssparten.

Deshalb meine ich, dass die Debatte weniger Erklärungsansprüche verhandeln sollte. Sie sollte sich letztlich um das Leben selbst drehen. Es ist in meinen Augen zu wenig, zu bestimmen, wir folgten irgendwelchen evolutionären Verhaltensregeln (bzw. zu sagen, dass deren Geltung irgendwie eingeschränkt sei). Wir müssen in der Konsequenz die Probleme des täglichen Lebens berücksichtigen. Hier kann ich an die erwähnten Missverständnisse anknüpfen:

Ich kritisiere gerne biologische Erklärungsmuster als reduktionistisch. Das tue ich dann, wenn ich das Gefühl habe, jemand erklärt zu viel und zu “imperialistisch” mit der Biologie. Ich habe dann auch einmal hinzugefügt, was mein Motiv ist: Ich lehne eine Fremdbestimmung durch Experten ab. Ich empfinde dann und wann die Behauptungen von Biologisten als Anmaßung (Biologisten sind sie dann, wenn sie behaupten, es gäbe vor allem die Biologie als Verhaltenserklärung und alle anderen Disziplinen seien sekundär). Manch einer meint ganz genau zu wissen, was mich antreibt. Genau das lehne ich stark ab.

Das Missverständnis liegt darin, dies als eine Art Sozial-Kreationismus anzusehen, also als fundamentale Evolutionsleugnung. Als Wissenschaftler ist mir das aber vollkommen fremd. Zentral ist eher, dass ich auch ein Alltagsmensch bin (wie jeder) und als Alltagsmensch handle und entscheide und viele dieser evolutionären Grundregeln die Entscheidungen gar nicht vorwegnehmen können, weil diese Regeln zu abstrakt sind für die konkreten Situationen, in denen ich entscheiden muss.

Wir alle verteidigen den Anspruch auf unsere eigene Selbstbeschreibung

Deshalb brauche ich im Alltag eine Selbstdefinition, die mich mit Entscheidungskriterien versorgt. Also behaupte ich für den Alltag auch eine – wenn auch beschränkte – personale Autonomie. Sie ist funktional, um handeln zu können. Aber darüber hinaus unterstelle ich, dass wir alle letztlich auf emotionaler Ebene einen solchen Anspruch erheben. Wir alle haben im Bauchgefühl einen Gradmesser für Fremd- und Selbstbestimmung.

Ich verstehe den Rückgriff auf die Biologie letztlich auch als Form der Verteidigung von Selbstbestimmung. Die Biologie schützt viele unserer VErhaltensweisen und Vorlieben als “natürlich”, die durch Genderisten wegerzogen werden sollen. Der Zugriff der Genderisten erscheint uns anmaßend. Wir empfinden es als empörend, dass Leute da steuerfinanziert versuchen, uns als Persönlichkeiten zu verändern. Lehrer, so scheint es, sollen uns nicht einfach nur noch Wissen vermitteln. In feministischen Fantasien sollen sie auch unsere Persönlichkeiten eichen, nach Vorstellungen, die in irgendwelchen Elfenbeintürmen ersonnen worden sind. Das würden wir auch dann ablehnen, wenn wir keine Biologiekenntnisse hätten. Aber die Biologiekenntnisse stärken unsere Abwehr, weil wir nun sagen können: Diese oder jede Eigenheit KANN NICHT umerzogen werden, sie ist gegeben.

Hier sollten wir zwei Ebenen trennen, die in der Diskussion meist verschwimmen. Einerseits  haben wir die biologischen Fakten. Andererseits haben wir die jeweilige Entscheidung, sich diesen Fakten zuzuwenden bzw. den Impuls, mit diesen Fakten gegen genderistische Umerziehungsfantasien zu argumentieren. Der Genderismus zeigt, dass dies eine Wahl ist. Wir müssen uns nicht mit Biologie befassen, wir müssen sie nicht anerkennen, wir sind also frei, uns zu irren (die wissenschaftstheoretische Basis der Biologie soll hier mal nicht das Thema sein, wackelig genug ist sie). Für mich ist diese Wahl, die wir treffen, das Entscheidende. Sie drückt einen Willen aus. Dieser ist letztlich auch die Quelle politischer Positionierungen. Zwar mögen einige Diskutanten so tun, als vollzögen sie lediglich, was die Wissenschaft ihnen aufträgt. Aber das trifft es nicht, denn ohne eine Hinwendung an die Wissenschaft bleibt diese für eine Person folgenlos. Die Beschäftigung mit der Biologie folgt auch einem Interesse und hier geht es eben nicht nur um Fortpflanzung und Selektion, sondern um eine politische Auseinandersetzung, in der die Biologie auch als ein Mittel benutzt wird.

