Der Maskulismus muss philosophisch reifen

In unserer kleinen Bloggergemeinde gibt es das Bestreben, einen “Maskulismus” als Bewegung und als Idee zu begründen. Dazu gibt es auch fruchtbare Beiträge, die dieses Projekt theoretisch begründen wollen.

Was mir aber manchmal fehlt, ist eine gewisse philosophische Reife. Damit meine ich nicht die akademische Philosophie und ihre nach Schulen geordneten Theorien. Ich denke eher an eine Form der Reflektion, die im ursprünglichen Sinne der Philosophie das Leben möglichst umfassend beleuchtet, um für die eigene Lebensführung etwas daraus zu lernen.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit will ich einige einfache Ideen nennen.

1.) Wir sind alle sterblich und wir sind nur Teil einer großen Masse

Eines Tages geben wir den Löffel ab und das womöglich, bevor wir unsere Projekte beendet haben. Das Leben ist kurz, wir werden niemals alles schaffen, was wir uns vornehmen. Insbesondere im Theoriebereich kann man sich komplett verkämpfen. Selbst Massenproduzenten wie Niklas Luhmann, der mehrere tausend Seiten veröffentlichte, wurde nie fertig. Angesichts dieses Umstandes muss man bescheiden bleiben. Projekte, die wir anpacken, müssen auch ein menschliches Maß haben. Und unser Anspruch an uns selbst kann nie sein, die ganze Welt umzustürzen. Einzelne schaffen das nicht. Die Mehrheit der Einzelnen bewegt und verändert nur sehr wenig. Das heißt aber auch: Als Sterbliche und als Menschen, die kaum je wirklich eingreifen, sollten wir uns selbst nicht zu ernst nehmen. Wir sollten dann und wann mal aussteigen aus der Pose des Kämpfers. Tun wir das nicht, werden wir zu tragischen Gestalten, die fortwährend an den eigenen zu hohen Ansprüchen scheitern. Das kann dann durchaus lächerlich wirken.

2.) Menschen irren sich

Wir können noch so viel lernen, wir werden nie alles wissen. Außerdem ist unsere Psyche anfällig für Selbsttäuschungen. Wir neigen nicht selten dazu, alles für einen Nagel zu halten, nur weil wir einen Hammer haben. Wir unterliegen der Vorurteilsbildung, die sich durch Gruppenzugehörigkeit ergibt. Gut erforscht durch Experimente ist dieses ingroup-/outgroup-Denken. Diese Vorurteile bemerken wir nicht, denn unser Umfeld bestätigt unsere Weltsicht. So sind wir zutiefst von etwas überzeugt, was sich aus anderer Perspektive und in anderen Umständen als reiner Irrtum erweist. Davor ist niemand gefeit, auch nicht der kluge Psychologe, der sich sein Lebtag mit Vorurteilen und Selbsttäuschungen befasst. Auch ich nicht. Deshalb ist es auch deshalb dann und wann klüger, aus der eigenen Rolle phasenweise auszusteigen. Zumindest sollte man akzeptieren, dass der eigene Standpunkt fehleranfällig oder wenigstens nur vorläufig ist. Andere werden kommen, einen widerlegen oder einfach weiterschauen als man selbst.

3.) Zufälle bestimmen uns mit

Wir denken im Westen gerne, wir seien der Schöpfer unserer Biografien. Unsere Erfolge führen wir auf unseren Plan und unsere Kompetenzen zurück. Solche Erzählungen tun so, als könnte man das Leben planen und bewusst steuern. Doch ist der Ort, wo wir zur Welt kommen, schon reiner Zufall und unserer Kontrolle entzogen. Vom Zufall mitbestimmt ist auch, wer dann welchen Einfluss auf unsere Kindheit nimmt und welche Erfahrungen wir machen. Wen wir später kennenlernen, das hat auch etwas mit Gelegenheiten zu tun. Wie diese Leute auf uns reagieren und wir sie, ist keinesfalls vorhersehbar. Beziehungen sind eigendynamisch, Konflikte sowieso, das weiß man vom Ehestreit. Wir gestalten unser Leben, aber hier und da sind wir doch auch bloß Treibholz.

4.) Was hat das mit Maskulismus zu tun?