Es kommt also darauf an, diese Interessen zu formulieren. Anderenfalls sind alle diese Debatten Scheingefechte.

Selbstbestimmung als politisches Ziel

Warum empört der Genderismus? Es mag den einen oder anderen Theoretiker aufregen, dass Genderisten die Biologie bloß als Herrschaftsinstrument des Patriarchats ansehen. Das ist in der Tat ziemlich verquer. Aber meist geht es nicht um wissenschaftsinterne Debatten. Es geht um Politik. Genderismus ist deswegen ein Problem, weil er über den Elfenbeinturm der Universität hinauswirkt durch Gender Mainstreaming, durch gegenderte Sprache, durch pädagogische Konzepte in den Schulen. Der Genderismus schafft Tatsachen und Lebensbedingungen und er ist dabei schnell übergriffig, weil er auf die Person zielt. Das Private ist ihm politisch, woraus er die Rechtfertigung zieht, in die Persönlichkeit einzugreifen. Nicht meine Rechtsstellung gilt ihm als Problem, sondern mein Mannsein an sich, meine Persönlichkeit, mein Denken, Fühlen und Begehren. Da auf dem Felde des Rechts längst Gleichberechtigung herrscht, findet der Feminismus sein Thema auch nur noch im Privaten, also in dem Bereich, der eigentlich dem Zugriff des Staates entzogen sein sollte.

Deshalb geht es letzten Endes darum, diesen Anspruch abzuwehren und das Private wieder zum Herrschaftsbereich des Einzelnen zu machen. Verteidigt werden muss die Freiheit, zu denken, was man will, sein privates Leben zu gestalten, wie man will. Im Verkehr mit dem Staat darf es nur um die abstrakten Rechtsregeln gehen. In der Schule sollte sich die Pädagogik möglichst minimalinvasiv verhalten: Natürlich erziehen Lehrer auch, aber sie sollten die individuelle Freiheit nur minimal berühren. Der Anspruch einer umfassenden Persönlichkeitsbildung muss abgewehrt werden. Ein solcher Anspruch führt schließlich dahin, dass eine Expertokratie via Curricula entscheidet, wann eine Persönlichkeit gelungen ist oder wann sie als fehlentwickelt gilt. “Persönlichkeitsbildung” ist im Übrigen auch der Auftrag der Universitäten. Zunehmend aber hat man das Gefühl, dass darunter die Formung marktgängiger Arbeitnehmer verstanden wird. In amerikanischen Universitäten darf zudem auch außercurriculär quasi Sexualmoral gelehrt werden, um die vermeintliche Rape Culture umzuformen.

Die Freiheit der Persönlichkeit muss vor solchen Übergriffen geschützt werden. Das gilt letzten Endes aber für alle Formen des Übergriffs. Insofern sollte ein Maskulismus kein Ort sein, wo der Übergriff A lediglich durch den Übergriff B ausgetauscht wird. Der Anspruch, die Persönlichkeit mitzubestimmen, hat viele Mäntel, er kann sich genderistisch, links, grün-ökologisch, aber genauso auch neoliberal oder konservativ verkleiden. Immer dann, wenn eine Gruppe meint, die Wahrheit zu kennen und die Deutungshoheit beansprucht und andere Meinungen als Irrtümer verfolgt, verliert der Einzelne seine Selbstbestimmung, welche auch die Freiheit einschließt, sich zu irren. Ich habe kürzlich Odo Marquard zitiert, der Adorno zitierte, dass Freiheit heiße, ohne Angst anders sein zu dürfen. Das setzt voraus, dass es kein Deutungsmonopol gibt, heiße sie nun Inquisition, Gleichstellungsbeauftragte oder Experte dieser oder jener Wissenschaft. Im “Namen der Rose” sagt Wiliam von Baskerville, was für ihn der Teufel ist: jemand, der meint die Wahrheit zu besitzen, und der niemals daran zweifelt (gemeint war der blinde Jorge). Da hat er recht, in jeder unbeirrten Wahrheit steckt ein totalitärer Zug. Und darum geht es letztlich: Die Verteidigung des Individuellen gegen tendenzielle totalitäre Anmaßungen.

Aber ich kann mich irren 😉

 

 

 

 

 

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Verbindung zwischen Gedankengut und Breiviks Taten.

Wie angekündigt, habe ich meinen etwas persönlich gehaltenen Dramaeintrag gelöscht. Aber ich will eine noch offene Diskussion dokumentieren und ggf. fortführen zum Thema “Verbindung zwischen Gedankengut und Breiviks Taten”.

Ausgangspunkt war meine Äußerung:

Ich bin keiner, der “Breivik” und “Homophobie” und dergleichen dauernd im Munde führt.

Leszek kritisiert (zu Recht) die fehlende Argumentation seinerseits und ich will ihm Rede und Antwort stehen, auch wenn ich den Ursprungspost als Quelle dieser Kommentardiskussion gelöscht habe.

Leszek schreibt:

@ LoMi

Ob “persönliche Attacke” oder nicht, auf jeden Fall war es ja eine “Attacke” und kein Versuch einer anlassbezogenen rationalen Kritik – und daher erlaube ich mir natürlich es entsprechend zu analysieren.

In diskursanalytischer Hinsicht versuchst du ja in deinem Text ein Bild von mir als exemplarischen Gegenpol zu einer dir selbst zugeschriebenen Haltung “ohne große Berührungsängste” zu konstruieren.
Da dein Text eventuell von Konservativen in der Männerrechtsbewegung so ausgelegt werden könnte, dass er deine Berührungsängste mit Konservativen offenbare, versuchst du dem offensichtlich vorzugreifen, in dem du mich mittels einer undifferenzierten und argumentfreien Formulierung als extremes Negativbeispiel, also als jemand mit angeblich besonders “großen Berührungsängsten” darstellst um dann auf Grundlage dieser Abwertung eine Selbstaufwertung deinerseits vorzunehmen.
Diese diskursstrategisch motivierte Abwertung von mir erfolgt wie gesagt offensichtlich nicht anlassbezogen und mit rationalen Begründungen, auch die Formulierung kann nicht gerade als differenziert bezeichnet werden.

“Ich halte es in vielen Fällen für falsch, eine direkte Verbindung zwischen gewissem Gedankengut und Breivik herzustellen.”

Dann setzt das natürlich voraus, dass du dich mit meiner Sichtweise diesbezüglich tatsächlich beschäftigt hast. Ich habe sie ja mehrfach ausformuliert, z.B. in diesem Kommentar:

http://allesevolution.wordpress.com/2014/05/17/selbermach-samstag-lxxxv/#comment-122539

 

Meine Antwort:

” auf jeden Fall war es ja eine “Attacke” und kein Versuch einer anlassbezogenen rationalen Kritik”

Ja, da gebe ich Dir recht. Sorry.

“Dann setzt das natürlich voraus, dass du dich mit meiner Sichtweise diesbezüglich tatsächlich beschäftigt hast.”

Nein. Das wäre wünschenswert und richtig, wenn ich es täte. Aber diese oben formulierte Meinung muss zunächst nicht das Produkt intensiver Auseinandersetzung sein. Das schwächt natürlich meine Position, weil ich sie nicht mit einem Festungsring aus gut durchdachten Gegenargumenten umgeben kann. Das ist mir bewusst. Diese Argumente muss ich mir zum Teil erst erarbeiten.

Ich kann daher nur umreißen, was meine Kritik ist: Ich glaube nicht, dass Bücher oder Blogs Leute schon zu Tätern machen. Diese Kritik zielt übrigens auch auf den Feminismus, der ja Sprache, Denken und Handeln auch schnell ineins setzt und dann “sprachpolizeilich” agiert. Nur ist die Zeichenbeziehung zwischen Wort und Gegenstand oder Wort und Tat variabel und sie wird vom Interpreten gestiftet. Deshalb wirkt ein Text nicht zwingend als Kommando zum Handeln.

Zweitens sehe ich eine Reihe von Schattierungen, auch auf dem rechten Flügel. Wie bekannt ist, ist nicht jeder Ausländerfeind ein Nazi oder ein Rassist. Da gibt es Abstufungen und es macht Sinn, diese Unterschiede ernst zu nehmen, um nicht alle in eine einzige Ecke einzusortieren und ungerecht als Gegner zu behandeln. Das gilt wohl auch für Leute, die Pirincci lesen und sonstwie schräge Dinge äußern. Auch diese werden nicht in jedem Falle so handeln bzw. in einigen Punkten anders denken, als es die rechts-konservative Schablone nahelegt.