Ein Kardinalfehler des Feminismus ist der Glaube, alles zu wissen. Man wähnt sich im Besitz einer überlegenen, die Wahrheit enthüllenden Theorie. Man meint hinter allen Ereignissen und Widerfahrnissen ein gigantisches System als Ursache zu erkennen. Das Patriarchat generiere all die Probleme, die man hat. Dieser Glaube an Ursache und Wirkung und an die eindeutige Erkennbarkeit der Zusammenhänge führt dann auch zu der großen Heilserwartung, dass man alle Probleme, sogar die mit dem eigenen Übergewicht durch Bekämpfung des Patriarchats irgendwann einmal endgültig beseitigen könne. Daher ist es auch folgerichtig, selbst einfache Worte zu Ausgeburten eines obskuren Herrschaftssystems zu erklären und deshalb die Sprache konsequent umzuformen im Dienste des Heils. Die Hoffnung, dass die Sprachreinigung irgendwas bewirken könne, kann nur derjenige hegen, der glaubt, alle Zusammenhänge zu kennen und den archimedischen Hebel ansetzen zu können.

Der Maskulismus könnte diese Fehler durchaus wiederholen, wo er dem Glauben anhängt, die feministischen Irrtümer durch die “richtige” Theorie korrigieren zu können. Sobald sich auf diesem Wege der Wahrheitsglaube einschleicht, verliert die Bewegung an Elastizität. An die Stelle von Verständnis und Gelassenheit tritt dann humorlose Sprachkritik. Hier in den Kommentaren wurde an dem Wort “Gleichstellung” herumgekrittelt. Ja, das Wort ist schwierig. Nein, das Wort ist kein magisches Ding, dass seinem Verwender automatisch und auswegslos eine einzige Form des Denkens über die Welt aufzwingt. Sprache ist oft unscharf, selbst die vermeintlich ausdefinierten Termini der Fachsprache werden nach Belieben verwendet, individuell interpretiert und umgedeutet. Hier muss man elastisch bleiben, was nur geht, wenn man diese Unschärfe anerkennt. Ein Maskulismus, der sich im Besitz der “wahren” Welterkenntnis wähnt, neigt aber dazu, unlocker zu werden. In seiner Unlockerheit kann er dann ähnlich anstrengend werden wie der Feminismus, wie eigentlich jede sich dogmatisierende Schule. Genau das gilt es zu vermeiden.

 

 

 

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13 Responses to Der Maskulismus muss philosophisch reifen

  1. m says:

    Applaus auch von mir.

    Ich will noch einen Kardinalfehler des Feminismus anführen (ich weiß, es geht hier um Maskulismus aber es ist Freitag, und ich habe frei und bin grad im Schwung, das muss reichen :)):

    Die Annahme, der Feminismus hätte „die Frauen befreit“.

    Das ist mitnichten so, denn es war natürlich Technologie. Die Technologie des weißen Mannes, no less. Daher auch diese Ungeduld das es irgendwie nicht weitergeht, das Ausweichen auf absurde Nebenschauplätze, das Grabschen nach Sprache und dann wieder die Verzweiflung, dass das alles wieder nicht funktioniert samt Beschuldigung Unbeteiligter. Das Ergebnis stimmt einfach nicht!!!1 #Aufschrei

    These: Der Feminismus kann immer nur so „weit“ sein, wie die Technologie es ihm erlaubt, die Frauen (und alle anderen) somit aus Zwängen befreit.

    • suwasu says:

      Was die Technologie angeht, stimme ich Dir zu. Vor allem kommt hier ein Denkfehler zum Tragen. Sie ereifern sich über Männerwissenschaft und Informatik als männerfixiert. Aber diese Kritiken äußern sie, indem sie Computer nutzen, das Internet nutzen und all die anderen Dinge, die Männer geschaffen haben. Sie nutzen die von Männern geschaffene Technik für ihr “Befreiungsprojekt”. Dann aber kann man doch nicht behaupten, dass diese Technik männerfixiert sei und patriarchalisch, wenn man sie auch für andere Zwecke als die vermeintliche Frauenunterdrückung einsetzen kann.

      Im übrigen kann man diesen Deinen Satz ja doch gut auf mein Thema anwenden:
      “Die Annahme, der Feminismus hätte „die Frauen befreit“.”