Drittens sehe ich zu sehr die Gefahr der Skandalisierung, wenn man auf Breivik hinweist, eine Skandalisierung, die nicht mehr erkennen kann, welche Interessengegensätze dort miteinander konfligieren. Mit dem Verweis auf Breivik rutscht man eben doch schnell ab in die Pathologisierung des Gegners, der sich dem so ziemlich absolut Verwerflichen zugewandt hat. Insbesondere das Wort “Homophobie” beschreibt ja etwas krankhaftes, auch wenn das jetzt sicher zu spitzfindig gedeutet ist von mir. Dennoch halte ich es für eine schwierige Vokabel, nicht immer, aber ab und an schon und hier muss man sehr aufpassen, dass man sie nicht zu pauschal einsetzt. Nicht jede Stellungnahme gegen Homosexuellenrechte ist auch phobisch begründet.

 

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Selbstbestimmung vs. Biologismus

Ich werde nie verstehen, warum trotz besseren Wissens immer wieder diese windschiefe und missverständliche Metaphorik von “Wettbewerb” und “Konkurrenz” benutzt wird. Oben wird ja im Wikipedia-Zitat diese Einschränkung auch gemacht, dass Gene keine Ziele verfolgen. Aber warum kann man dann keinen adäquaten sprachlichen Ausdruck dafür finden, was eigentlich genau passiert?

Wenn ich den Artikel von Christian insgesamt deute, dann geht es hier gar nicht so sehr um Verhaltenserklärungen. Zentral ist dagegen die Ausrichtung der Selektion und damit die Verschiebung von “Erhaltung der Art” hin zu individuellen Merkmalen, die sich durchsetzen. Das klingt wenig nach Herleitung von Verhalten, sondern löst vorrangig die Idee von der Gattung auf als Merkmalsträger.

 Bisher können die biologischen Theorien denke ich vieles am menschlichen Verhalten gerade in Kombination mit Spieletheorie am besten erklären – nicht einzelne Handlungen oder Personen in der Geschichte, aber menschliches Verhalten an sich.

Jetzt kommt also noch die Spieltheorie hinzu und nun haben sich zwei moderne Reduktionismen getroffen: Der Biologismus und der Ökonomismus. Freilich gelingt das nur unter Ausblendung der Prämissen des Ökonomismus, welcher an einem egoistischen, aber bewusst kalkulierendem Individuum ansetzt. Der homo ökonomicus kann frei wählen, abgesehen davon, dass er von Natur aus immer seinen Vorteil sucht.

Wider die Expertokratie

Ich wiederhole an dieser Stelle noch einmal meine wesentliche, wenn auch nicht wissenschaftsbasierte Kritik an diesen Dingen:

Das Unbehagen an solchen Theorien rührt daher, dass Experten sich anmaßen, alles über mich, meine Motive und mein Handeln zu wissen. Sie meinen es sogar besser zu wissen als ich. Wenn ich mich anders beschreibe, gilt das aus Sicht der Evolutionisten und Ökonomisten als “Rationalisierung” und “Selbstbetrug”. Man will mir also einreden, dass ich generell mich über meine Absichten täusche. Prinzipiell gehört es zu unserer Kultur, anzunehmen, dass man Selbsttäuschungen erlegen ist. Aber niemand würde behaupten, dass er sich in allem täuscht. Jeder nimmt letztlich für sich in Anspruch, doch auch einen authentischen Kern zu besitzen und sich selbst angemessen beschreiben zu können. Auch verteidigt letztlich Jeder seine eigene Selbstbeschreibung gegen Fremdbeschreibungen.

Das mag alles auch Selbsttäuschung sein. Das kann man so sehen. Wir können die Realität unserer Vorstellungen ohnehin schlecht absichern. Wir wissen nicht, ob wir uns alles nur einbilden oder nicht. Aber das ist am Ende nicht wichtig. Denn wenn wir vollkommen Einbildung sind (abgesehen von unseren Genen z.B.), dann haben wir nie einen richtigen Gedanken. Aber dann müssen wir wenigstens in diesem Sumpf der Selbsttäuschungen einen festen Punkt setzen. Wir müssen eine Prämisse machen, von der aus wir uns selbst modellieren, uns als Person entwerfen. Anderenfalls werden wir geisteskrank.

Freiheit zum Irrtum

Der Vorwurf der Rationalisierung durch unser Gefühlsleben und unser Denken ist zugleich das Zugeständnis, dass das Gehirn frei ist, etwas anderes zu denken, als uns die Gene vorgeben. Unser Gehirn “lügt” dann und erfindet Dinge, die so nicht existieren. Dann arbeitet es aber partiell autonom und benutzt Zeichen und Zeichenbeziehungen, die im biologistischen Sinne ja nicht real sind. Wenn das Gehirn aber diese Freiheit hat zu erfinden, dann hat unser Denken eine gewisse Freiheit gegenüber den Dingen. Da doch einiges an Entscheidungen durch Denken gefällt werden im modernen Denken, ergibt sich daraus eben auch eine gewisse Handlungsfreiheit.

Wenn ich mir den Wecker stelle, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, dann folge ich einer Vernunft, einer Einsicht in die Regeln des Arbeitslebens und seines Zeitregimes. Wenn ich fachliche Entscheidungen treffe, benutze ich reine Denkgebilde als Grundlage dafür. Wenn ein Arzt eine Krankheit diagnostiziert, tut er das auf Basis des Fachwissens, auf Basis eines gedanklichen Konstruktes und nicht angetrieben durch Selektionserfolg und dergleichen.

Solche fachlichen Entscheidungen haben aber eine große Bedeutung für den modernen Alltag.

Selbstbestimmung und Anspruch auf Individualität

Doch davon abgesehen gehört es zur philosophischen Reife, anzuerkennen, dass Individuen eben selber bestimmen wollen, wer sie sind und was ihre Motive sind. Das ist ja auch das Problem des Genderismus, dass hier ebenfalls vermeintliche Experten zu wissen meinen, warum wir etwas tun. Sie unterstellen Männern stets ein Machtinteresse und zu Recht wehren sich Männer dagegen. Der Biologismus operiert nicht minder mit solchen Unterstellungen, mag er das beweisen können oder nicht. Auch er meint, dass Menschen lediglich tun, was ihrem Fortpflanzungserfolg dient und lässt nur wenig Spielraum für Individuelles. Auch er unterscheidet am Ende zwischen vermeintlichen und eigentlichen Motiven, die dann ganz simpel sein sollen: Selektion, Status, Konkurrenz usw.

Die Verwunderung ist dann immer groß, wenn viele Leute das so nicht akzeptieren, weil sie sich damit nicht hinreichend erfasst fühlen. Die schlichteren Gemüter und die Konservativen „erledigen“ diese Einwände mit dem Vorwurf des „Kulturmarxismus“. Wer die harten Fakten der Biologie nicht akzeptiere, muss quasi schon ein verkappter Genderist sein. Die einen verfolgen dabei schlicht eine politische Agenda, nämlich das Zurück zu traditioneller Arbeitsteilung der Geschlechter. Schließlich seien Frauen im Schnitt doch nicht so interessiert, so schlau, so kämpferisch, so sachorientiert wie Männer. Das legitimiert aufs Herrlichste ein Geschlechterbild aus der „guten alten Zeit“ und spielt letztlich mit Norm und Abweichung. Die Norm wird dabei biologisch begründet, so dass die Forderung nach dieser Arbeitsteilung bloß wie ein universell erstrebenswertes Zurück zur Natur wirkt. Dass sie eigentlich einfach bloß Interessen vertreten, wird damit eher verborgen. Sie naturalisieren ihre Präferenzen und geben sich den Anschein, bloß dem Naturgesetz zu diesen. Nur zeigt ja der Lebensstil vieler Menschen und sogar der Genderismus, dass man anders handeln und denken kann und dass es keinen Zwang gibt, traditionelle Männlichkeit oder Weiblichkeit zu leben.

Andere, weniger politisch orientierte Köpfe, zeigen sich schlicht naiv, weil sie die philosophische Tragweite nicht erkennen. Sie selbst sehen in der Biologie eine Möglichkeit, sich zu orientieren, warum sie als Mann so sind, wie sie sind. Dabei übersehen sie, dass Menschen dennoch verschieden sind und dass andere Menschen andere Präferenzen haben und dass sie deshalb eine Eichung auf die Annahmen der Evolutionstheorie ablehnen. Das geschieht letztlich aus gleichem Grunde, wie diese Leute zur Biologie greifen, um die Definitionshoheit des Feminismus zu brechen. In beiden Fällen wollen die Leute die Fremdbestimmung abwehren, die Anmaßung Einiger, wissen zu können, was mein Verhalten begründet und welchen Wert es hat.