      Philosophisch gesehen hat auch hier der Genosse Zufall mitgeholfen. Zumindest fand ein Wandel statt, den keiner so geplant hat. Auch hatte ihn keiner so unter Kontrolle. Dinge geschehen oft. Die Technologie geschieht nicht unbedingt, sie wird gezielt entwickelt. Aber ihre gesellschaftlichen Auswirkungen sind nicht immer geplant. Daraus folgt auch, dass man als Bewegung bescheiden bleiben muss und anerkennen muss, dass sich Dinge ändern, ohne dass dies immer dem eigenen heldenhaften Einsatz zu verdanken gewesen wäre. Wer aber sich selbst idealisiert, immunisiert sich natürlich gegen Kritik und bessere Einsicht.

  2. djadmoros says:

    Sauber! Kann ich so unterschreiben!

    Was die »Richtige Theorie (TM)« betrifft, haben wir ja schon eine Grundlagenkontroverse: Christian zerrt am »biologistischen«, Elmar am »naturalistisch-nichtbiologistisch-antikulturalistischen« Ende, und ich werde mich hoffentlich demnächst irgendwo dazwischen platzieren. 🙂

    Solange wir den Boden der Wissenschaft nicht verlassen (und da bin ich eher optimistisch), sehe ich keine Gefahr, dass wir eine monolithische Ideologie daraus schmieden. Und falls doch, dürfte ich unter den ersten sein, die ganz laut »Aua!« schreien …

  3. mitm says:

    Hi LoMi,

    wieder mal ein schöner Text, und typisch für Dich. Einige Gedankensplitter meinerseits dazu:

    1. So einen Text kann eigentlich nur jemand schreiben, der mindestens 50 ist 😉 und einiges an Lebenserfahrung und außerdem ein gewisses Maß an philosophischer Schulung hinter sich hat (oder ein Naturtalent ist). Da wir ja keine Altersklasse diskriminieren wollen, stellt sich die Frage, ob und wie man den 16- bis 25-Jährigen etwas von dieser Haltung vermitteln kann. Neben dem Alter könnte auch fehlende Intelligenz bzw. Denkschulung eine Rolle spielen.

    2. Feminismus und Maskulismus beziehen ihre eigentliche soziale Antriebskraft daraus, daß sie eine Protestbewegung waren bzw. sind, Also daß bei vielen Personen aufgrund eigener als Unrecht empfundener Lebenserfahrung ein so hoher Leidensdruck entstanden ist, daß irgendeine Form von Aktivität entsteht. D.h. grundsätzlich sind die meisten Aktivisten zunächst “emotional aufgeheizt”, um es so auszudrücken. Diese Aufgeheiztheit muß sogar durch ständige Nachimpfungen erhalten bleiben, andernfalls erlahmt die Bewegung. D.h. die fehlende (oder zumindest nicht erkennbare) sittliche Reife ist in gewisse Weise systembedingt.

    3. Ich warne ja immer vor der Verwendung unscharfer Begriffe wie Maskulismus oder Feminismus. Du schreibst: “… Der Maskulismus könnte diese Fehler durchaus wiederholen, wo er dem Glauben anhängt, die feministischen Irrtümer durch die “richtige” Theorie korrigieren zu können.” Sofern man sich überhaupt einigermaßen seriös und selbstkritisch mit der Geschlechterthematik auseinandersetzen will – dahingehend argumentierst Du ja -, entstehe ein Mengenproblem, weil Begriffe wie Maskulismus oder Feminismus beliebig weit gefaßt werden können. Das Problem ist die Stoffmenge, die man, eine halbwegs solide Allgemeinbildung vorausgesetzt, zusätzlich lernen müßte, um nicht nur in Selbstzweifeln zu versinken, sondern überhaupt noch erhobenen Hauptes mitreden zu können. Mein eigener Blog kann als Versuch angesehen werden, so einen Wissenskanon zu definieren. Teilweise habe ich realisieren können, was mir so ungefähr vorschwebte, in einigen Teilbereichen bin ich noch sehr unzufrieden mit dem Zustand; leider komme ich mangels Zeit nicht ausreichend voran. Worauf ich hinaus will: die “gewisse philosophische Reife der Maskus” (oder “des Maskulismus”? Ob “der Maskulismus” philosophisch reif sein kann, sei vorerst dahingestellt) bedingt womöglich einen Wissensstand, der viele Personen ausschließt, die wie ich einen Vollzeitjob haben und nicht Zeit zum Erlernen dieses Wissensstands aufbringen können.