Ich persönlich nehme mir die Freiheit, in diesem Punkt als Alltagsmensch mich nicht nach der Wissenschaft zu richten. Mir ist es im Alltag gleich, was irgendwelche Biologen über das Verhalten behaupten. Ich halte meinen Anspruch dagegen, selber zu wissen, was ich will und warum ich es will, selbst wenn ich anerkenne, dass Menschen in vielen Dingen biologischen und psychologischen Mustern folgen. Doch auf selbige lasse ich mich nicht reduzieren, denn eine solche Expertokratie der Identitätsbestimmung ist letztlich ein unfreies System. Ich werde aber kein unfreies System (Feminismus) durch ein anderes unfreies System (biologisch begründete Geschlechterordnung) ersetzen helfen. Ich werde im Alltag auch die Deutungshoheit irgendwelcher Wissenschaftler nicht akzeptieren. Das mag man ignorant finden. Ich nenne es Freiheit und Selbstbestimmung. Diese ist übrigens erst Grundlage dafür, wissenschaftlich arbeiten zu können, sprich: sich loslösen zu können von seinen ureigenen Interessen (z.B. Sex und Status), um zu objektiven Einsichten zu finden. Eine Wissenschaft, die sich nicht davon freimachen könnte, wäre nicht verlässlich.

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Fundstück: Telepolis kritisiert den ZEIT-Artikel über “zornige abgehängte Männer”

Für alle, die sich mit dem jüngst bei Schoppe besprochenen Artikel der ZEIT über die vermeintlich zornigen Männer (= Feminismuskritiker) interessieren, gibt es eine Reaktion von Stephan Schleim auf Telepolis.

Im Teaser heißt es:

Anstatt zu argumentieren, wird in wichtigen gesellschaftspolitischen Diskussionen heute gerne psychologisiert, emotionalisiert und stigmatisiert. Das ist bequem, denn mit Putinverstehern, Trollen, Verfassungsfeinden oder Verschwörungstheoretikern braucht man sich nicht mehr inhaltlich auseinanderzusetzen; allenfalls kann man noch über eine psychiatrische Behandlung nachdenken. In der Diskussion über Gleichberechtigung und Geschlechterrollen haben jüngst Anna-Katharina Meßmer, Mitinitiatorin des #Aufschreis gegen Sexismus, und Christina Schildmann, Referentin der Friedrich-Ebert-Stiftung, zahlreiche neue Kategorien für die Typologie der Ausgegrenzten vorgeschlagen: weiße Wutmänner, verbale Amokläufer, Web-2.0-Krieger, zornige weiße Journalisten und White Web Warriors. Der Debatte erweisen sie damit einen Bärendienst.

 

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Feminismus der Angst

Auf Allesevolution wird heute das Thema Promi-Nacktbilder diskutiert. Feministinnen haben diese Geschichte in bekannter Manier gedeutet als männliche Machtaktion.

Zentrale Prämisse dieses Feminismus ist, dass wir in einer männlich dominierten Gesellschaft leben. Alles, was Männer mit Frauen machen, machen sie, um Macht über sie zu gewinnen. Demnach kann es keinen unschuldigen Umgang mit diesen Nacktbildern geben. Es müsse dann folgerichtig angenommen werden, dass das Interesse an den Promi-Nudes allein dazu dient, diesen Damen einen Schaden zuzufügen.

Aber gerade dieser Fall und seine feministische Deutung sind entlarvend. Es wird nämlich erkennbar, wie der Feminismus arbeitet. Denn Valenti und Co. reden  und urteilen vollkommen empiriefrei über die Motive von Millionen von Besuchern der Webseiten, auf denen diese Bilder zu sehen sind. Sie haben vermutlich nicht einen dieser Nutzer persönlich nach seinen Gründen befragt. Noch weniger werden sie eine repräsentative Erhebung vorgenommen haben, um die Gründe zu ermitteln. Das hält sie nicht davon ab, diesen Leuten bestimmte sehr negative Motive zu unterstellen. 

Alleinige Basis dieser Unterstellung ist die Prämisse, es gäbe ein Patriarchat, und eine gewisse, durchaus plausible Strategieanfälligkeit des Vorhandenseins solcher Nacktbilder. Diese Prämisse operiert mit einem fragwürdigen Menschenbild: Männer wie Frauen werden hier als Quasi-Automaten gedacht, die nichts anderes können, als die strukturellen Machtverhältnisse immer wieder zu reproduzieren. Der Feminismus gesteht ihnen keinen Eigensinn zu, keine eigenen Motive und Ziele. Nur mit Hilfe eines solchen Menschenbildes kann man es rechtfertigen, das Interesse an den Nacktbildern als machtorientiert zu deuten. Sobald man Eigensinn annimmt, müsste man sich eingestehen, dass man die Gründe der Menschen erst kennen kann, wenn man sie selber danach fragt. 

Der zweite Punkt ist das worst case Szenario, das die feministische Deutung plausibilisieren soll. Tatsächlich ist es vorstellbar, dass diese Nacktbilder missbraucht werden und dass auch niedere Beweggründe zum Zuge kommen bei diesem Missbrauch. Daraus folgt aber nicht, dass die Mehrheit der Neugierigen auch wirklich dieses Missbrauchsinteresse hat. Schließlich muss der denkbare Missbrauch nicht verwirklicht werden, denn er ist nur eines von mehreren denkbaren Umgangsweisen mit diesen Bildern.

Die feministische Deutung hat sich aber gezielt auf diesen denkbar schlechtesten Fall kapriziert. Von allen möglichen Formen des Umgangs und von allen möglichen Gründen der Neugierde sucht sie sich eben jene aus, die am unmoralischten und skandalträchtigsten sind. Alle anderen werden ausgeblendet. Insofern scheint der worst case hier den Dreh- und Angelpunkt aller Überlegugnen zu bilden.

Das zeigt gewisse Parallelen zum Sicherheitsdiskurs. Auch Überwachungsfetischisten, Polizei und Innenpolitiker neigen dazu, ihr Ziel der Ausdehnung staatlicher Befugnisse durch worst case Szenarien zu rechtfertigen. Immer geht es um die Verhinderung des Ernstfalles, ganz unabhängig davon, wie wahrscheinlich dieser ist. Wichtig ist für diesen Diskurs, dass er immer ein möglichst eindrucksvolles Schreckensszenario entwirft, um das eigene Handeln zu legitimieren.

Der Ernstfall spielt in vielen Vulgärfeminismen eine ebenso bedeutende Rolle. Wir kennen das aus vielen Zusammenhängen. Jeder Mann könnte ein Vergewaltiger sein, jeder Vergewaltiger sieht aber aus wie ein ganz normaler Mann. Dieser Logik zufolge muss man sich vor den “vergifteten M&Ms” schützen, ganz gleich, wie wenige es eigentlich sind. Schließlich bestünde ja die reale Gefahr, dass man ein vergiftetes erwischen könnte. Der Radikalismus feministischer Forderungen geht häufig einher mit dem Schüren der Angst und mit der Betonung immerwährender Bedrohung, die in jeder Nische des Alltages lauert. Nicht umsonst gehört es zu den beliebten Themen des Feminismus, dass der schlimmste Feind der Frau der eigene Ehemann ist, weil so viele Männer ihre Frauen schlagen oder gar töten würden. Das gleicht sehr dem Bild des Terroristen, der in unser aller Nachbarschaft als “Schläfer” lauert und für gewöhnlich von allen als freundlich und hilfsbereit und vollkommen harmlos erlebt wird. Beide Bilder legen es dann nahe, dass man mit drastischen Vorkehrungen versucht, diese Gefahr zu bannen. Deshalb votieren Leute wie Antje Schrupp auch für den Generalverdacht gegen Männer (siehe den Nagellacktest). Hier schwingt der in konservativen Sicherheitskreisen beliebte Satz mit: Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.

Man wird sich also eingehender mit dieser Orientierung des Vulgärfeminismus am worst case Szenario befassen müssen. Eine Dekonstruktion dieses feministischen Moralunternehmertums müsste ähnliche Argumente benutzen, die auch gegen eine überbordende Sicherheitspolitik vorgebracht werden. Ein so arbeitender Feminismus müsste sich als politische Strategie entlarven lassen, da die alleinige Berücksichtigung des schlimmsten denkbaren Falles nicht beanspruchen kann, seriöse Beschreibung von Geschlechterverhältnissen zu sein.  

 

 

 

 

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