    4. Die obigen Punkte 1 und 3 lassen bei mir dauernd das Wort “elitär” aus dem Unterbewußtsein hochkommen. Google kennt übrigens das Wort “Elitemaskulismus” noch nicht – also Datenkrake, friß das hier:
    Elitemaskulismus (TM)
    Elitemaskulismus (TM)
    Elitemaskulismus (TM)
    Elitemaskulismus (TM)
    Elitemaskulismus (TM)
    😉 Royalitys gehen an den Bloginhaber. Soll aber hinfort keiner behaupten, wir wären nicht selbstreflektiert genug, uns dieses Problems bewußt zu sein.

    • suwasu says:

      ‘”Ob “der Maskulismus” philosophisch reif sein kann, sei vorerst dahingestellt) bedingt womöglich einen Wissensstand, der viele Personen ausschließt, die wie ich einen Vollzeitjob haben und nicht Zeit zum Erlernen dieses Wissensstands aufbringen können.”

      Korrekter Einwand. Das sollte nicht so sein. Es wäre falsch, wenn ein wie auch immer gefasster Maskulismus ein nur akademisches Projekt wäre.

      Insofern habe ich ja auch auf akademische Philosophie zu verzichten versucht, sondern mehr ein Philosophieren aus dem common sense heraus betrieben. Ich halte das für möglich, dass man die dahinter stehende Haltung gut auf “unakademisch” darstellen kann. Es ist ja ein Plädoyer für Lockerheit und ironischer Distanz. Und das kann man mit Beispielen und einfachen Sätzen bestimmt gut beschreiben.

      Elitemaskulismus – das ist mal ein geiler Terminus! ;-D

      • mitm says:

        Elitemaskulismus – das ist mal ein geiler Terminus! ;-D

        Hat geklappt, unsere Datenkrake hat’s gefressen.
        Bisher ist die Seite hier der einzige Treffer, da geht noch mehr. 😉

      • suwasu says:

        Da sieht man, dass Maskulismus auch mal Spaß machen kann. ^^

      • emannzer says:

        Klasse @suwasu:

        “Insofern habe ich ja auch auf akademische Philosophie zu verzichten versucht, sondern mehr ein Philosophieren aus dem common sense heraus betrieben. Ich halte das für möglich, dass man die dahinter stehende Haltung gut auf “unakademisch” darstellen kann. Es ist ja ein Plädoyer für Lockerheit und ironischer Distanz.”

        So sehe ich das übrigens auch und lese u.a. deshalb deine Beiträge (auch die von “mitm”) sehr gerne, weil sie eben auf das ganze ‘Wortungetümbrimborium’ verzichten.

        Als Wirtschaftsinformatiker könnte ich schon rein zeitlich nicht so tief einsteigen, wie es mancherortens wohl getan wird. Und wozu auch?

        Ich bin immer noch der Meinung, dass es Menschen mit umfangreichem und fachspezifischeWissen beherrschen sollten, Dinge prägnant und auch für Laien verständlich auf den Punkt zu bringen.

        Wer das nicht kann, der (oder die) ‘verschwurbelt’ imho eher unverständlich und schreckt ab. Ob das nun ein Elitemaskulismus ist, kann ich nicht beurteilen, finde aber deinen Artikel großartig.

      • suwasu says:

        “Ich bin immer noch der Meinung, dass es Menschen mit umfangreichem und fachspezifischeWissen beherrschen sollten, Dinge prägnant und auch für Laien verständlich auf den Punkt zu bringen.”

        Das finde ich auch!
        Es ist allerdings oft schwer und macht Arbeit.Aber man sollte sich diese Arbeit machen, wenn man von anderen verstanden werden will. Manche wollen das offenbar nicht.

  4. Gerhard says:

    Ich stehe ja nicht so auf Theoriegebilde, weil die in der Praxis eh kaum helfen. Ich bin ja auch noch unter 50. Punkt 2 kann ich nur zustimmen. Die von M angeführte Technologie des weißen Mannes ist ein Knaller, das gehört auf jeden Fall rein.

    Was ich allerdings schräg finde, ist daß Du in Punkt 4 erstmal Feminismus erwähnst. Wenn Du etwas selbst aufbauen willst, so machst Du das doch nicht als Negativ von etwas anderem. Du stellst Deine Theorie auf sehr tönerne Füße, wenn Du sie von einer anderen abhängig definierst.

    • suwasu says:

      ” Du stellst Deine Theorie auf sehr tönerne Füße, wenn Du sie von einer anderen abhängig definierst.”

      Dem stimme ich zu. Man sollte einen positiven Bezugspunkt finden.

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